Das „Nein“ auf dem Ja-Markt

Nein zu sagen ist gar nicht so leicht. Eigentlich sage ich immer „ja“.
Gerade, wenn man mich fragt, ob ich mich irgendwo anschließe oder mitmache, sage ich das viel zu oft und leichtfertig -noch bevor ich realisiert habe, was ich durch diese Zusage in Gang setze.
Doch selbst, wenn ich mich vor einer Zusage ernsthaft hinsetze und die Folgen dieses „Ja“ bedenke, hilft es doch nichts. Denn in diesen Momenten bin ich viel zu naiv. Ich, die Jetzt-Johanna, traut dieser Zukunfts-Johanna einfach mal verdammt viel zu. Offenbar traut auch mein aktuelles Umfeld dieser Zukunfts-Johanna zu viel zu.

„Johanna?“ fragt mich damals meine ehemalige Kollegin Helen. „Machst Du mit mir diese neue Paleo-Diät? Geht nur 30 Tage“. „Ja“ sage ich. Und habe vor der Zusage noch nicht einmal Google befragt, was es mit dieser Diät auf sich hat und auf was man verzichten muss. Hauptsache, ich sitze mit in diesem Boot des Verzichtes und der Selbstquälerei.
Noch während ich dann im Supermarkt stehe und mir überlege, was ich denn abends kochen kann, ohne dazu Milchprodukte, Weizenprodukte, Nüsse, Samen oder sonstige Lebensmittel die mir schmecken zu verwenden, verfluche ich mich für diese Leichtigkeit, mit der ich mich an irgendwelchen Aktionen beteilige.
Kaum sind die 30 Tage der Quälerei überstanden, öffne ich mir meinen lang ersehnten Joghurt, tunke den Löffel hinein, quietsche etwas vor Freude und verspreche der Zukunfts-Johanna nie wieder solche unüberlegten Aktionen zu starten – da erhalte ich eine Nachricht per WhatsApp: „Ey Johanna, schon mal vegane Wochen probiert? Die Stars schwören drauf! Machste mit?“ 
Und während die Zukunfts-Johanna blass wird, tippt die Jetzt-Johanna schon ohne Umschweife „Ja klar“ ein.
Wenn ich schon mal eine Paleo-Diät durchgezogen habe, werden so ein paar Wochen vegane Ernährung dann so schlimm sein?
„Ja“, murrt die Zukunfts-Johanna, als Sie kurze Zeit später beim verspeisen Ihrer Hirse mit Gemüse, neidisch und leidvoll auf den gebackenen Ziegenkäse Ihrer Sitznachbarin starrt.
Um nicht mehr in Versuchung zu kommen, nochmal  ohne meinen Joghurt auskommen zu müssen, bestücke ich meinen Kühlschrank kiloweise mit diesem köstlichen Produkt. „Man muss nur wissen, wie man sich selbst überlistet“, strahle ich und finde die Jetzt-Johanna auf einmal ganz schön schlau. „Finde ich sehr geschickt!“, stimmt mir meine Kollegin Natalia zu und ergänzt: „Sag mal, im Juli ist doch dieser Firmenlauf in Stuttgart. Organisierst Du den für die ganze Agentur und läufst Du dann auch selbst mit?“
„Ja“, antworte ich sofort, offenbar völlig berauscht von meinem Kühlschrank-Paradies aus Joghurtbechern und melde mich und weitere Kollegen bei diesem Firmenlauf an. 
Kaum ist die Anmeldung durch, fällt mir ein klitzekleines Detail auf, über das ich vielleicht doch vor dieser Anmeldung hätte nachdenken sollen: Es gibt gute Läufer und es gibt schlechte Läufer. Ich bin die dritte Version: Ein schlechter und extrem langsamer Läufer. Eigentlich laufe ich auch nur, weil vor einigen Monaten eine ganz neue Sportkollektion im H&M hing, die ich unbedingt haben wollte.
Eine solche Sportkollektion garantiert Dir: perfekten Halt und sportliche Eleganz.
Eine solche Sportkollektion garantiert Dir nicht: Sportlichkeit! Und so bin ich beim Joggen noch immer eine absolute Niete. Während einer Joggingrunde durch den Rosensteinpark gründen die dort ansässigen Gänse ganze Großfamilien. Und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, dass ich während meiner Strecke von 4 Kilometern schon die Jahreszeiten wechseln sehen konnte. Zumindest der dreibeinige Mops, mit zwei angeschnallten Rädern als Gehhilfe aus der Nachbarschaft, überholt mich immer. 
Also sitzt die Jetzt-Johanna in der Agentur, starrt auf die Laufbedingungen, mit denen man während des Firmenlaufs konfrontiert wird und hat furchtbare Angst. Angst vor der Zukunfts-Johanna und wie Sie sich durch diesen Lauf quälen muss, nur um anschließend sowieso als Letzte auf der Wertung des Laufs zu erscheinen.
„Ach quatsch, das schaffst Du schon“, versucht mich Rolf (mein Kollege und quasi der schnellste Mann der Welt) etwas aufzumuntern, als plötzlich das Handy klingelt: „Hey Johanna, wir planen wieder etwas für den 1. Juli und wollten Dich fragen, ob Du uns unterstützt?“. Am Handy war mein ehemaliger Verlag. „Ja“, sage ich. Natürlich. „Cool, wir schicken Dir alle Infos per Mail zu“.
Die Zukunfts-Johanna schaut mich im Geiste warnend an.
Die Jetzt-Johanna winkt ab, sagt sich: „Ganz ehrlich, egal was das ist, schlimmer als dieser Firmenlauf in Stuttgart kann’s nicht mehr werden“ …und liest dann in der eingehenden E-Mail:
„Liebe Johanna, toll, dass Du dabei bist, wir haben Dich nun verbindlich angemeldet. Der Firmenlauf in Heidelberg wird Dir sicher viel Spaß machen.“
Wir werden blass. Die Jetzt-Johanna und die Zukunfts-Johanna. 
Doch dann denke ich: Vielleicht ist es ja gar nicht so dumm, so oft einfach mal Ja zu sagen!? So viele Dinge hätte ich ohne ein spontanes „Ja“ gar nicht ausprobiert!!!
Also ziehe ich mir meine Sportsachen an, schnüre die Laufschuhe, starte die Runtastic-App und begebe mich auf meine Laufstrecke. Und ich sage „Ja“ zu der Herausforderung, „Ja“ zum Laufen und „Ja“ zu meinem Anspruch, die Runde mal etwas schneller zu schaffen. Und tatsächlich überhole ich den dreibeinigen Mops.
Vielleicht, weil ich besonders motiviert bin. Vielleicht, weil er offenbar gerade einen alten Schokoriegel auf dem Boden gefunden hat und damit beschäftigt ist.
Ich lasse den Mops hinter mir und strahle. Ja, ich sage jetzt definitiv noch viel öfter und bestimmter „Ja“!
Und dann bekomme ich eine Nachricht von meinem Mitbewohner: „Johanna, Du hast ja 1000 Joghurts im Kühlschrank. Kann ich mir einen nehmen?“.
„Nein!!!“
Denn irgendwo ist auch mal Schluss.


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Eine neue Kolumne. Ohne Apps.

Ich habe ja wirklich mit vielem ein Problem. Mit der Absetzung von Verbotene Liebe (wofür habe ich das die letzten 25 Jahre geschaut?), mit gelben Bananen (Grün. Die isst man grün!) und mit Käsespätzle (weils halt Spätzle mit Käse sind!).
Mal etwas Neues versuchen gehört nicht zu meinen Problemen. Im Gegenteil.
Monatlich, manchmal auch wöchentlich und hin und wieder sogar täglich packt mich die pure Erneuerungswut. Und die läuft in Ihren Dimensionen ziemlich unterschiedlich ab. Ich ziehe z.B. von heute auf morgen nach Stuttgart. Manchmal stelle ich einfach nur mein Zimmer um. Und dann- wenn ich besonders faul aber trotzdem erneuerungswütig bin – wechsele ich gerne die Perspektive beim Schlafen und platziere meinen Kopf dort, wo eigentlich meine Füße liegen. Das mag etwas verwirrend klingen. Besonders für meine Mitbewohner, die, wenn Sie mich mal wecken wollen, nur allzu oft meine Füße antippen. Sie finden es lustig. Vielleicht, weil ich regelmäßig zur Fußpflege gehe oder weil das noch das Harmloseste ist, was die Zwei durch meine Lust nach Neuem durchleiden müssen.
Schlimmer als das Rätselraten, wo sich beim Schlafen nun meine Füße und wo sich mein Kopf befindet, finden Beide, dass ich gerne und häufig unsere Wohnung bis auf die hinterste Ecke neu strukturiere. Meiner Meinung nach, sollten Sie Sätze sagen wie: „Johanna, wie schön, dass Du neuen Wind hier hineinbringst!“ Stattdessen höre ich Fragen wie „Johanna, wo sind meine Schuhe?“ oder „Johanna, war dieser Schrank hier nicht mal voll von Geschirr?“ oder auch „Johanna, wo bitte ist unser Balkontisch? Und warum wurde er durch 4 Zitronenbäume ersetzt?“. Klar. Ein Tisch auf dem Balkon war schon sehr sinnvoll. Aber der stand da halt jetzt auch schon seit 3 Monaten. Und die Zitronen kann man ja ernten, wenn Sie reif sind.
Ach nee, auf dem Schild steht „Nicht zum Verzehr geeignet“. Ups.

Gut, des Öfteren liege ich mit meinen Erneuerungsplänen nicht so 100% richtig und wirklich sinnvoll sind sie auch nicht immer. Aber dennoch haben auch undurchdachte Neuerungen Ihr positives. Ohne Sie würde ich immer noch nicht wissen, dass ich mit wasserstoffblonden Haaren gar nicht mal soo gut aussehe. Und ich wüsste nicht, dass mir kurze Haare zwar wirklich gut stehen, aber raspelkurz dann doch einfach zu kurz ist. 
Natürlich, einen gewissen Mehrwert bei längerem Nachdenken vor größeren Handlungen kann ich sicherlich nicht abstreiten. Denn raspelkurze Haare verwandeln sich leider nicht über Nacht in einen Sienna-Miller-Bob.

Und gerade wollte ich eine Pause von all dem Neuen machen und mir mit der Suche nach einem etwas, naja, modernerem Smartphone Zeit lassen, da scheint mir das Schicksal zu sagen: „Johanna, Du brauchst mal wieder was Neues, jetzt sofort!“ Und lässt prompt mein Smartphone unbemerkt aus meiner Tasche plumpsen. Ja, das Schicksal war schuld. Nicht die drei Tequila.
Dem Schicksal darf man natürlich nicht widersprechen. Und gerade als ich das altbewährte und beliebte Samsung Galaxy bestellen will, da ploppt es auf: Das neue Microsoft Lumia. Sogar in farbig gibt es das. 
Und ich denke: „Hmmm…Ein Microsoft-Smartphone hatte ich noch nie.“
„Bleib mal lieber bei Android oder iOS“, sagt Walter.
„Nur weil es neu ist, tust Du Dir damit keinen Gefallen“, sagt Stefan.
„Willst Du mich verarschen?“, sagt Rene.
„Sau cool“, sagt meine Freundin Joanna. „Das gibt’s ja auch in farbig.“
Also habe ich es gekauft. Ein ganz neues Smartphone. 
Mit ganz neuem Betriebssystem. 
Und ganz neuen Funktionen. 
Und ganz veralteten Apps!!!

„Hast Du wenigstens daraus gelernt, nicht immer auf Teufel komm raus was Neues auszuprobieren, sondern manchmal einfach beim Altbewährten zu bleiben?“ fragt meine Schwester Maria.

„Nein. Aber ich habe gelernt, dass man auch ohne Promiflash-App leben kann“, entgegne ich stolz. „Und ohne die neueste Version von Instagram. Und ohne WordPress-App. Und ohne As…MOMENT. 
ES GIBT KEINE ASOS APP!?!?!?

Schockiert lege ich das Smartphone auf den Tisch.

Okay.
Vielleicht sollte ich zukünftig einfach mal eine Idee wirklich zu Ende denken, bevor ich… oh, ein Fahrrad. Ich könnte mir ein altes Fahrrad kaufen und es restaurieren!


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