Von Einhörnern und Meerjungfrauen

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Ich bin ein Lügner.
Ganz ehrlich.
Aber keine von diesen fiesen Lügnern. Das ginge gar nicht, weil ich ja an Karma glaube und da einfach kein Risiko eingehen kann.
Ich bin einer dieser Sorte Lügner, die ganz genau merken, wenn die Chance gekommen ist, den Gegenüber in Staunen/einen Schockzustand/Ehrfurcht oder einfach nur absolute Verwirrung zu versetzen, indem man sich mitten im Gespräch eine Geschichte aus den Fingern zieht. Bevor hier jetzt Empörung aufkommt, sei gesagt: Ich mache dies keineswegs, weil ich Bösartig bin. Und fies will ich auch nicht sein. Aber es gibt Situationen, in denen merkt man gleich, dass der Gesprächspartner eine Frage nur deswegen stellt, weil er die Antwort schon zu kennen glaubt. Das sind dann auch meine liebsten Fragen.
So geschehen erst Ende November, als meine liebe Kollegin Sonja in die Agenturküche spazierte. Selbstverständlich war das vorherrschende Thema des Monats: Wo feiert die Agentur wohl Weihnachten?
In den vergangenen Jahren hatte es bei uns schon so manche Weihnachtsfeiern gegeben, die gerade bei Sonja nicht gut ankamen und die Sie derart in Angst und Schrecken versetzte, dass Sie vorab lieber die aktuelle Organisatorin zu den Plänen befragte: Mich. Und das war ganz sicher ein Fehler!
„Uuuuund?“ fragte Sie mich scheinbar nebenbei. „Was ist denn an Weihnachten geplant?“ „Och, schon einiges“, entgegnete ich. Und schon befand ich mich in meiner Geschichte, in der ich es schaffte, alle Ängste von Sonja, wie: zu große Kälte, zu schlechte Anbindung, zu wenig Essen, einzubetten. Ja, ich bin nicht nur eine Lügnerin. Ich bin eine gute Lügnerin. Und deswegen glaubte mir Sonja auch meine schier endlose und detailgetreue Story von „einer offenen, unbeheizten Scheune mitten auf einem Feld“ mit ganz wunderbarer „Molekularküche“ bei der ganz stilecht jeder Gang auf Trockeneis serviert wird. Und dann ist da ja noch die Anbindung, die ganz wunderbar ist. Denn „nach nur einem kurzen Marsch von 20 Minuten hat man schon die S-Bahn-Station in einem Dorf hinter Esslingen erreicht, mit der man dann in weniger als einer Stunde wieder in Stuttgart ist.“ Und während Sonja Leichenblass vor mir stand, machte ich mir einen Kaffee und plante anschließend unsere Weihnachtsfeier – natürlich in einem gemütlichen Restaurant mitten in Stuttgart, nahe zur U-Bahn, mit passendem 4-Gänge-Menü – einfach sang- und klanglos weiter.
Natürlich ließ ich die Gute nicht ewig in dem Glauben. Denn dann, als die halbe Kreativabteilung bei mir auf der Matte stand, um mir von Sonjas Schauergeschichten zu meiner schrecklichen Planung zu berichten, rückte ich natürlich mit der Wahrheit raus. „Du Lügenmolch“ lachte Sonja. Und dann fügte Sie hinzu: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht!“ „Ja, schon klar“, antwortete ich eher beiläufig, als ich am noch unbesetzten Platz Ihrer Sitznachbarin Verena stand. Verena war noch beim Arzt um kam etwas später zu Arbeit. Und da ich Ihr noch Süßigkeiten schuldig war, nutze ich Ihre kurze Abwesenheit und drapierte allerlei Schokoriegel (für meine Verhältnisse) Kunstvoll auf Ihrem Tisch. „Ähh…warum bekommt die Süßigkeiten von Dir?“ fragte mich Sonja. Und ich erkannte dabei an Ihrem Blick, dass Sie gerade am Grübeln war, ob Sie Verenas Geburtstag verpasst hatte. „Na, Verena hat doch heute Geburtstag!“ griff ich diese einmalige Gelegenheit auf und ergänzte: „Sie kommt deswegen heute auch etwas später. Sie hat noch ein Geburtstagsfrühstück. Ich habe Ihr natürlich schon per Whatsapp gratuliert. Du etwa noch nicht?“ Ich legte einen Blick aus überraschter Enttäuschung auf und lies den Schokoriegelbesetzten Platz von dem angeblichen Geburtstagskind und eine bedröppelte Sonja zurück.
Gegen Nachmittag kam Verena auf mich zu und lachte: „Johanna!!! heute wird mir alle paar Minuten von jemand anderem zu meinem Geburtstag gratuliert!“ „Keine Ahnung, woran das liegt“, zwinkerte ich Ihr zu. „Beachte aber“, ergänzte Verena dann „Wer einmal lügt, wem glaubt man nicht.“
Und ich komme ins Grübeln! Ist denn da wirklich etwas Wahres dran? Zunächst einmal, sind dies ja keine wirklichen Lügen, die ich da verbreite. Ich würde es eher „Unterhaltung von der etwas anderen Sorte“ nennen. Zum anderen habe ich schon öfters als einmal etwas erfunden und man glaubt mir dennoch immer wieder. Selbst die absurdesten Geschichten von meiner eigenen Pelztierfarm (als Reaktion auf die empörten Kommentare meiner veganen Freunde im Bezug auf meine Kunstfellweste) oder die Erklärung, dass ich mir oft betrunken einfach irgendwelche Gegenstände als Tattoo stechen lasse (wenn ich z.B. gefragt werde, ob mein Kleiderbügel am Handgelenk überhaupt eine tiefere Bedeutung hat). Es macht Spaß, wenn ich erst einmal mit großen Augen angeschaut werde, bevor ich diese kleine Schwindelei zu erkennen gebe. Klar, manchmal wird es etwas chaotisch, das gebe ich zu. Z.B. als ich erkannte, dass sich ein weiteres Mädchen mit Namen Johanna in meiner Stufe befand. Dies nahm eine Lehrerin zum Anlass und befragte mich, ob ich damit ein Problem hätte – mit einem Gesichtsausdruck, der mir zeigte, dass Sie sich sowieso schon sicher war, dass ich keine andere Johanna neben wir ertrug. Also erklärte ich Ihr, dass ich es keinesfalls hinnehmen werde, dass noch jemand anderes in meinem Umfeld diesen Namen trägt, da ich es nun einmal gewohnt bin, die einzige Johanna in der Stufe zu sein. Ich fragte, ob es möglich sei, diese zweite Johanna bitte einfach künftig nur nach ihrem zweiten Namen zu rufen. Das sei ja wohl nicht zu viel verlangt. Bevor ich auch nur die Chance hatte, diesen Witz aufzulösen, hatte sich die Nachricht (Mädchenschule sei Dank) schon in meiner Stufe herumgesprochen. Es war dann schon absehbar, dass ich Amanda (unter diesem Zweitnamen war die zweite Johanna dann bekannt) wohl niemals als beste Freundin bezeichnen kann.
„Aber nur aus Angst vor Risiken eine gute Geschichte einfach so verstreichen zu lassen? Das halte ich für grob fahrlässig!“ denke ich und laufe gerade im Anschluss an einen Arzttermin durch Bad Cannstatt. Dann ruft mich mein Mitbewohner an: „Johanna“, meint er „Du brauchst nicht nachhause zu kommen. Unsere Wohnung wurde evakuiert. In den Nachrichten steht es schon: Bei uns um die Ecke wurde eine Fliegerbombe gefunden.“ „Okay, danke für die Info“ antworte ich. Teils erleichtert, weil ich bei dem Begriff „Evakuierung“ zunächst vermutete, ich hätte mein Glätteisen angelassen und dann doch eine Fliegerbombe schuld war. Teils etwas ratlos, weil ich nun da stehe. In Bad Cannstatt. Bei eisigen Temperaturen. Ohne funktionierende S-Bahnen. Und mit einer Prise Obdachlosigkeit.
Also rufe ich einen Kollegen Lukas an, der in Cannstatt wohnt und nun die Gelegenheit hat, mich aus dieser Misere zu befreien.
„Lukas?“ melde ich mich am Telefon zu Wort „Bist Du daheim? Und wenn ja, kann ich zu Dir?“
„Was ist los?“, fragt Lukas.
„Bei mir wurde ’ne Bombe gefunden, meine Wohnung wurde evakuiert, ich stehe in Bad Cannstatt, die S-Bahnen fahren nicht und ich bin erstmal Obdachlos.“
„Ganz ehrlich“, entgegnet Lukas lachend. „Deine Storys waren auch schon einmal besser Johanna“.
Und dann legt er auf.
Und ich höre nur das „tuuuut, tuuut“ aus meinem Handy, während ich mich an diesen einen Satz erinnere: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.“
Ich werde traurig.
Und ich frage mich, ob ich es nun doch übertrieben habe, mit meinen Storys. Habe ich zu viele Geschichten erfunden? Habe ich zu oft Schabernack getrieben?
Und plötzlich erinnere ich mich an Sonjas entgeistertes Gesicht, als ich Ihr ausführlich vom erfundenen Weihnachtsfest in der Pampa berichtete.
Und während ich, noch immer frierend, lachen muss, wird mir klar:
Von Freunden und Kollegen in Notsituationen nicht ernst genommen zu werden – Diese Geschichten sind es einfach wert!


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08/16

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„Lass‘ Dir das nochmal durch den Kopf gehen und überlege Dir gut, ob Du nicht doch etwas anderes machen möchtest.“ Meine Mama beriet mich erst vor kurzem zu meinem Vorhaben, für meine Kollegen einen kleinen Lebkuchenhausbau-Event zu veranstalten. „Du weißt, dass Du den Teig schon Tage vorher machen musst?“, fragte Sie und ergänzte: „Abgesehen von den ganzen Bauplatten, die Du vorschneiden und vorbacken musst. Da hast Du ordentlich zu tun.“
„Jap, ich überlege es mir“, erklärte ich – wohlwissend, dass ich es mir sicherlich nicht anders überlegen werde. Meine Mutter wusste dies zum damaligen Zeitpunkt ebenso.
Denn es war diese eine, ganz persönliche und spezielle Allergie, die ich irgendwie schon seit langem habe. Ich reagierte schon immer allergisch auf Ratschläge, Tipps und verschiedene Aufforderungen, etwas sein zu lassen oder etwas Bestimmtes zu machen.
Ich nehme an, der Ursprung liegt in meiner Konfirmationsfeier, an der wir in unerträglich zähen 3 Stunden das Thema „Gegen den Strom schwimmen“ erarbeitet und präsentiert haben. Ich denke, ich habe diesen Leitsatz etwas zu wörtlich genommen. Was eigentlich seltsam ist. Denn damals hatten wir verrückte Beispiele wie „Jeder will cool sein, passt sich der Masse an, schwimmt einfach mit dem Strom – und trägt keine No-Name-Ware sondern nur noch Kleider und Taschen der angesagten Marke Fishbone.“ Bei dem Gedanken, dass „Fishbone“ und „Angesagt“ mal in einem Satz verwendet wurden, bekomme ich noch heute einen leichten Lachkrampf.
Seit eben jener Feier bildete „gegen den Strom schwimmen“ mein Leitmotiv. Zum Leidwesen von einigen Personen.
Zunächst von meiner Mathelehrerin: „Warum lernst Du nicht einfach den Stoff, den hier jeder von Euch lernen muss?“ fragte Sie damals und versuchte damit verzweifelt, mir meine ständigen Widerworte auszutreiben. „Nur weil es jeder macht, muss ich das jetzt auch machen oder was?“ reagierte ich. Und damit war das Kapitel „Johanna in Mathe auf Durchschnittsniveau zu halten“ für meine Lehrerin, meine Eltern und mich ziemlich vorbei.
„Du musst Dich aber auch immer irgendwie widersetzen“ seufzte meine Freundin Laura damals, sichtlich empört.
Eventuell, weil Sie von Mathe mehr hielt als ich. Wahrscheinlicher aber, weil ich ihr einige Minuten zuvor eine Absage als zusätzliches Mitglied in Ihrem neu gegründeten Umweltschutz-Team erteilte. Denn ich hatte gehört, dass die ganze Klasse mitmachte – was mir dann doch wieder zu sehr nach Stromschwimm-Action aussah. Und dieses Risiko konnte ich einfach nicht eingehen. Massenrodung der Bäume und Wasserverschmutzung durch Textilfabriken hin oder her. Das würde die Umwelt schon verstehen.
Einige Jahre später (meine Konfirmation liegt nun wirklich schon Ewigkeiten zurück – genauso wie der Hype um das Label mit Fischskelett-Logo) hat sich bei mir nicht wirklich viel geändert. Ok, bis auf meinen Kleidungsstil und gewachsen bin ich auch ein bisschen.
Aber beispielsweise bei der Suche nach einem neuen Smartphone rieten mir meine Kollegen damals durchweg zu einem Samsung oder einem iPhone. Diesen Ratschlag nahm ich auch gerne an. Und kaufte mir dann direkt mein Windowsphone. Meine Kollegen schüttelten daraufhin verständnislos den Kopf.
Genauso wie meine Mutter keinerlei Verständnis für meine Erschöpfung aufbrachte, die durch 5 Stunden Teig-geknete und durch 8 Stunden Vorschneiden und Backen der Bauteile für die Lebkuchenhäuser der Kollegen entstand. Ja, ich war wirklich erschöpft. Und in diesem Moment, in dem ich vor dem heißen Ofen stand, bereits das 10. Blech voller Lebkuchenhausbauteile hineinschob und meine Motivationsmusik ausfiel (weil die App auf dem Windowsphone nicht richtig funktionierte), stellte ich mir doch schon mal ein paar Fragen:
Vielleicht sollte ich mich den Ratschlägen der anderen einfach mal Beugen? Oder zumindest mal darüber nachdenken? Vielleicht hat es einen Grund, warum bestimmte Dinge von so vielen Leuten genutzt werden? Vielleicht wäre ich eine große Mathematikerin geworden, wenn ich auf meine Lehrerin gehört hätte? Vielleicht wäre ich eine große Umweltschützerin geworden, wenn ich mich Laura und meinen Klassenkameraden angeschlossen hätte? Vielleicht ginge es mir mit einem iPhone irgendwie besser?

Und ich grüble darüber nach. Auch noch jetzt, am Tresen der hell erleuchteten, gerade geöffneten Bar wartend, in der ich letzte Nacht getanzt, zu den Songs mitgesungen und mein Smartphone schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate verloren hatte.
„Ja, Dein Windowsphone wurde abgegeben“, erklärt mir der Barkeeper und kramt mein Smartphone hervor.
„Juhu, es ist tatsächlich da“, strahle ich, erleichtert darüber, dass es nicht geklaut wurde.
„Na klar wurde das abgegeben“, lacht der Barkeeper etwas verächtlich.
„‚N Windowsphone! Das steckt keiner ein. Sowas will halt auch keiner haben.“
„Eben“ rufe ich stolz.
Und während das Licht gedimmt wird und die ersten Besucher in die Bar hereinströmen, kämpfen sich mein Windowsphone und ich durch die Menge Richtung Ausgang.
Eben ganz typisch.
Gegen den Strom.


 

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(Gefühls)kalter Entzug

Ärzte können toll sein.
Zum Beispiel dann, wenn Sie Dir sagen: „Hey, Sie sind ja in top Form!“. Oder auch wenn Sie meinen „Einen weiteren Bluttest ersparen wir uns lieber, packen wir die Spritze mal weg!“. Oder wenn Sie erklären: „In jedem Fall müssen Sie die nächsten 14 Tage auf Sport verzichten!“. Und letzteres ist mir tatsächlich vor einigen Tagen passiert.
Ich konnte darauf kurz nichts sagen, denn ich musste mit aller Kraft versuchen, die Freudentränen zurückzuhalten. 2 Wochen lang keine hässlichen Joggingschuhe, keine Schnappatmung im Fitnessstudio und keine stundenlange Suche nach einem neuen Bibi Blocksberg Hörspiel, um die ganze Sportrunde motiviert zu bleiben (es gibt nichts, was einen mehr antreibt, als die nervige Stimme von Bibi Blocksberg). 14 Tage kein Sport – ganz ohne schlechtes Gewissen. Und bei diesem Gedanken rollte mir dann doch eine kleine Träne des Glücks über meine Wange. „Aber, aber. 14 Tage sind schnell rum“ beruhigt mich mein Arzt. Er hatte die Träne gesehen. Ärzte sind ja so nett. Und so naiv.
„Naaaa gut, ich gebe mein Bestes“ entgegnete ich gespielt gequält und ließ in meinem Kopf schon einen Champagnerkorken knallen.
„Und bevor ich es vergesse“ ergänzt er, „Genauso ist Kaffee die nächsten 14 Tage strengstens verboten.“
Ärzte sind ja so hundsgemein! Und meine kurze Schnappatmung war bei einer solchen Aussicht natürlich vorprogrammiert.
„Es sind nur 14 Tage, also alles nur halb so schlimm“ meinte der Arzt und drehte mir den Rücken zu, auf den ich in diesem Moment nur zu gerne gesprungen wäre, um dann eine ganze Weile auf Ihn einzuschlagen.
Nur 14 Tage? Alles halb so schlimm?
Unwillkürlich kam die Erinnerung an meinen Laktose-Test vor einigen Wochen wieder hoch. „Kommen Sie bitte vollkommen nüchtern“ meinte die Arzthelferin damals. „Auch kein Kaffee!“
„Kein Problem“, antwortete ich. Meine Güte, war ich naiv.
Also verließ ich komplett nüchtern das Haus. Ohne Frühstück. Ohne Kaffee. Die Sonne schien. Und meine Laune glich schon zu diesem Zeitpunkt der Laune einer Cruella De Vil, nachdem man Ihr die Hundewelpen stibitzt hatte.
Beim Arzt angekommen, bemerkte die die Arzthelferin bei der Blutabnahme meine finstere Mine. „Ich weiß, Spritzen sind nicht so toll“, pflichtete Sie mir bei. „Es geht nicht um die Spritzen. Sie können mich hier gerne auch von Kopf bis Fuß aufschlitzen“ erklärte ich. Ja, so ohne Kaffee neige ich auch stark zur Dramatik! „Aber ohne meinen Kaffee macht das alles echt keinen Spaß, ey.“ (und zum Hip Hop Gangster werde ich ohne Kaffee auch, man beachte das „ey“ am Ende meines Satzes) „Hmmm, ich verstehe Sie da total“, tröstete mich die wirklich sehr verständnisvolle Arzthelferin. Doch trotzdem sagte Sie nein, als ich Ihr vorschlug, mir den Kaffee einfach intravenös zuzuführen. Ich hasste Sie.
Ja, die ganze Prozedur des Laktose-Testes dauerte ca. 1,5 Stunden. Eine kurze Zeit, in der ich es schaffte, einen riesen Krach mit meinen Mitbewohnern heraufzubeschwören (zwischen aufstehen, Badezimmer und dem Verlassen der Wohnung war ja genug Zeit dafür), mein Smartphone-Display zu beschädigen (wie genau ich das schaffte, möchte ich hier nicht ausführen. Nur so viel: In einem Kaffeeentzug entwickele ich Kräfte, die für mich und meine Umwelt oft schädlich sein können) und ich glaube, in diesen eineinhalb Stunden sind enge Freundschaften zu Bruch gegangen.
Und nun saß ich beim Arzt und fragte mich: „Wie soll ich das bitte 14 Tage überstehen?“
„Du meinst wohl: Wie soll Deine Umwelt diese 14 Tage überstehen?“ korrigiert mich mein Kollege Stefan, als ich wieder auf der Arbeit sitze. Dabei macht er sein mürrischstes Gesicht. Das soll wohl ich sein. Und witzig soll es wohl auch sein.
Die Kaffee-gefüllte-Johanna hätte vermutlich gelacht. Die Johanna auf Kaffeeentzug lacht nicht. Statt eines Lachens schaffe ich nur noch Flüche, Beschimpfungen und reichlich aggressive Gestik und Mimik. „Jetzt sei doch mal nicht so sauer, Johanna. Das war doch nur ein Spaß!“ erklärt meine Kollegin Moni. Und während Sie es damit auf meine Feindesliste für die nächsten 14 Tage schafft, koche ich mir einen Tee. Soll ja beruhigend wirken.
In der Küche stehen bereits einige meiner Kollegen am Kaffeeautomat, rühren in Ihren Espresso, Cappuccino und Latte Macchiato und wünschen mir allerseits einen wunderschönen guten Morgen. Ich schaue auf die zahlreichen Kaffeebecher, blicke dann in die lächelnden Gesichter der Kollegen und stelle mir die Frage, wie viel Platz auf meiner frisch angelegten Feindesliste wohl sein mag.

Pling! Da bekomme ich eine Mail.
Sie ist von Stefan.
Im Betreff: „Guck mal wie passend der Untertitel des Theaterstückes Johanna von Orléans ist!“
Und im Textfeld steht nur: „JEANNE D’ARC. Gott vergibt – Johanna nie.“
„Stimmt gar nicht, ich vergebe immer direkt und sofort“, rufe ich Stefan empört zu.
„Na, ich weiß ja nicht“, lacht meine Kollegin Viki von nebenan laut auf.
„Liebe Viki, ich erkenne dies als einen Witz an, lachte mit und… VERGEBE dir“, entgegne ich lauthals, um allen zu beweisen, wie großzügig ich mit Vergebung bin.
Und nebenbei ergänze noch schnell meine Feindesliste.


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Schachmatt!

Ich sitze also hier und schreibe an meiner Kolumne. Vor mir der Laptop. Unter mir, am Fußende, einer meiner vielen vorrätigen Kühlakkus.
Ja, ich brauche oft Kühlakkus…und dies auch meistens für mich selbst. Quetschungen, Prellungen, Blutergüsse, Schürfwunden, Risse und Schnittwunden – all dies sind tägliche Begleiter in meinem Leben. Sieht man an meine Knie, fällt schnell auf: Eine Narbe neben der anderen. Sogar ein blauer Punkt ist dabei, von damals, als ich mit Bleistift etwas zeichnen wollte und die Spitze des Stiftes statt auf dem Blatt in meinem Knie landete.

Wie sowas passieren kann? Ich weiß es nicht genau. Denn ich schwöre, hoch und heilig, dass ich immer mit äußerster Vorsicht durch Leben laufe. Mit äußerster Vorsicht. Aber auch mit zwei linken Händen, dem Kopf voller Gedanken. Manchmal mit einer Gabel, die ich vergesse wegzulegen. Und manchmal laufe ich einfach los, ohne vorher das Licht anzumachen.
Aber alles mache ich immer mit Vorsicht!
Vielleicht gibt es ein bisher noch unerforschtes Tollpatsch-Gen, dem ich einfach nicht entkommen kann? Dieser Überlegung gehen mein engstes Umfeld und ich schon länger nach.
Ich denke schon seit jenem Tag, in meiner Zeit in der Grundschule, als ich die erste Kerze auf dem Adventskranz anzünden durfte. Alles klappte prima. Und dann stelle ich den Kranz auf den Tisch.
Ich strahlte vor Stolz. Und alle meine Freunde starrten mich an. Vor Ehrfurcht, dachte ich. Aber es lag wohl eher an meinen brennenden Haaren.
Merkwürdig daran ist in erster Linie, dass dies eine Tradition war, die bisher immer von Mädchen mit langer Wallemähne fortgeführt wurde. Und bei denen ist – bis auf die Kerze –  nie etwas in Brand geraten. Und kaum kommt ein Mädchen mit Kurzhaarfrisur und Latzhosen daher, muss die Adventstradition abgeschafft werden.

Mysteriös wurde es dann auch, als ich mit meinen Klassenkameradinnen in der 5. Klasse draußen im Pausenhof das erste mal Riesenschach spielte.
Bis zu jenem Tag galt dieses Spiel als Form von intellektueller Bildung und diente der Konzentrationsfähigkeit.
Nach jenem Tag zählte es zu den risikoreichsten Spielen der ganzen Schule.
Ich begann mit dem ersten Schachzug – in bester körperlicher Verfassung (über meine geistige Verfassung streiten sich Freunde, Bekannte und meine Familie seit Jahren) und beendete das Spiel mit zwei verstauchten und einem gebrochenen Finger, sowie mehreren tiefen Schürfwunden an Kinn, Ellenbogen und Stirn.
Wie ich das geschafft habe? Ich weiß es nicht. Und auch für die Schule ist dies ein bisher fast unerklärtes Rätsel.

Als ich meinen Job in einer Werbeagentur in Stuttgart angetreten bin, habe ich natürlich auch Kollegen von diesem gewissen Extra berichtet, dass ich in die Agentur miteinbringen werde.
Alle haben gelacht.
Jetzt lachen Sie nicht mehr.
Inzwischen gucken Sie schon fast nicht mehr hoch, wenn Sie hören, dass der schmerzverzerrte Schrei aus der Küche von mir stammt.
Ich verlange auch inzwischen gar nicht mehr, dass man sich größere Sorgen macht. Denn ob brennende Haare beim Adventssingen im Kindergarten oder gebrochene Finger nach einem Schachspiel…ich habe bisher alles ziemlich gut überstanden!
Vielleicht ist es gar kein Tollpatsch-Gen, das da in mir schlummert!? Vielleicht ist es nur die tägliche, unbewusste Demonstration an meine Mitmenschen, wie hart ich doch im Nehmen bin?
Das denken auch bestimmt meine Kollegen!
Denn dann, als mir plötzlich eine Holzkiste, mit einer vollen Weinflasche im inneren, auf den fast nackten Fuß fällt, mir die Kante der Kiste einen Teil der Zehen aufgeschlitzt, die eine Hälfte des Fußes anschwillt und die andere Hälfte in kürzester Zeit in einem maritimen Blau erstrahlt – kommt lediglich mein Kollege Rolf auf mich zu und fragt trocken: „Ist die Weinflasche noch heil?“

Nachdem mein Fuß nach einer Rundumkühlung noch immer den Eindruck macht, als gehöre er eher zu Shrek als zu mir, begebe ich mich doch mal zum Arzt. Klar, ich weiß es nun, ich bin hart im Nehmen. Aber ob das auch auf meinen Knochenbau zutrifft, kann ich jetzt so nicht unbedingt beschwören.
Und während ich untersucht werde, überlege mir schon mal, was ich auf unsere Dokumentationsliste für Arbeitsunfälle eintragen könnte…und ob da neben „Johanna fällt über Ihren Ventilator und fügt sich dabei eine Schürfwunde zu“ und „Johanna knallt die Kühlschranktür zu und vergisst dabei, Ihre linke Hand rechtzeitig herauszuziehen“ überhaupt noch Platz ist…?

„Sie arbeiten sicher mit schweren Maschinen?“ fragt der Stuttgarter Arzt, als er sich den blutenden, blauen und gequetschten Fuß anschaut.
„Ähm, nee. Ich arbeite in einem Büro“ erkläre ich.
„Die hedd so oi Verledzung vo der Gschäft im Büro“ raunt die eine Arzthelferin im Hintergrund der anderen Arzthelferin zu.
Ich habe nicht verstanden, was das heißt.
Aber ich bin mir sicher, es muss sowas gewesen sein wie:
„Wow, die ist wirklich hart im Nehmen“.


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GESTATTEN, STILIKONE!

Gerade in letzter Zeit höre ich häufig den Ausruf: “Die hat richtig Stil”. Meistens in Zusammenhang mit Olivia Palermo, Alexa Chung und Co. Klar, dass ich mir jetzt so meine Gedanken mache, was es mit diesem “Stil” auf sich hat. Und unweigerlich schmeiße ich meine bisherigen Neujahrsvorsätze über Bord (okay, die meisten hatte ich sowieso schon aufgegeben) und ersetze sie durch einen einzigen, dringlichen Wunsch: Ich will Stilikone werden!
Ein ziemlich hochgegriffener Anspruch an mich selbst, wenn man jemand ist, der überall dagegenrennt, sich des öfteren im Halbdunkel anzieht und seinen männlichen Mitbewohner (ehemaliger Mathestudent!) zum persönlichen Fashionberater erchoren hat.
Sehr schnell nach der Verkündung dieses neuen Vorhabens, und nachdem ich meinem Umfeld klarmachen konnte, dass mein Plan definitiv kein Scherz ist, taucht ein Bild vor meinen Augen auf. Das Bild, wie ich an einem sonnigen Abend mit meinen neuen Higheels mit Pfennigabsatz über den Kopfsteinbepflasterten Marktplatz getrippelt bin. Ich fühlte mich gut, das Outfit saß und ich….steckte plötzlich mit einem Absatz unwiderruflich zwischen zwei Betonsteinen fest. Ob man mit hochrotem Kopf einen Schuh aus dem Boden herausbohren – und dabei bei anderen den Eindruck erwecken kann: “Wow, DAS ist eine Stilikone!”? Selbst wenn so etwas möglich ist, so ist es mir an jenem sonnigen Abend eindeutig nicht gelungen! Und dann die Tatsache, wie ich ständig von meinem Gegenüber beim guten Essen im Restaurant wahlweise mit schiefem Grinsen oder aufgerissenen Augen angestarrt werde, wenn ich anfange zu essen. Und das ist kein Wunder, im Hinblick darauf, dass es jeder Vierjährigen stilechter gelingt zu speisen, als ich. Es gehört schon was dazu, regelmäßig Spuren der Köstlichkeiten im Gesicht oder am Oberteil zu hinterlassen. Oder am Schuh (ja, auch das ist mir schon gelungen). Ob sich eine Olivia Palermo auch so fatale Fehltritte beim Speisen leistet? Schwer vorstellbar, dass Sie dann noch als Stilikone gelten würden. Ich komme nicht drumherum: Essensreste auf meinen Outfits zu verteilen und mich in der Öffentlichkeit zu blamieren, scheint für mich ein leichtes zu sein. Stilikone zu werden eher nicht. Doch dann kommt meine Kollegin Sabrina auf mich zu und erklärt: Für mich ist Stil, wenn man es schafft, sich seinem Charakter entsprechend zu kleiden! Und das ganze Team nickt zustimmend. Außer unser IT-Held Michael, der sich ganz sicher ist, dass es sehr stilvoll sein kann, ab und zu völlig nackt durchs Office zu rennen.
Ich entscheide mich spontan dafür, doch eher Sabrina zuzustimmen und schaue direkt nach Kleidern und Accessoires, die zu meinem Charakter passen. Auf der Suche nach fleckigen Kleidern, sehr mitgenommenen Heels und Accessoires, die so aussehen, als hätte man sie einige Male fallen gelassen, werde ich aber einfach nicht fündig.

Gut, dann halte ich mich einfach zukünftig an Michaels Hinweis.

 


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