Vom Unglück ummantelt

Manchmal sitzt man einfach nur da und grübelt darüber, wie es weitergehen soll. Ob eine schwere Trennung, schreckliches Heimweh, der Verlust des Jobs oder (ja, so etwas kann leider auch passieren) der absolute Lieblingsmantel, der inzwischen ausverkauft ist. Überall. Auch im Onlineshop.
In solchen Situationen fragt man sich schnell: “Wo soll das alles hinführen?” oder  “Wie soll es denn jetzt bitte weitergehen?” Oder eben auch “Soll ich jetzt  einfach ohne diesen Mantel weitermachen, als hätte es Ihn nie gegeben?”
Unter dem Motto: Es geht immer irgendwie vorwärts versuche auch ich mich in solchen Momenten zusammen zu reißen. Mit kleinen Ausnahmen. Denn zunächst gönne ich mir etwas Drama und Theatralik. Dann renne ich schluchzend durch die Wohnung, während ich alle drei Meter wimmernd rufe “Mein Leben ist nicht lebenswert”. Gestern war ein solcher Moment. Und meine Mitbewohner? Die liefen schulterzuckend an mir vorbei. “Weißt Du, Johanna”, erklärte mir dann mein Mitbewohner Gürkan (den ich an guten Tagen liebevoll Gürkchen nenne). “Erst vor einer Woche mussten wir Dich trösten, weil die Milch abgelaufen war”. “Und am Tag zuvor”, ergänzt Felix, “war Dein Leben nicht lebenswert, weil unser W-Lan ausgefallen ist”.

Gut, ich bin schon hin und wieder eine Dramaqueen. Aber wenn man dann keine Milch fürs Müsli hat oder sich nicht an dem neuesten Instagrampost von Kim Kardashian belustigen kann, weil das Internet nicht funktioniert, ist dann etwas Trost zuviel verlangt? Hier und da eine kleine Umarmung. Oder einfach mal zu hören, wie wundervoll meine Frisur heute aussieht. Ja, so etwas hilft. „Johanna, es geht immer irgendwie vorwärts. Auch ohne Milch, funktionsuntüchtiges Internet. Und auch ohne diesen komischen Mantel, von dem Du im übrigen schon zwei Ähnliche hast.“ Der Meinung ist Felix. Ich bin es nicht. Und telefoniere umgehend mit meiner Mama, der ich direkt von meiner unglücklichen Situation erzähle. Nachdem ich Ihr klarmachen konnte, wie dringend ich diesen einen Mantel für mein Lebensglück gebraucht hätte und wie schrecklich mich meine unsensibelen Mitbewohner behandeln, war ich doch ziemlich sicher, dass es wahr ist: Mein Leben ist nicht lebenswert.
“Ach mein Kind”, sagt meine Mama dann. „Es geht immer irgendwie vorwärts. Pack Deine Sachen und komm‘ übers Wochenende nach Hause. Ich koch’ Dir was schönes.” Das hilft mir tatsächlich etwas (auch wenn ich ein Kompliment bzgl. meiner Frisur genauso aktzeptiert hätte). Und so husche ich wortlos an meinen Mitbewohnern vorbei, packe meine Sachen und verlasse ohne Mantel und ohne Abschied die Wohnung. Denn der Matel war ja ausverkauft. Und ich bin ja sauer. Und mein Leben ist ja – wie gesagt – sowieso nicht lebenswert.
Am Bahnhof angekommen, warte ich auf meinen Zug. Dann fragt mich eine ziemlich gelangweilte Bahn-Mitarbeiterin: “Sie wollen nicht zufällig nach Kaiserslautern?” “Ähm…doch”, antworte ich. Und ahne schon, dass mein Leben erstmal nicht lebenswerter wird.  “Tsja, dann mal viel Glück! Die Züge fallen heute alle aus. Da müssen Sie wohl umdrehen!” Kann es noch schlimmer werden? Bye, bye schönes, erholsames Wochenende mit Kochservice und Sonnenbad im Garten.
Also trotte ich zurück, in meine Wohnung, an meinen Mitbewohnern vorbei (hatten die überhaupt bemerkt dass ich weg war?), direkt in mein Zimmer und schmeiße mich weinend aufs Bett. Mein Leben ist nicht lebenswert, das steht dann mal fest.

In diesem Augenblick bekomme ich eine E-Mail: Gute Nachrichten, Frau Böshans. Ihr Mantel ist Online wieder verfügbar und nun 30% im Sommersale reduziert.
Ich strahle. Und bestelle. Und dann rufe ich meine Mama an. Diese ist völlig enttäuscht, mich am Wochenende dann doch nicht bei sich zu haben.
“Und was soll jetzt aus dem ganzen Essen werden, das ich vorbereitet habe?”
„Keine Sorge Mama. Im Leben geht es immer irgendwie vorwärts.“
Solange man nicht mit der Bahn fährt!

 


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DIE STRUMPFHOSENDEPRESSION

Ich bin verrückt nach Röcken und Kleidern in ganz vielen Formen und Farben. Ich trage Sie fast ausschließlich. Zum einen, weil’s einfach so schön feminin ist. Zum anderen, weil die Stoffe so fröhlich-belebend im Wind tanzen und das doch gleich irgendwie glücklicher macht. Und nicht zuletzt hab‘ ich Sie am liebsten, weil Hosen die gravierende Begrenzung meiner Beinlänge (ja, die sind zu kurz) einfach zu schockierend wahrheitsgetreu offen legen. Kurz nach dem Hosenbund trifft man bei mir schon auf die Knöchel. Nicht schön.
Da lobe ich mir zum Beispiel meinen neuen Lederrock. High-Waist natürlich – dann denkt gleich jeder Laie, wie uuuunglaublich groß ich doch bin. Dass mein Bauchnabel immer noch auf gleicher Höhe sitzt, wie schon am Tag zuvor und dass meine Beine über Nacht kaum 10 cm länger geworden sein können, diese Fakten gehen an dem Betrachter vorbei. Ein Glück!

Es gibt nur einen schrecklichen Nachteil, wenn man so gerne das neue Kleidchen ausführt, statt sich in die Jeans zu quetschen: Wenn es zu kalt ist, braucht Frau einfach Strumpfhosen.
Ich gehöre leider zu der Spezies, der immer zu kalt ist; die auch dann noch im Wollpullover über die Straße läuft, wenn andere Menschen schon längst die kurzärmelligen, hochsommerlichen Shirts herausholen und in Flip-Flops umher eilen. Nun wohne ich eben nicht in Spanien, sondern in Deutschland. Und da es damit gefühlte neunzig Prozent des Jahres zu kalt für “beinfrei” ist, bleibt mir eben nur noch der Griff zur Strumpfhose.
Versteht mich nicht falsch, Strumpfhosen finde ich generell ganz super. Gerade in schwarz machen sie das Bein gleich noch ein wenig schlanker (kann ja auch nie schaden). Leider jedoch sind Strumpfhosen nicht unzuerstörbar. Mehr noch. Ich gehe soweit, zu behaupten: Strumpfhosen sind die suizidgefärdesten Kleidungsstücke, die ein weiblicher Kleiderschrank so hergeben kann.
Manchmal laufe ich die Straße entlang, stolpere, falle hin: Schon habe ich ein Loch in Kniebereich der Strumpfhose. Manchmal laufe ich zu knapp an einer Wand vorbei, bleibe mit der Strumpfhose hängen: Schwupps – mein halber Oberschenkel ist frei.
Manchmal ziehe ich meinen allerliebsten Armschmuck an, der so schön klimpert, gestikuliere etwas zu wild: Direkt im Anschluss bin ich übersät mit kleinen Laufmaschen und Löchern.
Und dann gibt es die Tage, an denen ich mich von allem distanziere, was Ecken und Kanten hat, ziehe keinen Schmuck an, versuche mich so wenig wie möglich zu bewegen. Dann freue ich mich, dass ich die Strumpfhose ein zweites mal tragen kann, bis ich dann abends die riesen Laufmasche entdecke, die (auf dubiose Art und Weise) ganz ohne mein Zutun in meine Strumpfhose gelangt ist. Verdammt selbstmörderisch, die Dinger. Und teuer.
Zu teuer, auf die Dauer. Deswegen vermeide ich diesen Stress hin und wieder. Heute zum Beispiel. Und so quetsche ich mich eben mal wieder in die quälend-ehrlichen Jeans. Auch wenn ich nun wieder optisch meiner Standardgröße entspreche, so hat es doch etwas befreiendes, sich bewegen zu können, wie man will. Adrenalin-getrieben schlendere ich nur haarscharf an der Wandtapete mit rasierklingenähnlicher Struktur entlang (ich alter Draufgänger). Behangen von Ringen und Armreifen (sogar mit Nieten), gestikuliere ich mich wild durch den Tag. Ich kann so oft über etwas drüber stolpern und hinfallen, wie ich nur will (und dies mache ich wirklich sehr oft!): Am Ende des Tages wird die Jeans noch in genau dem Zustand sein, in dem sie heute Morgen war.
Und auf meinem Heimweg, ohne löchrige Beinbekleidung, frage ich mich, warum ich mir diese Strumpfhosen-Dramatik wieder und wieder antue. Wie leicht und bequem das Leben doch in einer Hose sein kann.
Wie unbekümmert.
Das will ich jetzt immer!
Nie wieder Strumpfhosen!

Dann begegne ich einer Bekannten.
„Hey Johanna, ich hätte Dich fast gar nicht erkannt. Mir ist vorher gar nicht aufgefallen wie klein Du bist.“
Ich lächle gequält.
„Ich kann leider gerade gar nicht quatschen….muss noch einkaufen.“
„Lebensmittel?“

„Nee, einen Jahresvorrat an Strumpfhosen.“

 

 


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DER COUNTDOWN LÄUFT WIEDER!

 

Es ist ein Tag wie jeder andere. Für viele. Für mich nicht. Für mich ist mein Geburtstag der schönste Tag des ganzen Jahres. Auch Weihnachten und Ostern können nicht dagegen ankommen. Mein Geburtstag gehört nur mir alleine und an dem will ich einfach mal so richtig gefeiert werden, verdammt.
Am 7. Juni war es wieder soweit und für niemanden in meinem Umkreis kam dieses Ereignis überraschend. Zum einen, weil ich bereits einen Monat im Voraus nur noch Geburtstagsthemen auf den Tisch packe. Zum anderen, weil ich zeitnah (und nur zur Sicherheit) einen Geburtstags-Countdown erstelle, den ich jedes Jahr per Mail an einen ausgewählten Kreis sende. Einfach nur, damit ihn niemand vergisst: meinen Geburtstag.
Warum bist Du bitte so wild auf Deinen Geburtstag. Dabei bist Du doch schon so alt? fragt mich mein Mitbewohner Felix. Das “alt” habe ich einfach mal überhört. Die Thematik betrifft schließlich meinen Geburtstag. Aber trotzdem, eine wirkliche Antwort habe ich darauf nicht. Tatsächlich sind bisher einige meine Geburtstagsparty nicht so rosig abgelaufen, wie geplant.
Da erinnere ich mich zum Beispiel an das rosa Fahrrad mit weißem Korb und rosa Quietschklingel, das ich zum 7. Geburtstag um ca. 13 Uhr von Papa bekommen habe. Und ich erinnere mich an das gleiche rosa Fahrrad mit weißem Korb und rosa Quietschklingel, das ich um ca. 13:30 Uhr zu Schrott gefahren habe.
Oder es fällt mir mein Geburtstagskleid von Joop ein, das ich mit größter Fürsorge hegte und pflegte, bis ich mich an meinem 13. Geburtstag etwas zu sehr den schönen, hellen Geburtstagskerzen näherte. Chiffron-Kleider sind leicht entflammbar. Das weiß ich jetzt.
Oder es fällt mir die Klettertour ein, an dem die Hauptperson (ich natürlich) einen Stein auf den Kopf bekommen hat und nicht freudestrahlend, mit entsprechender Torte in der Hand, am Tisch –  sondern 4 Stunden mit Mama und Loch im Kopf in der Notaufnahme saß.
Nein, man kann nicht davon sprechen, dass meine Geburtstag bisher reibungslos abgelaufen sind. Trotzdem liebe ich jeden einzelnen.

Doch es ist nicht so, dass ich nur meine Geburtstage für etwas Besonderes halte. Genauso würdige ich auch andere. Dann oft sogar etwas mehr, als das Geburtstagskind selbst. So ziehe ich zum Geburtstag meines Mitbewohners Felix “Ichmachmirnixausgeburtstagen” Müller bereits um 5 Uhr morgens mein hübschestes Kleid an, blase alle Luftballons auf, verteile künstlerisch die Luftschlangen in der Küche, richte den Frühstückstisch, schreibe eine Geburtstagskarte, zünde die Kerzen an und schmeiße den zweiten Mitbewohner Tobi aus dem Bett (eindeutig die größte Herausforderung an diesem Morgen), um dem Geburtstagskind standesgemäß Happy Birthday und einen schönen Tag zu wünschen.
Ich freue mich.
Felix freut sich.
Tobi freut sich auch. Innerlich.
Find ich schön, dass Du auch andere Geburtstage so würdigst, meint Felix anerkennend.
Apropos Geburtstag!
Ich ziehe eine goldene Tiara und mein neues Leo-Kleid hervor. Denkt ihr das Outfit ist für meinen nächsten Geburtstag zu übertrieben?
Johanna, Du fängst jetzt nicht ernsthaft schon ein Jahr im voraus mit der Planung an?

Nein, natürlich nicht!

Die Handys meiner Mitbewohner piepsen.
Eine E-Mail:
“Dies ist ein automatischer Countdown. Nur noch 335 Tage bis zu Johannas Geburtstag!”

 


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ICH HAB’S DOCH GEWUSST!

Manchmal sitze ich so in der Mittagspause und suche nach Gemeinsamkeiten zwischen den IT-Jungs und mir. Die Jungs lieben Red Bull. Ich aber so gar nicht. Die Jungs wissen, wie man eine Inkognito-Seite am PC öffnet. Ich weiß noch nicht einmal, was eine Inkognito-Seite ist. Die Jungs können jeden Satz aus Star Wars zitieren. Ich kenne weder eine Person, noch eines dieser komischen Ungeheuer und frage mich, ob Star Wars und Star Trek eigentlich das gleiche ist…
Jetzt habe ich ein gemeinsames Interesse gefunden: New Girl! Eine Serie, die ich mit mehr Leidenschaft verfolge, als die Preisreduzierungen meiner geliebten Coccinelle-Bag (noch 10 €, dann kann ich Sie mir leisten!). Meine Kollegen fänden das auch alles ganz super und wir hätten in friedlichem New-Girl-Einklang leben können, wenn ich nicht noch nebenbei – in völligem Leichtsinn – erwähnt hätte, dass ich jede Folge vorher einmal genau durchlese, bevor ich sie mir anschaue. Ich weiß einfach gern, mit was ich es im nächsten Moment zu tun habe, bin gerne darüber informiert, welche Darsteller sich wann verlieben, wann geweint und wann gelacht wird. Und ich vergöttere das Gefühl, am Ende sagen zu können: Ich hab’s gewusst. Dieses vorherige Durchlesen beschränkt sich aber nicht nur auf New Girl. Ich möchte gerne noch im Vorspann jedes Films wissen, ob mich ein Happy End erwartet, denn ich finde es nur allzu unerträglich, wenn ein Clownfisch-Papa versucht seinen Clownfisch-Sohn Nemo zu finden und ich den ganzen, endlos-langen Film nicht weiß: Wird er Nemo denn am Ende finden??? Die Jungs sind schockiert. Ich bin es nicht. Denn ich weiß ja immer, was passiert. Und, keine Sorge: Nemo wird gefunden! Und ich hab’s direkt gewusst.

Das ganze Team ist schockiert. Die IT-Jungs ganz besonders. Und ich ahne, dass ich diese Information vielleicht hätte für mich behalten sollen. Aber wenn ich “Spoiler-Alarm” lese, klicke ich nicht verächtlich weg, sondern reibe mir die Hände und freue mich, wieder etwas anschauen zu können, ohne mich zu erschrecken, vor Spannung durchzudrehen oder enttäuschende Filmenden hinnehmen zu müssen. Ein Geist lauert um die nächste Ecke? Wusste ich schon! Die Torte, die gerade verspeist wird, ist vergiftet? War mir klar! Okay, die IT-Jungs finden, dass ich mir damit einiges an Spannung nehme. Aber ich finde, ich habe schon genug Spannung in meinem Leben, die ich kaum aushalte – brauche ich das dann noch in der Fernsehunterhaltung? Allein wenn eine verheißungsvolle, neue Zahl an meinem Fashionfeed aufblinkt, steigt die Spannung bei mir ins unermessliche, ob da ein neues Schmuckstück auf mich wartet.

So lange ich Euch nichts verrate, ist mein Verlangen nach einem Wissensvorsprung doch ganz allein meine Sache, finde ich. Dem stimmen dann auch die IT-Jungs zu. Wow, schon wieder ein gemeinsamer Nenner zwischen den Jungs und mir. Da findet sich bestimmt noch eine dritte Gemeinsamkeit!
Ich bin verzückt und schlage zur Beruhigung der Gemüter gleich einen Serienabend rund um New Girl vor. Die Jungs sind dabei. „Super, heute kommt nämlich die Folge, in der Jess Geburtstag hat. Die ist gut. Am Ende hat Nick einfach das ganze Kino für Sie reserviert und alle sind dort versammelt, aber Jess ahnt überhaupt nichts“, rufe ich begeistert.
Die Jungs starren mich entgeistert an.

„Johanna, jetzt wissen wir doch schon genau, was in der Folge passiert“mault Ben auf.
„Prima, wieder eine Gemeinsamkeit!“ Hab ich’s doch gewusst…

 


 

Ich packe meinen Koffer…

…und nehme mit: Völlige Ahnungslosigkeit! Vor Wochenendtrips überfällt mich nämlich jedesmal die absolute Panik. Mit was soll ich mein kleines, fliederfarbenes Köfferchen füllen? Und wie schafft man es, den Inhalt eines 81×180 cm großen Kleiderschrankes in einen 54 x 30 cm kleinen Reisekoffer zu quetschen? Das Einzige, was derzeit auf meiner Einpack-Liste steht: Eine Zahnbürste.
Wenn nur alles so einfach wäre!

Die große Problematik liegt hier eindeutig an meiner angeborenen Entscheidungsschwäche, wenn es um die Suche nach den richtigen Outfits geht. Diese allmorgendliche Suche kann mal nur 10 Minuten dauern. Zum Beispiel wenn einem das altbewährte Lieblingsoutfit ins Auge sticht und alle relevanten Stücke gewaschen und gebügelt bereitliegen. Man braucht nur noch hineinzuschlüpfen und fühlt sich pudelwohl. Leider kommt diese Situation bei mir in etwa so oft vor, wie Tage an denen ich gestehe, zu viele Kleider zu besitzen. Korrekt, dies passiert niemals! Und, selbst wenn das Lieblingsoutfit tatsächlich tragebereit im Schrank hängt, heißt es noch lange nicht, dass es auch wirklich an dem heutigen Tag tragbar ist. Entweder fehlt das wichtigste Accessoire(Wo hab’ ich die Kette noch gleich hingelegt?) oder die Stiefel sind derzeit untragbar (Ach ja, ich wollt ja noch zum Schuhmacher). Manchmal sieht man in dem bewährten Kleid auch einfach nur irgendwie 5 Kilo schwerer aus als gestern. Und hin und wieder hat man das Outfit auch einfach satt. Irgendwas ist immer. Oder irgendwas fehlt immer. Und lässt mich damit verzweifeln.

Dieses Drama spielt sich also morgens bei der Kleiderauswahl ab – und das, obwohl man nur ein Outfit für einen Tag planen muss. Nun kann man sich gut vorstellen, wie ich mich fühle, wenn ich für mehrere Tage, unterschiedliche Gelegenheiten, ungleichmäßige Wetterverhältnisse und wechselnde Gelegenheiten planen muss. Trotzdem schaffe ich es nach langer Umzieherei, ein Tagesoutfit auzuwählen: Leokleid, Goldschmuck, Jeanshemd, Wildlederstiefel, bronzefarbene Strumpfhosen und meine neue Satchelbag. Kaum aus der Wohnung, stelle ich leider fest, dass meine Strumpfhose so gar nicht zum Leokleid passt. Also drehe ich um, suche eine neue Strumpfhose, die jedoch leider so gar nicht mehr zu den Stiefeln passt. Deshalb schlüpfe ich direkt in meine Ballerinas, suche mir dementsprechend eine neue Tasche heraus und verlasse dann – endlich und in einem ganz anderen Outfit als noch vor einigen Minuten – das Haus.

Völlig k.o. von dieser sportlichen Höchstleistung, komme ich zu dem Schluss, dass ich es wohl nie schaffen werde, mich auf einen gelungenen Kofferinhalt festzulegen. Betrübt kaufe ich noch schnell das, was mir am leichtesten fällt: Eine Zahnbürste für den Trip. Sie ist Marineblau mit Reisekappe und flexiblem Griff.
„Na also“ denke ich, hake gedanklich diesen einzigen Punkt auf meiner Liste ab und bin überrascht, wie schnell man manche Dinge doch erledigen kann. „So einfach wie die Entscheidung für ‘ne Zahnbürste kann das Kofferpacken doch weitergehen“, jubiliere ich im Office voller Hoffnung und halte siegreich meine neue Zahnbürste in die Luft.

„Sehr gut, Johanna! Die hab ich auch. Nur in einem Fliederton“, meint Helen.
Fliederton?
Das würde ja schon irgendwie besser zu meinem Reisekoffer passen.
Mist!
Ob man die Zahnbürste noch umtauschen kann?

 


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JUST CALL ME JOOP-HANNA

In der gestrigen Mittagspause habe ich etwas Interessantes gehört: Alles, was wir mögen oder verabscheuen hängt nicht an unserem persönlichen Geschmack, sondern daran, welche einschneidenden Erfahrungen wir damit gemacht haben.

So ein Quatsch! Ich kann dieser Theorie wirklich nicht zustimmen!
Im Teenageralter habe ich beispielsweise meine erste Röhrenjeans geschenkt bekommen, die ich auch gleich in der Schule trug – und wurde daraufhin ganz bitterböse ausgelacht. Ein kleines, speckiges Mädchen in absolutem Retro-Chic… Offenbar war ich meiner Zeit voraus und damit die Witzfigur der gesamten Klasse 5c. Diesen Auftritt kann man aus wirklich keinem Blickwinkel als positiv verbuchen. Die Röhrenjeans wurde natürlich nach Schulschluss von mir persönlich in die hinterste Ecke meines Kleiderschrankes verbannt.
Doch heute? Heute trage ich nur noch Röhre. Und den Gedanken an mich als Witzfigur in Röhrenjeans habe ich lediglich als “Erfahrung” verbucht. Ich liebe meine Röhrenjeans – trotz dieser ersten Erfahrung.
Und bin damit offenbar ein ganz fabelhaftes Vorbild, an dem sich jeder ein Beispiel nehmen sollte!

Denn wenn ich mich so umhöre, dann trifft die oben genannte Theorie bei so ziemlich allen anderen Personen in meinem Umkreis zu. So erklärt mir eine Freundin, dass sie unglaubliche Panik vor Friseurbesuchen hat, weil ihr vor 15 Jahren einmal ein Friseur einen Bob verpasst hat. Ein Bob trotz Mondgesicht. Natürlich verstehe ich die damalige Dramatik im Hinblick auf dieses Verbrechen. Aber nach 15 Jahren könnte man doch auch diesen Vorfall einfach mal nur als “Erfahrung” abhaken!? Eine andere Freundin hatte im Sommer vor einigen Jahren ein Tanktop an. Worauf ihr dann ihre 80-jährige Großtante Ruth attestierte, sie habe einfach nicht die Arme für so etwas. Seit besagtem Tag meidet sie Tanktops und alles, was so ganz und gar ärmellos ist und begründet dies in regelmäßigen Abständen mit der bereits verinnerlichten Aussage von Großtante Ruth: Ich habe einfach nicht die Arme für sowas. Dass sie inzwischen regelmäßig Fitness macht und so definierte Arme hat, wie Madonna sie sich nur wünschen könnte, blendet sie aus. Großtantchen hat das irgendwann mal gesagt. Großtantchen hat also Recht. Großtantchen trägt auch Socken unter den Gesundheitssandalen – aber das tut ja hier nichts zur Sache. Zumindest nicht für meine tanktoplose Freundin.
Somit habe ich gerade in Sachen Mode und Stil ein eindeutiges Ergebnis zu verzeichnen: Es stimmt! Wenn wir etwas Neues ausprobieren, fällt und steht dieser neue Look mit der ersten einschneidenden Erfahrung, die wir damit machen. Von dieser Theorie ist scheinbar wirklich jeder betroffen – außer ich! Denn ich trage meine Röhrenjeans weiter mit Stolz, Anmut und Grazie!
Und ich bin es damit wohl wirklich: Ein ganz fabelhaftes Vorbild, an dem sich jeder ein Beispiel nehmen sollte!

Und plötzlich lacht Helen, meine Kollegin und Sitznachbarin, laut auf. Du hast Dir nicht wirklich gerade diesen abgehalfterten Joop!-Pullover mit J-Print bestellt!?
Doch! Ich liebe diesen Pullover, seit meine Mama mir zu Grundschulzeiten erklärte, der “J-Aufdruck” stünde eigentlich gar nicht für Joop, sondern für Johanna. Ja, nur deswegen bin ich solch eine Joop-Verehrerin, selbst wenn mir diese Schnitte absolut nicht stehen.

Ich weiß, was ihr jetzt denkt.
Das zählt aber nicht.
Denn ich wills doch unbedingt sein: Ein ganz fabelhaftes Vorbild, an dem sich jeder ein Beispiel nehmen sollte!

 


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HAI-FASHION

Das Leben spielt oft genug verrückt. Gerade in Sachen Mode.
Erst vor einigen Tagen saß ich beim Zahnarzt, zur leidlichen Kontrolluntersuchung, in der ich mich – wie so viele – regelmäßig versuche wegzuträumen. Gar nicht mal so leicht, wenn ich an der Decke mein Spiegelbild erkenne und dabei genau sehe, wie der Mensch mit Kittel in meinem Mund herumfuchtelt. Dabei ist mir direkt aufgefallen, dass mein Jeanshemd offensichtlich die besten Jahre hinter sich hat. Mitgenommen und ausgefranst sieht das ganze aus und ich bekomme direkt das Gefühl von Unordnung und dem Drang, mich umzuziehen.
Doch warum fühle ich mich bei der Entdeckung dieses unbeabsichtigten Löchleins plötzlich so schlecht, obwohl eine Kollegin erst vor kurzem mit einer komplett durchlöcherten Jeans ins Office kam? Destroyed ist wieder im kommen, bestätigt Sie die Vermutung von uns allen und wird damit zum Hingucker des Tages.
Es ist schon lustig, wie ein Fashion-Fauxpas manchmal nur einen wohlklingenden Namen braucht – um ihn der Umgebung als Stilrichtung verkaufen zu können. Was man dazu braucht? Einfach nur den nötigen Stolz und die passende Einstellung, damit das ganze auch glaubhaft rüberkommt. Und zur Sicherheit präsentiert man ihn einfach auf dem eigenen Modeblog.

Man hat gerade erst 4 Wochen auf diese absurd schmackhaften Kohlenhydrate verzichtet, das Fitnessstudio mehr als einmal im Jahr besucht und die Kleider sind deswegen plötzlich viel zu weit? Gar kein Problem, einfach mit Gürtel an den Körper schnüren und nebenbei erwähnen, wie trendy Oversized schon wieder ist. Alle Lieblingsoutfits, die sich in Ihrer Kombination bisher unglaublich gut bewährt haben, sind noch in der Wäsche und übrig bleibt nur die Karobluse zur Pünktchenhose? Spitze, Patternmix geht – gerade an sonnigen Tagen – doch immer.
Dann blättere ich ein Modemagazin durch und sehe Selma Blair, wie Sie mit einer ausgeleierten Jeans, abgewetzten Chucks und ziemlich unförmigen Pullover durch die Gegend läuft, Ihre Haare (eindeutig Bad-Hair-Day) unter einer weiten Mütze versteckt.
Die Arme. Bestimmt gestresst und kein bisschen Zeit sich zurecht zu machen – denke ich.
Die Grandiose. Lässig gestylt, im immer wiederkehrenden Boyfriendlook mit hipper Beany gelingt es Selma Blair auch hier wieder beim schlendern durch New Yorker Straßen Trends zu setzen – sagt mein Modemagazin.
Soso, während ich Miss Blair also bemitleide, bewundern Sie so viele andere in diesem Aufzug, in dem ich höchstens den Müll untertragen würde, als IT-Girl. Was da wohl noch so alles möglich ist?

Gerade als ich überlege, welche Fashionsünden sich noch so in meinem Schrank verstecken, die ich mit ein bisschen Kreativität und den passenden englischen Begriffen in neue Trends verwandeln könnte, unterbricht mich mein Zahnarzt: “Johanna, ist Dir bewusst, dass dir gerade hinter Deinem Schneidezahn ein weiterer Zusatzzahn wächst?” Nein, das war mir bisher nicht bewusst. Und tatsächlich entdecke ich mit halb verdrehtem Gesicht diesen kleinen, spitzen Neuankömmling, der schon etwas an einen Haifischzahn erinnert. Und nun? Raus damit? fragt mein Arzt. Niemals, rufe ich. Der bleibt erstmal drin. Das Praxisteam guckt mich verwundert an. Sicher, dass Du mit dem Look leben kannst? hakt die Arzthelferin nach. Wenn Selma Blair es mit dem “Boyfriendlook” schafft, macht mir so ein bisschen “Hai-Fashion” nichts aus, und ich zeige Ihr sofort mein überzeugendstes Lächeln.

Hai-Fashion? Die Arzthelferin guckt verwundert in die Runde.
Ich geb dem Trend noch wenige Wochen, dann hat er sich rumgesprochen.
Ganz bestimmt.
Und zur Sicherheit sollte ich vielleicht einen Modeblog dazu eröffnen.

 


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DRAMA, BABY!

…, denn nur eine kann Germanys next Topmodel werden. Vorbei sind die Zeiten, in denen mir dieser Hinweis aus dem Off noch Gänsehaut erzeugt hat. Zu Ende die Abende, an denen ich selbst zur Jurorin wurde, Laufstegakrobatik beurteilte und die Chancen auf dem aktuellen, internationalen Modelmarkt analytisch dargeleget habe.
Während Staffel 1 und 2 war ich als Zuschauer noch ganz vorne mit dabei und habe gehofft, gebangt und gegrübelt, wer nun Heidis Nachfolgerin wird. Doch bei der dritten Nachfolgerin (wie hieß sie doch gleich?) und der absolut inflationär gewordenen Off-Stimme … Nur eine kann Germanys next Topmodel werden. Und nur eine schafft es auf das Cover der Cosmopolitan, war der Spaß für mich vorbei. Ich frage mich ernsthaft: Haben die Macher der Show etwa vergessen, dass wir inzwischen ganze sieben Topmodels haben, die alle einmal vom Cover der Cosmopolitan grinsen durften? So einzigartig ist man also gar nicht mehr, wenn man zur Siegerin der Show gekührt wird. Ich denke, eine neue Standard-Ansage aus dem Off muss her: … denn nur 8 können Germanys next Topmodel werden. Und nur 8 schaffen es auf das Cover der Cosmopolitan. Vielleicht aber auch 11. Je nachdem, wieviele Staffeln wir machen.
Richtig, inzwischen sind wir bei Staffel 8 angelangt und nachdem doch alles irgendwie schon dagewesen ist, dreht es sich mehr denn je um Drama, Drama, Drama. Sie knutscht mit einem Male-Model, obwohl sie doch vergeben ist? Sie ist so extrem hübsch, ob sich da nicht doch ein Schönheitschirurg an dieser viel zu perfekten Nase ausprobiert hat?
Besonders erstaunlich finde ich, wie die Kamera ganz zufällig hinschaut, wenn sich die Mädels anschreien, herumfluchen und sich gegenseitig terrorisieren. Der Zufall will wohl, dass die Kamera immer jede dramatische Wendung einfängt. Mein Papa sagt, es gibt keine Zufälle. Recht hat er.

Diese extremen Zickereien sind selbst für mich inzwischen einfach zu viel geworden. Immer Lärm, immer Gekreische. Vielleicht sollte man sich von so viel Hysterie und Drama verabschieden und stattdessen einen gemütlichen Freundinnenabend abhalten. Einen ruhigen Abend voller tiefsinniger Gespräche und entspanntem Umstyling, statt zuzuhören, wie sich halbausgewachsene Teenies anschreien. Bei uns fängt niemand an, weinend im Kreis zu rennen, wenn man ihr an die Haare will. Meine Freundinnen sind direkt begeistert und statt mit dramatischen Geschichten, tauchen sie mit Rotwein, Gesichtsmasken und einer Ombre-Haarfärbepackung auf.
Nur eine kann Germanys next Topmodel werden. Pah! Von wegen! An einem solchen Donnerstagabend schaffen wir dies alle drei. Und zwar friedlich, harmonisch und total entspannt.

Plötzlich kippt die Flasche Rotwein über meinen cremefarbenen Teppich, als meine Freundin schockiert festgestellt hat, dass ich das Haarfärbemittel um 40 Minuten Einwirkzeit überschritten habe. Typisch Johanna, kreischt sie und versucht dabei hektisch die Farbe aus den, doch etwas zu hell gewordenen, Haarspitzen herauszuwaschen. Dabei sprenkelt sie sich die Farbreste genau auf ihre neuen Seidenshorts. Sie flippt aus. Ich versuche fluchend den Rotweinschaden zu beheben. Und – überrumpelt von der inzwischen weißlichen Haarpracht – bricht meine andere Freundin lautstark in Tränen aus.

Gut. Nächste Woche dann wieder Germanys Next Topmodel.
Dort kann nur eine Germanys next Topmodel werden.
Aber die kann man dann wenigstens auf „lautlos” stellen.

 


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DUFTPROBEN-DEBAKEL

Es kommt nur auf die innere Größe an! So sagt man.
Klar, dass ich mich, bei meiner sehr begrenzten Körpergröße von 1,59 m, auch genau an solchen Sprüchen orientiere. Leicht fällt es mir jedoch nicht, dieses Mantra kontinuierlich zu verinnerlichen. Beispielsweise, wenn ich es mal wieder gerade so und nur mit Hilfe meines Kinderhockers schaffe, mein Lieblingparfum aus dem Badezimmerregal zu angeln, immer vorbei an den ganzen, uralten Duftproben in Plastikfolie. Oder wenn ich beim Blick in den Badezimmerspiegel, den meine Mitbewohner angeblich auf “Standart-Höhe” platziert haben, nur mit Ach und Krach meine Augenbrauen erkenne. Und dann wundern sie sich, wenn mein Rouge recht willkürlich im Gesicht verteilt ist.
Erst vor einigen Tagen dann der endgültige Schock: Ich kann niemals Stewardess bei Air Berlin werden. Nicht, dass ich das wollte. Dennoch ein Schock. Ich bin 6 cm zu klein für den Job. Meine Kollegin zuckte nur die Schultern und meinte „Die teuersten Parfums sind in den kleinsten Flacons.“

Und ich glaube, da ist was Wahres dran. Erst vor kurzem stand ich knapp vor der Verschuldung, nur um diesen einen Dior-Duft im Mini-Flacon zu ergattern.
Hat es also etwas wertvolles, wenn man klein ist?
Ettliche Stars haben es immerhin auch im Kleinformat geschafft. Marilyn Monroe, Kylie Minogue und selbst Amy Adams wurde mit gerade einmal 1,63 m Körpergröße für einen Oscar nominiert. Also plane ich direkt ein Zusammentreffen mit meinen Freundinnen am 2. März, um die diesjährige Oscar-Nacht zu verfolgen. Wenn Amy Adams gewinnt, dann ist das quasi ein Sieg für alle kleinen Frauen. So sehe ich das zumindest und habe damit einen Grund mehr, die ganze Nacht vor dem Fernseher zu verbringen. Meine Freundinnen versammeln sich bei mir, Snacks werden bereitsgestellt und das beste Parfum wird aufgelegt (ja, wieder ein paar wertvolle Tröpfchen Dior gehen dahin). Und schon erblicke ich Amy Adams. In ihrem dunkelblauen Maxidress sieht sie unglaublich strahlend aus – und gar nicht mehr so klein.

Wahrscheinlich hat meine Kollegin mit ihrer Flacon-Theorie absolut recht. Auch meine Freundinnen sind davon begeistert und rätseln sofort, welches Parfum ich dann wohl sei. Ich sehe mich eindeutig als Chanel Nr. 5, während meine Freundin Laura mich eher unter “Duft aus der Drogerie” einordnet. Während ich ihr an die Gurgel gehe (langjährige Freundschaft hin oder her), einigen wir uns doch noch auf Chanel Nr. 5.
In Chanel-getränkter, allerbester Stimmung, die vermutlich für immer anhält, kuschele ich mich in die Kissen, während im TV endlich zu später Stunde Amy Adams den Oscar…NICHT gewinnt.
Stattdessen wird Cate Blanchett gekührt. Mit Ihren unverschämten 174 Zentimetern.

Laura sieht meine Enttäuschung: „Denk daran, Johanna. Fühl‘ Dich wie Chanel Nr. 5!“
Und das tu‘ ich.
Wie die Duftproben-Version in meinem Badezimmerschrank.
Haltbarkeitsdatum: Abgelaufen.

 


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VON SCHUHEN UND GLITZERSTIFTEN

Manchmal, besonders wenn ich mich schlecht fühle, stelle ich mich vor den Schrank, öffne ihn und sehe: Meine Freunde. Selbstverständlich habe ich nicht meinen kompletten Freundeskreis in meinen, sowieso schon überfüllten, Kleiderschrank gesperrt. Ich spreche hier aus tiefster Seele von meinen Schuhen.
Wem jetzt ein Bild von wunderbar hochwertigen High Heels á la Sex & the City vorschwebt, in dem die neuesten Trends und die hochwertigsten Materialien vertreten sind, der sollte dieses Bild ganz schnell wieder verwerfen. Bei mir lagern vor allem ziemlich mitgenommene Treter und Schuhe der Sorte, bei der die eigene Mutter die Hände über’m Kopf zusammenschlägt und ruft “Kind, wie läufst Du denn rum?” Dass es Zeit ist, manch ein Paar meiner Schuhe zu entsorgen – dieser Gedanken macht mir in etwa so viel Freude, wie der bevorstehende WG-Putzdienst, den ich bisher auch schon erfolgreich aufgeschoben habe. Aber genau wie die Staubflocken in den Ecken, kann ich auch den Gedanken einer Entsorgung meiner besonders mitgenommenen Schuhe nicht mehr allzu lange ausblenden.

Nicht nur meine Mutter macht sich Gedanken um meinen – sagen wir – modischen Ausnahmezustand. Auch mein Schuster Anton (ja, wir sind bereits per Du und hatten schon die ein oder andere nette Plauderei miteinander) zweifelt inzwischen an meinem Geisteszustand. “Johanna”, ruft er oft, wenn ich mal wieder das kleine Lädchen betrete, in den Händen viel zu oft ein löchriges Etwas, das ich gerne, wie ein kränkelndes Haustier behutsam in den Händen trage. “Du sorgst zwar für mein regelmäßiges Einkommen, aber wie oft soll ich diese abgelatschten Teile noch zusammenflicken?”. Eigentlich hat er recht. Vor allem, wenn man bedenkt, dass mich die Reparaturen inzwischen um einiges mehr gekostet haben, als die Fußbekleidung im Neuzustand.

Immer, wenn ich einen neuen Riss an Verse oder Fußspitze entdecke, blutet mein Herz. Aber entsorgen?
Nur einmal, als ich mit meinen cremefarbenen Ballerinas aus wunderbarem Leder durch die nassen Straßen getänzelt bin, ich dann plötzlich in einer Pfütze stand und merkte, wie das kühle Nass langsam durch das große, irreparable Loch an meiner Sohle drang…da habe ich einen kurzen Moment mit mir gehadert und gedacht: “Irgendwann ist ja mal Schluss. Sie müssen weg.” Inzwischen lagern sie immer noch wohl umsorgt und gemütlich eingebettet in meinem Schrank.

Trennungsschmerz ist etwas Schreckliches, wenn die so heiß geliebten Schätze im Müll enden sollen. Wenn sich meine beste Freundin den Arm bricht, denke ich ja auch nicht gleich an Entsorgung. Genauso schwer wie echte Freunde, finde ich zu neuen Schuhen, die einen Platz in meinem Herzen ergattern. Dafür mehrt sich die Zahl an Schuhpaaren, die zum Tragen nicht mehr geeignet sind und dennoch meinen Schrank blockieren. Es ist auch nicht so, als würde ich nicht für Neues sorgen. Ständig klingelt der Postbote, weil ich wieder ein neues Paar günstig ergattert habe. Aber bei Schuhen bin ich eben sehr speziell. Inzwischen stapeln sich die Schuhkartons mit unberührtem Inhalt. Keines der neuen Schuhpaare hat mich restlos überzeugt.

Wie einfach wäre es doch, wenn man bei der ersten Betrachtung schon feststellen könnte, ob diese Schuhe zu Favoriten werden. Doch mit Schuhen ist es bei mir oft wie mit einer neuen Freundschaft. In der Grundschule wollte ich meine Sitznachbarin und neue beste Freundin danach auswählen, wer die besten Glitzerstifte zu bieten hatte. Ich musste mich dreimal umsetzen, weil mir diese Person nebenan – trotz beeindruckendem Glitzerstift-Repartoire – so gar nicht geheuer war. Irgendwann wurde ich neben einem Mädchen platziert, die weder Glitzerstift, noch Sticker, noch Süßigkeiten zu bieten hatte. Ich war enttäuscht, dieses Mädel war offensichtlich einem löchrigen Hausschuh gleich: Nicht brauchbar, ziemlich glanzlos – und doch ist sie bis heute meine beste Freundin. Und wenn ich könnte, ich würde auch sie in meinem Schrank aufbewahren.

Wo die Liebe hinfällt! Deswegen werde ich weiter die Augen nach Schuhen offen halten, kaufen und manchmal wieder verkaufen.
Und wenn dann DAS Päckchen mit DEN Schuhen kommt, die mich – warum auch immer – restlos glücklich machen. Dann werde ich sie wieder bis zum Schuhtod tragen.

Ich werde ausgelassen über die Staubflocken in meiner Wohnung, unter mürrischer Betrachtung meiner Mitbewohner, nach draußen marschieren. Direkt in die Stadt. Und suche mir weitere Schuhe. Und einen Glitzerstift.

 


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