Atemlos dahingeschmolzen

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Eigentlich wollte ich mit meiner Freundin kitschige Filme schauen und Schokolade futtern. Wie man das an einem verregneten Sonntag nun mal macht. Doch die war krank und ich war deprimiert. Aber wie sagt man so schön? Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich irgendwo ein Fenster.
Mein Fensterchen war hier eindeutig die Sauna. In einem Jahr als Neu-Schwabe, habe ich es tatsächlich noch nie in die Sauna geschafft. Verspannungen 4. Grades (wenn ich dies als medizinischer Kenner mal so behaupten darf) und der Drang nach wohliger Wärme, brachten mich also dazu, dieses Defizit nun endlich einmal auszugleichen.
In der Sauna angekommen, roch es schon so schön nach einer Mischung aus billigen Badelatschen, Chlor und Nadelholz-Aromen. Schnell huschte ich also in die Umkleidekabine, machte die Tür hinter mir zu – und bemerkte kurz darauf, dass diese Tür keine Griffe besaß.
Ich saß in der Falle.
In der Umkleidekabinenfalle.

Klar, ich hätte Ruhe bewahren, logisch nachdenken und mir überlegen können, dass man in einer solchen Anlage niemals Türen ohne Griffe konzipieren würden, die sich nicht irgendwie auch von innen wieder öffnen ließen! Da ich aber leider ich bin, zu klaustrophobischen Anfällen neige und mir in solchen Situationen zu gerne vorstelle, wie man hier wohl nach ca. 3 Monaten meine halb verweste Leiche finden würde, war logisches Denken nicht mehr möglich.
Also verwarf ich das mit dem logischen Denken und dachte an den Spruch: Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich irgendwo ein Fenster. Und dann sah ich mein persönliches Fenster: Eine mikrige Öffnung am Boden der Kabine. Also versuchte ich mein Glück und quetschte mich hindurch. Ich war schon halb gerettet, als mich von oben ein weiterer Badegast misstrauisch begutachtete: „Ähm…in der Kabine sind Henkel an den Sitzbänken. Damit lassen sich die Türen ganz einfach öffnen!“ Ich denke nicht, dass ich mich jemals so flink auf einem Boden liegend rückwärts bewegt habe und direkt wieder in der Kabine stand – direkt vor einem Henkel mit der Aufschrift „Türöffner“. Ganz ehrlich: Wer bringt so etwas an einer so unauffälligen Stelle an?
Und so kam ich (nachdem der Badegast verschwunden war) aus der Umkleidekabine.
Durch die Tür.
Wie jeder normale Mensch.
In solchen Momenten überlege ich mir dann schon, ob Entspannung bei mir jemals eintreten kann. Aber ich gebe ja niemals auf und finde immer einen Weg (wenn auch einen unbequemen, der unter einer Umkleidekabinentür entlangläuft).
Entgegen meiner Vorstellung und der Beschreibung meines Mitbewohners, fiel das Angebot an Saunen ziemlich mager aus. Gerade einmal zwei Saunen und die gleich mit 90 Grad (!) standen zur Verfügung. Viel zu heiß für meinen Geschmack. Aber wenn es nun mal mehr nicht gab!? Also ging ich zähneknirschend in die überhitzte Sauna, die zudem auch noch ein penetrantes Aroma von Birke bot. Und während ich so da lag, fragte ich mich, ob ich wohl gleich eher am Birkenduft ersticken oder dank der Hitze dahinschmelzen würde. Beides tat ich nicht, stattdessen hopste ich alle 5 Minuten hinaus, kühlte mich ab und ging anschließend wieder hinein. Die anderen Saunagäste waren nicht begeistert, aber 90 Grad hält doch keiner länger als 5 Minuten aus!
Gerade, als ich überlegte, noch ein 6. Mal eine 5-Minuten-Sauna-Action auf mich zu nehmen, fragte ich mich ein weiterer Saunagast (glücklicherweise nicht der gleiche, der mich auf die Umkleidekabinentürmisere aufmerksam machte), warum ich nicht einfach in eine weniger stark beheizte Sauna gehe und zeigte auf ein verstecktes und ultra-winziges Schildchen, auf dem geschrieben stand: „Weitere Saunen im 1. OG“. Daneben ein klitzekleiner Pfeil der auf eine noch klitzekleinere Treppe zeigte, die wiederum in ein absolut verstecktes, absolut unauffälliges weiteres Stockwerk führte. „Aber süß, dass Du scheinbar dachtest, das hier unten wäre schon alles“, lachte der Saunabesucher.
Ich lachte nicht und verschwand stattdessen mit hochrotem Kopf (natürlich von der 90 Grad Sauna) nach oben. Dort wartete dann endlich das Paradies auf mich. Perfekt beheizte Saunen, tolle Dampfbäder, wunderbare Ruheräume…und für all das hatte ich inzwischen nur noch 20 Minuten Zeit!

Doch dann, kurz vor Ende der Öffnungszeiten, lag ich endlich in der richtigen Sauna, im richtigen Stockwerk! Und ich dachte wieder an den Spruch: Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich irgendwo ein Fenster. Und trotzdem – oder gerade weil Tür und Fenster verschlossen sind- ging es einem in dieser Sauna doch so blendend.
In der verschlossenen Umkleidekabine dagegen, hatte ich mich lange nicht so wohl gefühlt.
Auch nicht in der 90 Grad Sauna.
Schon gar nicht bei diesem penetranten Birkenaroma!

Doch jetzt konnte ich all das hinter mir lassen.
Und gerade, als ich mich freute in der perfekten Sauna, in der perfekten Wärme und dem perfekt (dezenten) Orangenaroma zu liegen, wechselte die (bisher perfekte) Hintergrundmusik und es ertönte: Eine Instrumentalversion von Helene Fischers „Atemlos“.

Und ich dachte nur noch:
„Wie gerne wäre ich noch immer in dieser Umkleidekabine gefangen.
Gerne auch bei 90 Grad!
Mit vollem Birkenaroma!


https://www.flickr.com/photos/3n/3811240323

Besuch von Madame K.

Ja, ich glaube an so manches. Ich glaube, dass man drei mal auf Holz klopfen sollte, wenn man über böse Vorahnungen redet, um diese in der Zukunft zu vermeiden. Ich glaube auch, dass man Kopfweh bekommt, wenn man Handys nachts zu nah bei sich hat. Ich glaube, dass es keine Berechtigung für Pfennigabsätze gibt, die 5 cm unterschreiten! Ich glaube wirklich einiges und nicht jeder teilt diesen Glauben. Ich bin darin auch manchmal sehr flexibel, so kann es vorkommen, dass kein Holz zum klopfen in der Nähe ist, oder ich (nach einer durchtanzten Nacht) das Handy sogar im Bett liegen habe. Aber es gibt eine Sache, an die glaube ich ohne Unterlass: Karma!
Ich bin mir sicher: Alles, was Du tust, fällt über kurz oder lang wieder auf Dich zurück.
So waren eigentlich auch die Schmerzen im Skiurlaub absehbar. In dem Skiurlaub, als mein Cousin Philip darauf bestand, immer eine Mütze zu tragen, um sich die Kopfhaut nicht zu verbrennen. In meinen Augen sah die Mütze ziemlich doof aus. Im übrigen war es auch viel zu warm für sowas. Und deswegen tat ich das, was wahrscheinlich jeder an meiner Stelle getan hätte: Ich fuhr neben Philip die Piste hinab und machte mich über ihn lustig.
Am Abend machte ich keine Witze mehr. Denn da lag ich mit verbrannter Kopfhaut (das sind wirklich abartige Schmerzen!) und einem gewaltigen Sonnenstich im Bett, während der Rest der sonnenschutztragenden Mannschaft (inklusive dem putzmunteren Philip) in der Hütte feierten.
Hätte ich damals nur vom Karma gewusst, ich hätte vermutlich auch in Argentinien bei meiner Freundin Sophie anders gehandelt. Damals fanden wir auf einem Ausflug Katzenbabys mit passender Katzenmutter. „Kommt nicht auf dumme Gedanken, ihr zwei“, hatte damals Sophies Papa gesagt, als wir ganz hin und weg von den Kätzchen waren. „Die sind noch so klein, die müssen bei Ihrer Mutter bleiben. Also wehe, Ihr verschleppt die!“
Bis heute bin ich zeitgleich entgeistert und entzückt, wie gut Sophies Papa uns damals schon, mit 9 Jahren, kannte und einzuschätzen wusste. Als wir auf dem Weg zurück nach Buenos Aires waren, war er also zunehmend skeptischer, als Sophie und ich bereits brav angeschnallt im Auto saßen, mit seligem Grinsen im Gesicht. Trotzdem fuhren wir los, kamen aber nicht weit. Das Katzenbaby, das wir herausgepickt, entwendet und zu unserem Eigentum erklärt hatten, musste ja leider anfangen, ganz erbärmlich zu miauen.
Kurzerhand wurde das Katzenbaby zurückgebracht, wir wurden zurecht gewiesen und bei der nächsten Pinkelmöglichkeit im Freien setzte ich mich versehentlich in einen Kaktus. Stacheln im Po für ein entführtes Katzenbaby…so denkt sich das Karma doch immer gerechte Strafen aus.
Toll am Karma ist, dass man immer versucht, ein guter Mensch zu sein, mit Anstand, Moral und nur ganz wenigem illegalen Gedankengut. Schlecht am Karma ist, dass, wenn man mal doch irgendwie aus welchen Gründen auch immer etwas blödes macht, man gleich besorgt sein muss, was das Leben für Strafen bereit hält.

Man kann sich meine Verzweiflung vorstellen, als ich vor einiger Zeit versehentlich eine Kette geklaut habe. Ja, versehentlich. Und ja, so etwas passiert mir wirklich. In Stuttgart ist aber auch nicht jeder Laden darauf ausgerichtet, die Ausgänge erkennbar zu markieren. Und so kam es, dass ich beim Stadtbummel eine Kette ganz toll fand und nur noch mal ganz kurz ins zweite Stockwerk wollte, um herauszufinden, ob es da noch etwas gab, wofür es sich lohnte, Geld auszugeben. Am Ende der Treppe wartet jedoch nicht, wie vermutet, der zweite Stock, sondern der Ausgang. Ich stand also draußen. Auf der Straße. Mit der unbezahlten Kette in der Hand. Der Schock saß tief, ich wurde in diesem Moment versehentlich zum Verbrecher.
Also wartete ich ca. 10 Minuten stocksteif vor der Ladentür und wartete darauf, von den Mitarbeitern eingefangen und abgeführt zu werden. Doch keiner kam. Wäre ich wieder hineingelaufen, hätte es vermutlich gepiepst, man hätte mich sofort, ohne Befragung abgeführt, eingebuchtet und ich wäre im Gefängnis verrottet. Ja, leider habe ich ein sehr blühendes Vorstellungsvermögen.
Kurzerhand machte ich also das Etikett ab, zog die Kette an, ging in die nächste Filiale (glücklicherweise nur 500 Meter weiter) und kaufte ein unglaublich hässliches Armband, als kleine Wiedergutmachung.
So versuche ich, meine Karmapunkte immer wieder im Gleichgewicht zu halten.
Ob das immer perfekt klappt? Ja, ich dachte eigentlich schon. Bis zu vergangenem Wochenende, als ich Babysitterdienst bei meinem Patenkind Thelma übernahm. Angereist war ich voller Vorfreude, frischer Windeln und scheinbar ausgeglichenem Karmapunktekonto. Bis es Zeit zum Wickeln war. Baby Thelma hatte einen perfekten Pipistrahl parat, als ich gerade die Windel entfernt hatte. Klitschnass fragte ich mich natürlich sofort, ob das Baby diesen perfiden Pipiplan geschmiedet hatte, um mich zu ärgern. Doch noch eine Stunde zuvor hatte Thelma an einem Leckerli von Hund Elsa herumgeknabbert und so verwarf ich den Gedanken gleich wieder, dass die selbe Person genug Gedankengut besaß, um etwas zu planen.
Gerade habe ich die Pipi-befeuerung als doofen Zufall abgetan, als das Baby nach meiner (versehentlich gemopsten) Kette griff, mit vollem Kampfgewicht von 9 Kilo daran zog und das Schmuckstück kaputt riss.
Ich war schockiert.
Das Baby grinste schadenfroh.
Und ich stellte nur zwei Fragen:

Karma, warst Du das?
Wenn nicht, besuchst Du dann bitte mal direkt Baby Thelma?


https://www.flickr.com/photos/devnull/295537590

Einfach abhängen!

Das Leben ist das, was passiert, während Du Pläne machst. Bis auf Carrie Bradshaws Aussage Shopping ist mein Herz-Kreislauf-Training habe ich keine so wahre Aussage mehr gehört.
Was habe ich nicht schon alles geplant? Und was ist dann nicht alles anders gekommen?
Aber kann nicht auch mal alles so laufen, wie man es geplant hat? Und so lade ich kurzerhand meinen guten Freund Martin nach Stuttgart ein, um ihm eine bestens durchgeplante Touristenführung in meiner neuen Heimat zu bieten. Jeden noch so winzigen Programmpunkt habe ich akribisch geplant und genau durchdacht. Also hole ich gleich morgens mein perfektes Touristenführungs-Outfit, bestehend aus cremefarbenem Kleid mit meinen Gelb-Beigen Sandalen und der Jeansjacke, hervor. Alles sollte nach Plan laufen. Nach meinem Plan. Den ich absolut im Griff habe.
Plötzlich klingelt Martins Handy. Seine Schwester ist dran, die genau wie ich in Stuttgart wohnt, und fängt an, uns zu einer Kletterpartie im Hochseilgarten zu überreden.
Martins Augen glänzen vor Freude und schon ahne ich, dass aus meinen ursprünglichen Plänen nichts wird. Bye, bye, Stuttgarter Markthalle mit all Deinen Köstlichkeiten. Adios Stuttgarter Kaufhaus Breuninger, wo ich mein wöchentliches Herz-Kreislauf-Training absolvieren und gleichzeitig die neusten Herbstkleidchen anprobieren kann.  Willkommen richtige sportliche Betätigung.
„Machen wir da mit?“ fragt mich Martin mit einer Begeisterung, die einem kleinen Kind kurz vor Weihnachten ähnelt. Natürlich sage ich zu und trauere schon meinem aufwändig herausgesuchten Tages-Outfit nach. Ich bin kein Kletterexperte. Doch in ahne, dass Sommerkleid und Sandalen nur bedingt für eine Klettertour geeignet sind.
Auf dem Weg zum Hochseilgarten stimme ich mich auf die abartigen Höhen im tiefen Wald ein, indem ich Martin erläutere, warum Menschen von Natur aus eher auf den Boden gehören und dass Eichhörnchen – entgegen der allgemeinen Annahme – keine Vegetarier sind. Martin versichert mir, dass er sich vor blutrünstigen Eichhörnchen in Acht nehmen wird und trotzdem fürs Klettern ist. Dass Männer auch immer den Helden markieren müssen.
Noch bevor ich selbst die erste Plattform erklimmen kann, habe ich schon eine Schramme an der Schulter, einen blauen Fleck und einen blutigen Daumen. Ich ahne, dass das nicht gut ausgehen kann. Und als der Sicherheitsanweiser mitteilt, dass die Schwierigkeitsstufen in Form von Eichhörnchen gekennzeichnet sind, verdunkelt sich meine Vorahnung noch ein ganzes Stück. „Oh, wie niedlich, das mit den Eichhörnchen“, freut sich Martins Schwester. „Du glückliche Ahnungslose“, denke ich.
Und schon turnen Martin und ich auf Seilen in abnormen Höhen herum, anstatt gemütlich auf dem Weindorf die verschiedensten Weinsorten zu testen.
Das Leben ist wirklich das, was passiert, während Du Pläne machst. Und mein Plan besteht zurzeit darin, nicht in die Tiefe zu fallen. In diesem Moment trete ich neben das Seil, rutsche gefühlte 5 Meter in die Tiefe und baumele, wie ein Schinken beim Metzger, einfach nur noch hin und her. Kurzerhand ruft ein Mann genervt: „Hey, kommt mal bitte. Hier muss eine junge Dame gerettet werden!“
Und dann? Ja dann beobachten ca. 20 Passanten auf sicherem Boden, einige Kletterwütige aus luftigen Höhen und auch ganz sicher das ein- oder andere blutrünstige Eichhörnchen, wie eine 26-Jährige Hobby-Touristenführerin aus den Seilen geangelt wird.

Ich bin betrübt.
Martin lacht. „Jetzt hast Du wenigstens wieder reichlich Stoff für eine neue Kolumne“.
Ich gebe ihm Recht.
„Vielleicht sollte manchmal tatsächlich einfach mal nichts planen!“
„Dafür können wir heute Abend einfach ganz gemütlich abhängen“, verspricht Martin.
Einverstanden.
Aber nicht in 10 Metern höhe.
Und ohne Eichhorn!!!

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/glidetaro/948639385