Von Einhörnern und Meerjungfrauen

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Ich bin ein Lügner.
Ganz ehrlich.
Aber keine von diesen fiesen Lügnern. Das ginge gar nicht, weil ich ja an Karma glaube und da einfach kein Risiko eingehen kann.
Ich bin einer dieser Sorte Lügner, die ganz genau merken, wenn die Chance gekommen ist, den Gegenüber in Staunen/einen Schockzustand/Ehrfurcht oder einfach nur absolute Verwirrung zu versetzen, indem man sich mitten im Gespräch eine Geschichte aus den Fingern zieht. Bevor hier jetzt Empörung aufkommt, sei gesagt: Ich mache dies keineswegs, weil ich Bösartig bin. Und fies will ich auch nicht sein. Aber es gibt Situationen, in denen merkt man gleich, dass der Gesprächspartner eine Frage nur deswegen stellt, weil er die Antwort schon zu kennen glaubt. Das sind dann auch meine liebsten Fragen.
So geschehen erst Ende November, als meine liebe Kollegin Sonja in die Agenturküche spazierte. Selbstverständlich war das vorherrschende Thema des Monats: Wo feiert die Agentur wohl Weihnachten?
In den vergangenen Jahren hatte es bei uns schon so manche Weihnachtsfeiern gegeben, die gerade bei Sonja nicht gut ankamen und die Sie derart in Angst und Schrecken versetzte, dass Sie vorab lieber die aktuelle Organisatorin zu den Plänen befragte: Mich. Und das war ganz sicher ein Fehler!
„Uuuuund?“ fragte Sie mich scheinbar nebenbei. „Was ist denn an Weihnachten geplant?“ „Och, schon einiges“, entgegnete ich. Und schon befand ich mich in meiner Geschichte, in der ich es schaffte, alle Ängste von Sonja, wie: zu große Kälte, zu schlechte Anbindung, zu wenig Essen, einzubetten. Ja, ich bin nicht nur eine Lügnerin. Ich bin eine gute Lügnerin. Und deswegen glaubte mir Sonja auch meine schier endlose und detailgetreue Story von „einer offenen, unbeheizten Scheune mitten auf einem Feld“ mit ganz wunderbarer „Molekularküche“ bei der ganz stilecht jeder Gang auf Trockeneis serviert wird. Und dann ist da ja noch die Anbindung, die ganz wunderbar ist. Denn „nach nur einem kurzen Marsch von 20 Minuten hat man schon die S-Bahn-Station in einem Dorf hinter Esslingen erreicht, mit der man dann in weniger als einer Stunde wieder in Stuttgart ist.“ Und während Sonja Leichenblass vor mir stand, machte ich mir einen Kaffee und plante anschließend unsere Weihnachtsfeier – natürlich in einem gemütlichen Restaurant mitten in Stuttgart, nahe zur U-Bahn, mit passendem 4-Gänge-Menü – einfach sang- und klanglos weiter.
Natürlich ließ ich die Gute nicht ewig in dem Glauben. Denn dann, als die halbe Kreativabteilung bei mir auf der Matte stand, um mir von Sonjas Schauergeschichten zu meiner schrecklichen Planung zu berichten, rückte ich natürlich mit der Wahrheit raus. „Du Lügenmolch“ lachte Sonja. Und dann fügte Sie hinzu: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht!“ „Ja, schon klar“, antwortete ich eher beiläufig, als ich am noch unbesetzten Platz Ihrer Sitznachbarin Verena stand. Verena war noch beim Arzt um kam etwas später zu Arbeit. Und da ich Ihr noch Süßigkeiten schuldig war, nutze ich Ihre kurze Abwesenheit und drapierte allerlei Schokoriegel (für meine Verhältnisse) Kunstvoll auf Ihrem Tisch. „Ähh…warum bekommt die Süßigkeiten von Dir?“ fragte mich Sonja. Und ich erkannte dabei an Ihrem Blick, dass Sie gerade am Grübeln war, ob Sie Verenas Geburtstag verpasst hatte. „Na, Verena hat doch heute Geburtstag!“ griff ich diese einmalige Gelegenheit auf und ergänzte: „Sie kommt deswegen heute auch etwas später. Sie hat noch ein Geburtstagsfrühstück. Ich habe Ihr natürlich schon per Whatsapp gratuliert. Du etwa noch nicht?“ Ich legte einen Blick aus überraschter Enttäuschung auf und lies den Schokoriegelbesetzten Platz von dem angeblichen Geburtstagskind und eine bedröppelte Sonja zurück.
Gegen Nachmittag kam Verena auf mich zu und lachte: „Johanna!!! heute wird mir alle paar Minuten von jemand anderem zu meinem Geburtstag gratuliert!“ „Keine Ahnung, woran das liegt“, zwinkerte ich Ihr zu. „Beachte aber“, ergänzte Verena dann „Wer einmal lügt, wem glaubt man nicht.“
Und ich komme ins Grübeln! Ist denn da wirklich etwas Wahres dran? Zunächst einmal, sind dies ja keine wirklichen Lügen, die ich da verbreite. Ich würde es eher „Unterhaltung von der etwas anderen Sorte“ nennen. Zum anderen habe ich schon öfters als einmal etwas erfunden und man glaubt mir dennoch immer wieder. Selbst die absurdesten Geschichten von meiner eigenen Pelztierfarm (als Reaktion auf die empörten Kommentare meiner veganen Freunde im Bezug auf meine Kunstfellweste) oder die Erklärung, dass ich mir oft betrunken einfach irgendwelche Gegenstände als Tattoo stechen lasse (wenn ich z.B. gefragt werde, ob mein Kleiderbügel am Handgelenk überhaupt eine tiefere Bedeutung hat). Es macht Spaß, wenn ich erst einmal mit großen Augen angeschaut werde, bevor ich diese kleine Schwindelei zu erkennen gebe. Klar, manchmal wird es etwas chaotisch, das gebe ich zu. Z.B. als ich erkannte, dass sich ein weiteres Mädchen mit Namen Johanna in meiner Stufe befand. Dies nahm eine Lehrerin zum Anlass und befragte mich, ob ich damit ein Problem hätte – mit einem Gesichtsausdruck, der mir zeigte, dass Sie sich sowieso schon sicher war, dass ich keine andere Johanna neben wir ertrug. Also erklärte ich Ihr, dass ich es keinesfalls hinnehmen werde, dass noch jemand anderes in meinem Umfeld diesen Namen trägt, da ich es nun einmal gewohnt bin, die einzige Johanna in der Stufe zu sein. Ich fragte, ob es möglich sei, diese zweite Johanna bitte einfach künftig nur nach ihrem zweiten Namen zu rufen. Das sei ja wohl nicht zu viel verlangt. Bevor ich auch nur die Chance hatte, diesen Witz aufzulösen, hatte sich die Nachricht (Mädchenschule sei Dank) schon in meiner Stufe herumgesprochen. Es war dann schon absehbar, dass ich Amanda (unter diesem Zweitnamen war die zweite Johanna dann bekannt) wohl niemals als beste Freundin bezeichnen kann.
„Aber nur aus Angst vor Risiken eine gute Geschichte einfach so verstreichen zu lassen? Das halte ich für grob fahrlässig!“ denke ich und laufe gerade im Anschluss an einen Arzttermin durch Bad Cannstatt. Dann ruft mich mein Mitbewohner an: „Johanna“, meint er „Du brauchst nicht nachhause zu kommen. Unsere Wohnung wurde evakuiert. In den Nachrichten steht es schon: Bei uns um die Ecke wurde eine Fliegerbombe gefunden.“ „Okay, danke für die Info“ antworte ich. Teils erleichtert, weil ich bei dem Begriff „Evakuierung“ zunächst vermutete, ich hätte mein Glätteisen angelassen und dann doch eine Fliegerbombe schuld war. Teils etwas ratlos, weil ich nun da stehe. In Bad Cannstatt. Bei eisigen Temperaturen. Ohne funktionierende S-Bahnen. Und mit einer Prise Obdachlosigkeit.
Also rufe ich einen Kollegen Lukas an, der in Cannstatt wohnt und nun die Gelegenheit hat, mich aus dieser Misere zu befreien.
„Lukas?“ melde ich mich am Telefon zu Wort „Bist Du daheim? Und wenn ja, kann ich zu Dir?“
„Was ist los?“, fragt Lukas.
„Bei mir wurde ’ne Bombe gefunden, meine Wohnung wurde evakuiert, ich stehe in Bad Cannstatt, die S-Bahnen fahren nicht und ich bin erstmal Obdachlos.“
„Ganz ehrlich“, entgegnet Lukas lachend. „Deine Storys waren auch schon einmal besser Johanna“.
Und dann legt er auf.
Und ich höre nur das „tuuuut, tuuut“ aus meinem Handy, während ich mich an diesen einen Satz erinnere: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.“
Ich werde traurig.
Und ich frage mich, ob ich es nun doch übertrieben habe, mit meinen Storys. Habe ich zu viele Geschichten erfunden? Habe ich zu oft Schabernack getrieben?
Und plötzlich erinnere ich mich an Sonjas entgeistertes Gesicht, als ich Ihr ausführlich vom erfundenen Weihnachtsfest in der Pampa berichtete.
Und während ich, noch immer frierend, lachen muss, wird mir klar:
Von Freunden und Kollegen in Notsituationen nicht ernst genommen zu werden – Diese Geschichten sind es einfach wert!


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Vorglühen

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Da stehe ich so am Bügelbrett und denke nach.
Ich denke darüber nach, dass wir einfach schon wieder ein neues Jahr haben. Und – trotz diesem ganzen „Yeah-im-neuen-Jahr-wird-alles-so-super-genial“ Quatsch – möchte ich das letzte Jahr nicht einfach so an mir vorbeiziehen lassen. In dieser Zeit, wo wir einfach nur auf den nächsten Tag, das nächste Wochenende, die nächste Party oder das nächste Jahr hinfiebern, kann man doch ruhig mal innehalten und schauen, was man in der Vergangenheit so alles erreicht hat, welche Probleme man bewältigen konnte, welche Freunde man gefunden hat oder welchen Träumen man einen kleinen Schritt näher gekommen ist.
Und so bügele ich die Falten aus meiner dunkelgrünen Lieblingsbluse und strahle bei dem Gedanken an diese wunderbaren Zeiten in 2015. Wie zum Beispiel meine Reise ganz alleine, die ich, trotz gerissenem Koffer und gelöschtem Bankkonto, gemeistert habe. Ich werde von Stolz erfüllt, als mir bewusst wird, dass ich es geschafft habe, 2 Wochen ohne Kaffee zu überleben – ohne körperlichen und nur eingeschränkt geistigen Schaden zu erleiden. Ich habe in dem vergangenen Jahr gelernt, auch einmal „nein“ zu sagen. Auch wenn nur auf die Frage, ob ich so einen Kaffeeentzug nochmal auf mich nehmen würde. Ich schaffte es, mich in der heutigen Zeit zu orientieren – nur mit einem Windowsphone gewappnet – und habe die Geburtstagsparty von meinem Freund Nick trotzdem und nach nur einem halbstündigen Irrlauf durch Bad Cannstatt gefunden. In Cannstatt gibt’s echt tolle Ecken. Wusste ich vorher auch noch nicht. 2015 habe ich gelernt mit Verlusten umzugehen: Nein, Verbotene Liebe kommt nie wieder. Es wurde tatsächlich abgesetzt.
Und nicht zuletzt hatte ich Ende 2015 ein Silvester, dass sich endlich mal sehen lassen konnte. Ich wollte das Jahresende bei mir begehen, denn ich dachte: mich selbst durch Feuerwerkskörper zu entflammen, mich zu verlaufen oder dem Ex-Freund zu begegnen ist in meinen eigenen vier Wänden am unwahrscheinlichsten. Und so war ich bereits morgens voller Zuversicht, dass dieses Silvester wirklich mal ganz gut wird. Ich habe (wie es sich für das Ende des Jahres gehört) erst einmal aufgeräumt und ausgemistet, bin dabei in der hintersten Ecke eines Schrankes auf einen Raumduft gestoßen der bereits Mitte 2014 abgelaufen war und habe ihn – beim Versuch, ihn zu entsorgen – versehentlich in meiner Küche fallen gelassen. Es hat mich satte 3 Stunden Extrem-Lüftung so mitten im Winter und eine damit verbundene Identifikation mit einem Eiszapfen gekostet, diesen Duft (der im übrigen stark an ein illegal betriebenes, drittklassiges Bordell erinnerte) aus meiner Wohnung zu bekommen. Aber es war noch nicht offiziell Silvester, die Panne zählt also nicht. Und damit sich sowas in 2016 nicht wiederholt, hatte ich den ultimativen Programmpunkt für meine Gäste und mich entwickelt.
Ich hatte alle Silvesterbräuche aus allen möglichen Ländern herausgesucht und (tolerant wie ich nun mal bin) befohlen, dass wir alle Bräuche nach den entsprechenden Regeln durchführten. Denn, je mehr Glücksrituale man durchführt, desto eher sinkt das Risiko, 2016 versehentlich mit abgelaufenen Raumdüften seine eigene Wohnung zu verseuchen. Das sahen meine Gäste genauso, fingen ohne Wiederrede um Mitternacht mit dem ersten Brauch an, aßen (wie vorher von mir erläutert) 12 Trauben, im Takt, bis zum 12. Schlag und wünschten sich bei jeder Traube etwas. Ich war sehr entzückt, als ich sah, wie sich jeder explizit daran hielt. Etwas zu entzückt, so dass ich den Start der Traubenesserei einfach verpasste und deswegen gleich 8 Trauben auf einmal runterwürgen musste. Da ich aber auch eigentlich nur einen Wunsch hatte, zählt das trotzdem. Finde ich.
Auch die restlichen Traditionen haben wir glanzvoll durchgeführt. Auch ich. Trotz Bauchschmerzen. Denn ich vertrage keine Trauben. Das ist mir dann aber erst nach 12 wieder eingefallen.
Und wenn ich so darüber nachdenke, war das herumtragen eines Rosinenbrotes, das Walzertanzen, die Wunderkerzen, das Herumwedeln mit dem Glücksbambus,…ja, all das waren gleichzeitig auch unglaublich spaßige Programmpunkte, die nicht nur Glück bringen sollen, sondern auch..
…und dann kommt mir plötzlich ein Gedanke, während ich mein blaues Lieblingshandtuch bügele (ja, auch die sollten gebügelt werden!). Hatte ich es übertrieben mit den Glücksritualen an Silvester? Was, wenn ich jetzt zu viel Glück habe? Was, wenn mir 2016 alles gelingt? Was, wenn in diesem Jahr alles nur noch rund läuft? Worüber soll ich denn dann bitte noch schreiben?
Ich stelle mein Bügeleisen beiseite, nehme den Telefonhörer in die Hand und rufe meine Mutter an. „Johanna“ erklärt Sie mir „Auch Trauben und ein Walzertanz werden das Chaos in Deinem Leben sicher nicht komplett auslöschen. Man kann schließlich nicht einfach so aus seiner Haut.“
Ich kehre erleichtert zum Bügelbrett zurück.
„Meine Mama hat schließlich immer recht!“ strahle ich.
Und dann bemerke ich einen merkwürdigen Duft in der Wohnung. Aber gar nicht so nach Bordell, sondern eher nach etwas verschmorrtem.
Und ich erkenne, dass ich das Bügeleisen idealerweise auf meinem superflauschigen Lieblingsteppich abgestellt hatte.
Ich reiße das Bügeleisen von der Stelle des Teppichs, der inzwischen nur noch ein großes Loch aufweist.
„Oh ja“ seufze ich.
„Und wie meine Mama einfach immer recht hat!“


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Mit Geduld und Spucke…

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So. Schon wieder nähern wir uns dem Ende eines Jahres. Und schon wieder werden ringsherum Pläne für Silvester geschmiedet. Was zieht man an? Wo stößt man an? Wie feiert man? Und wie viel Aspirin wird vermutlich zur Bekämpfung des Folgekaters am 01.01. benötigt?
Fragen über Fragen…die ich mir schon gar nicht mehr stelle.
So wie bei den Italienern die rote Unterwäsche, bei den Chinesen das Ultra-Feuerwerk und bei den Spaniern die Trauben, so ist es bei mir Silvestertradition, dass alles – ja wirklich alles – schief läuft. Ganz egal, wie gut die Aussichten sind und wie detailliert die Pläne erfasst wurden.
Das begann bei mir schon ziemlich früh, denn jede Tradition braucht Ihren frühzeitigen Anfang. Der war bei mir, als ich – die 7-Jährige Johanna – an Silvester meine neue Lieblingsjacke anzog, um das tolle Feuerwerk anzuschauen, das mein Papa vorbereitet hatte. „Nimm‘ doch lieber eine alte Jacke, bei Dir weiß man nie Johanna!“ meinte Mama damals. Und nein, mit 7 Jahren wusste ich noch nicht, was für eine weise Frau Sie doch ist.
Also ging ich mit neuer Jacke nach draußen, half beim Anzünden des Feuerwerkskörpers, der in einer leeren Flasche senkrecht nach oben stand. Dann stieß ich beim Rückwärtslaufen die Flasche um, sodass der Feuerwerkskörper nun direkt auf mich zeigte. Und dann rannte ich. Um mein Leben. Leider nicht nach Links oder Rechts. Sondern schnurrschnacks geradeaus. Und da ich – unglaublicherweise – nicht schneller rennen als ein Feuerwerkskörper fliegen kann, zischte der Feuerwerkskörper auf mich zu. Meine neue Jacke wurde total verkokelt. Meine Begeisterung für Feuerwerk auch. Und ich habe bestimmt die erste Hälfte des neuen Jahres damit verbracht, über diesen Schock hinweg zu kommen.
Mit 16 dann, habe ich Silvester bei meiner besten Freundin Sophie in New York verbracht. DIE Traumstadt mit DER Traumfreundin in DEM Traumoutfit an DER Nacht überhaupt. Und wir feierten, wie es sich für einen Silvesterabend in New York gehört. Zunächst zuhause bei Raclette und Sekt, dann bei Freunden von Freunden, deren Freunde ein Appartement direkt an der Brooklinbridge besaßen, und dann wurden wir in einer Limousine durch die Straßen New Yorks gefahren. Und es hätte alles so schön sein können, wenn ich nicht – bei einem kurzen Halt – schnell und leise aus der Limousine herausgesprungen wäre, um nur kurz etwas frische Luft zu schnappen. Die frische Luft (sofern man in New York von frischer Luft sprechen kann) tat mir wirklich gut. Aber nur, bis ich merkte, dass ich leider etwas zu unauffällig ausgestiegen war. Die Limousine war weg. Meine Freundin Sophie auch. Mein Handy lag in Deutschland (und seien wir ehrlich – selbst wenn ich es mit in die USA genommen hätte, hätte ich es an diesem Abend sicherlich bereits verloren). Meine Vorahnung, nun das kommende Jahr auf New Yorks Straßen verbringen zu müssen, wurde immer klarer. Und als ich so im Nieselregen an einer unbekannten Straßenecke dastand und es genau Zwölf Uhr schlug, verfluchte ich Silvester erneut. Statt das neue Jahr ausgiebig zu begrüßen, stellte ich mir also vor, wie mein neues Leben in einer US-Straßengang wohl aussehen würde. Vielleicht lag es an meiner Glitzer-Tasche oder an meinem roten Nagellack. Aber irgendwie konnte ich es mir auch nach 10 Minuten nicht wirklich vorstellen. Das war aber nicht weiter schlimm, denn weitere 5 Minuten später fand mich meine Freundin Sophie wieder. Sie versprach: „Wir wollen uns nie, nie wieder verlieren!“.
Wir verloren und an diesem Abend noch ein paar mal, doch ich wurde nie Mitglied einer Straßengang und in Deutschland bin ich bekanntermaßen auch wieder angekommen.
Auf dieses Silvester folgten dann noch Neujahrsfeiereien, an denen ich Punkt Mitternacht vor einem überfüllten Club anstand. Und Feiern, an denen ich mich alleine Mitten in Kaiserslautern wiederfand, weil ich mich auf dem Weg von der einen zur anderen Party furchtbar verlaufen hatte. Dann gab es einen Silvesterabend, den ich gemütlich Zuhause verbrachte – und den Neujahrsbeginn einfach verschlief. Und dann gab es ein Silvester, den ich gezwungenermaßen mit meinem frischgebackenen Exfreund zwischen romantischem Kerzenlicht und leuchtend-buntem Feuerwerk verbringen musste. Zumindest mit dem Anzünden eines Feuerwerkskörpers wurde ich, seit dem 7. Lebensjahr, nicht mehr beauftragt.
Ja. Meine Silvester waren bisher eher wenig Vielversprechend und vielmehr chaotisch als elegant. Mein Freund Tobi behauptet sogar steif und fest: „So, wie man Silvesterabende verbringt, so erlebt man auch das kommende Jahr!“.
Wenn er damit recht hat, dann erklärt das zumindest, warum mir über’s Jahr verteilt so viel Chaos begegnet, warum bei mir so einiges schief läuft und warum ich von Januar bis Dezember nichts anderes tue, als durch Fettnäppfchen zu waten und Stolperfallen auszuweichen versuche.
„Johanna“, reißt mich meine Kollegin Corinna mitten in der Agentur aus meinen Gedanken. „Kannst Du Stefan mal einen Espresso in den Meetingraum bringen?“ „Bitte?“ denke ich nur empört. „Kann er seinen Espresso nicht selbst holen?“. Doch, weil ich eben ein herzensguter Mensch bin, drücke ich an der Kaffeemaschine auf „Espresso“ und transportiere das Getränk zum Meetingraum. Dort sitzt Stefan mit meiner Kollegin Sarah und scheint etwas zu besprechen. Ich reiche ihm den Espresso und rufe mit einem Grinsen in seine Richtung: „Ich hab‘ mal eben reingespuckt, ne!?“.
Im Meetingraum wird es still. Stefan grinst. Sarah reißt die Augen auf. Und Corinna – nun direkt hinter mir – flüstert mir zu: „Ähm, wir haben gerade Videokonferenz mit einem Kunden!“.
Ich drehe mich um und bemerke erst dann den großen Bildschirm mit Videoschaltung.
Okay.
Dieses Silvester.
Das muss jetzt wirklich mal gut werden!


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„Lass‘ Dir das nochmal durch den Kopf gehen und überlege Dir gut, ob Du nicht doch etwas anderes machen möchtest.“ Meine Mama beriet mich erst vor kurzem zu meinem Vorhaben, für meine Kollegen einen kleinen Lebkuchenhausbau-Event zu veranstalten. „Du weißt, dass Du den Teig schon Tage vorher machen musst?“, fragte Sie und ergänzte: „Abgesehen von den ganzen Bauplatten, die Du vorschneiden und vorbacken musst. Da hast Du ordentlich zu tun.“
„Jap, ich überlege es mir“, erklärte ich – wohlwissend, dass ich es mir sicherlich nicht anders überlegen werde. Meine Mutter wusste dies zum damaligen Zeitpunkt ebenso.
Denn es war diese eine, ganz persönliche und spezielle Allergie, die ich irgendwie schon seit langem habe. Ich reagierte schon immer allergisch auf Ratschläge, Tipps und verschiedene Aufforderungen, etwas sein zu lassen oder etwas Bestimmtes zu machen.
Ich nehme an, der Ursprung liegt in meiner Konfirmationsfeier, an der wir in unerträglich zähen 3 Stunden das Thema „Gegen den Strom schwimmen“ erarbeitet und präsentiert haben. Ich denke, ich habe diesen Leitsatz etwas zu wörtlich genommen. Was eigentlich seltsam ist. Denn damals hatten wir verrückte Beispiele wie „Jeder will cool sein, passt sich der Masse an, schwimmt einfach mit dem Strom – und trägt keine No-Name-Ware sondern nur noch Kleider und Taschen der angesagten Marke Fishbone.“ Bei dem Gedanken, dass „Fishbone“ und „Angesagt“ mal in einem Satz verwendet wurden, bekomme ich noch heute einen leichten Lachkrampf.
Seit eben jener Feier bildete „gegen den Strom schwimmen“ mein Leitmotiv. Zum Leidwesen von einigen Personen.
Zunächst von meiner Mathelehrerin: „Warum lernst Du nicht einfach den Stoff, den hier jeder von Euch lernen muss?“ fragte Sie damals und versuchte damit verzweifelt, mir meine ständigen Widerworte auszutreiben. „Nur weil es jeder macht, muss ich das jetzt auch machen oder was?“ reagierte ich. Und damit war das Kapitel „Johanna in Mathe auf Durchschnittsniveau zu halten“ für meine Lehrerin, meine Eltern und mich ziemlich vorbei.
„Du musst Dich aber auch immer irgendwie widersetzen“ seufzte meine Freundin Laura damals, sichtlich empört.
Eventuell, weil Sie von Mathe mehr hielt als ich. Wahrscheinlicher aber, weil ich ihr einige Minuten zuvor eine Absage als zusätzliches Mitglied in Ihrem neu gegründeten Umweltschutz-Team erteilte. Denn ich hatte gehört, dass die ganze Klasse mitmachte – was mir dann doch wieder zu sehr nach Stromschwimm-Action aussah. Und dieses Risiko konnte ich einfach nicht eingehen. Massenrodung der Bäume und Wasserverschmutzung durch Textilfabriken hin oder her. Das würde die Umwelt schon verstehen.
Einige Jahre später (meine Konfirmation liegt nun wirklich schon Ewigkeiten zurück – genauso wie der Hype um das Label mit Fischskelett-Logo) hat sich bei mir nicht wirklich viel geändert. Ok, bis auf meinen Kleidungsstil und gewachsen bin ich auch ein bisschen.
Aber beispielsweise bei der Suche nach einem neuen Smartphone rieten mir meine Kollegen damals durchweg zu einem Samsung oder einem iPhone. Diesen Ratschlag nahm ich auch gerne an. Und kaufte mir dann direkt mein Windowsphone. Meine Kollegen schüttelten daraufhin verständnislos den Kopf.
Genauso wie meine Mutter keinerlei Verständnis für meine Erschöpfung aufbrachte, die durch 5 Stunden Teig-geknete und durch 8 Stunden Vorschneiden und Backen der Bauteile für die Lebkuchenhäuser der Kollegen entstand. Ja, ich war wirklich erschöpft. Und in diesem Moment, in dem ich vor dem heißen Ofen stand, bereits das 10. Blech voller Lebkuchenhausbauteile hineinschob und meine Motivationsmusik ausfiel (weil die App auf dem Windowsphone nicht richtig funktionierte), stellte ich mir doch schon mal ein paar Fragen:
Vielleicht sollte ich mich den Ratschlägen der anderen einfach mal Beugen? Oder zumindest mal darüber nachdenken? Vielleicht hat es einen Grund, warum bestimmte Dinge von so vielen Leuten genutzt werden? Vielleicht wäre ich eine große Mathematikerin geworden, wenn ich auf meine Lehrerin gehört hätte? Vielleicht wäre ich eine große Umweltschützerin geworden, wenn ich mich Laura und meinen Klassenkameraden angeschlossen hätte? Vielleicht ginge es mir mit einem iPhone irgendwie besser?

Und ich grüble darüber nach. Auch noch jetzt, am Tresen der hell erleuchteten, gerade geöffneten Bar wartend, in der ich letzte Nacht getanzt, zu den Songs mitgesungen und mein Smartphone schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate verloren hatte.
„Ja, Dein Windowsphone wurde abgegeben“, erklärt mir der Barkeeper und kramt mein Smartphone hervor.
„Juhu, es ist tatsächlich da“, strahle ich, erleichtert darüber, dass es nicht geklaut wurde.
„Na klar wurde das abgegeben“, lacht der Barkeeper etwas verächtlich.
„‚N Windowsphone! Das steckt keiner ein. Sowas will halt auch keiner haben.“
„Eben“ rufe ich stolz.
Und während das Licht gedimmt wird und die ersten Besucher in die Bar hereinströmen, kämpfen sich mein Windowsphone und ich durch die Menge Richtung Ausgang.
Eben ganz typisch.
Gegen den Strom.


 

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(Gefühls)kalter Entzug

Ärzte können toll sein.
Zum Beispiel dann, wenn Sie Dir sagen: „Hey, Sie sind ja in top Form!“. Oder auch wenn Sie meinen „Einen weiteren Bluttest ersparen wir uns lieber, packen wir die Spritze mal weg!“. Oder wenn Sie erklären: „In jedem Fall müssen Sie die nächsten 14 Tage auf Sport verzichten!“. Und letzteres ist mir tatsächlich vor einigen Tagen passiert.
Ich konnte darauf kurz nichts sagen, denn ich musste mit aller Kraft versuchen, die Freudentränen zurückzuhalten. 2 Wochen lang keine hässlichen Joggingschuhe, keine Schnappatmung im Fitnessstudio und keine stundenlange Suche nach einem neuen Bibi Blocksberg Hörspiel, um die ganze Sportrunde motiviert zu bleiben (es gibt nichts, was einen mehr antreibt, als die nervige Stimme von Bibi Blocksberg). 14 Tage kein Sport – ganz ohne schlechtes Gewissen. Und bei diesem Gedanken rollte mir dann doch eine kleine Träne des Glücks über meine Wange. „Aber, aber. 14 Tage sind schnell rum“ beruhigt mich mein Arzt. Er hatte die Träne gesehen. Ärzte sind ja so nett. Und so naiv.
„Naaaa gut, ich gebe mein Bestes“ entgegnete ich gespielt gequält und ließ in meinem Kopf schon einen Champagnerkorken knallen.
„Und bevor ich es vergesse“ ergänzt er, „Genauso ist Kaffee die nächsten 14 Tage strengstens verboten.“
Ärzte sind ja so hundsgemein! Und meine kurze Schnappatmung war bei einer solchen Aussicht natürlich vorprogrammiert.
„Es sind nur 14 Tage, also alles nur halb so schlimm“ meinte der Arzt und drehte mir den Rücken zu, auf den ich in diesem Moment nur zu gerne gesprungen wäre, um dann eine ganze Weile auf Ihn einzuschlagen.
Nur 14 Tage? Alles halb so schlimm?
Unwillkürlich kam die Erinnerung an meinen Laktose-Test vor einigen Wochen wieder hoch. „Kommen Sie bitte vollkommen nüchtern“ meinte die Arzthelferin damals. „Auch kein Kaffee!“
„Kein Problem“, antwortete ich. Meine Güte, war ich naiv.
Also verließ ich komplett nüchtern das Haus. Ohne Frühstück. Ohne Kaffee. Die Sonne schien. Und meine Laune glich schon zu diesem Zeitpunkt der Laune einer Cruella De Vil, nachdem man Ihr die Hundewelpen stibitzt hatte.
Beim Arzt angekommen, bemerkte die die Arzthelferin bei der Blutabnahme meine finstere Mine. „Ich weiß, Spritzen sind nicht so toll“, pflichtete Sie mir bei. „Es geht nicht um die Spritzen. Sie können mich hier gerne auch von Kopf bis Fuß aufschlitzen“ erklärte ich. Ja, so ohne Kaffee neige ich auch stark zur Dramatik! „Aber ohne meinen Kaffee macht das alles echt keinen Spaß, ey.“ (und zum Hip Hop Gangster werde ich ohne Kaffee auch, man beachte das „ey“ am Ende meines Satzes) „Hmmm, ich verstehe Sie da total“, tröstete mich die wirklich sehr verständnisvolle Arzthelferin. Doch trotzdem sagte Sie nein, als ich Ihr vorschlug, mir den Kaffee einfach intravenös zuzuführen. Ich hasste Sie.
Ja, die ganze Prozedur des Laktose-Testes dauerte ca. 1,5 Stunden. Eine kurze Zeit, in der ich es schaffte, einen riesen Krach mit meinen Mitbewohnern heraufzubeschwören (zwischen aufstehen, Badezimmer und dem Verlassen der Wohnung war ja genug Zeit dafür), mein Smartphone-Display zu beschädigen (wie genau ich das schaffte, möchte ich hier nicht ausführen. Nur so viel: In einem Kaffeeentzug entwickele ich Kräfte, die für mich und meine Umwelt oft schädlich sein können) und ich glaube, in diesen eineinhalb Stunden sind enge Freundschaften zu Bruch gegangen.
Und nun saß ich beim Arzt und fragte mich: „Wie soll ich das bitte 14 Tage überstehen?“
„Du meinst wohl: Wie soll Deine Umwelt diese 14 Tage überstehen?“ korrigiert mich mein Kollege Stefan, als ich wieder auf der Arbeit sitze. Dabei macht er sein mürrischstes Gesicht. Das soll wohl ich sein. Und witzig soll es wohl auch sein.
Die Kaffee-gefüllte-Johanna hätte vermutlich gelacht. Die Johanna auf Kaffeeentzug lacht nicht. Statt eines Lachens schaffe ich nur noch Flüche, Beschimpfungen und reichlich aggressive Gestik und Mimik. „Jetzt sei doch mal nicht so sauer, Johanna. Das war doch nur ein Spaß!“ erklärt meine Kollegin Moni. Und während Sie es damit auf meine Feindesliste für die nächsten 14 Tage schafft, koche ich mir einen Tee. Soll ja beruhigend wirken.
In der Küche stehen bereits einige meiner Kollegen am Kaffeeautomat, rühren in Ihren Espresso, Cappuccino und Latte Macchiato und wünschen mir allerseits einen wunderschönen guten Morgen. Ich schaue auf die zahlreichen Kaffeebecher, blicke dann in die lächelnden Gesichter der Kollegen und stelle mir die Frage, wie viel Platz auf meiner frisch angelegten Feindesliste wohl sein mag.

Pling! Da bekomme ich eine Mail.
Sie ist von Stefan.
Im Betreff: „Guck mal wie passend der Untertitel des Theaterstückes Johanna von Orléans ist!“
Und im Textfeld steht nur: „JEANNE D’ARC. Gott vergibt – Johanna nie.“
„Stimmt gar nicht, ich vergebe immer direkt und sofort“, rufe ich Stefan empört zu.
„Na, ich weiß ja nicht“, lacht meine Kollegin Viki von nebenan laut auf.
„Liebe Viki, ich erkenne dies als einen Witz an, lachte mit und… VERGEBE dir“, entgegne ich lauthals, um allen zu beweisen, wie großzügig ich mit Vergebung bin.
Und nebenbei ergänze noch schnell meine Feindesliste.


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Das „Nein“ auf dem Ja-Markt

Nein zu sagen ist gar nicht so leicht. Eigentlich sage ich immer „ja“.
Gerade, wenn man mich fragt, ob ich mich irgendwo anschließe oder mitmache, sage ich das viel zu oft und leichtfertig -noch bevor ich realisiert habe, was ich durch diese Zusage in Gang setze.
Doch selbst, wenn ich mich vor einer Zusage ernsthaft hinsetze und die Folgen dieses „Ja“ bedenke, hilft es doch nichts. Denn in diesen Momenten bin ich viel zu naiv. Ich, die Jetzt-Johanna, traut dieser Zukunfts-Johanna einfach mal verdammt viel zu. Offenbar traut auch mein aktuelles Umfeld dieser Zukunfts-Johanna zu viel zu.

„Johanna?“ fragt mich damals meine ehemalige Kollegin Helen. „Machst Du mit mir diese neue Paleo-Diät? Geht nur 30 Tage“. „Ja“ sage ich. Und habe vor der Zusage noch nicht einmal Google befragt, was es mit dieser Diät auf sich hat und auf was man verzichten muss. Hauptsache, ich sitze mit in diesem Boot des Verzichtes und der Selbstquälerei.
Noch während ich dann im Supermarkt stehe und mir überlege, was ich denn abends kochen kann, ohne dazu Milchprodukte, Weizenprodukte, Nüsse, Samen oder sonstige Lebensmittel die mir schmecken zu verwenden, verfluche ich mich für diese Leichtigkeit, mit der ich mich an irgendwelchen Aktionen beteilige.
Kaum sind die 30 Tage der Quälerei überstanden, öffne ich mir meinen lang ersehnten Joghurt, tunke den Löffel hinein, quietsche etwas vor Freude und verspreche der Zukunfts-Johanna nie wieder solche unüberlegten Aktionen zu starten – da erhalte ich eine Nachricht per WhatsApp: „Ey Johanna, schon mal vegane Wochen probiert? Die Stars schwören drauf! Machste mit?“ 
Und während die Zukunfts-Johanna blass wird, tippt die Jetzt-Johanna schon ohne Umschweife „Ja klar“ ein.
Wenn ich schon mal eine Paleo-Diät durchgezogen habe, werden so ein paar Wochen vegane Ernährung dann so schlimm sein?
„Ja“, murrt die Zukunfts-Johanna, als Sie kurze Zeit später beim verspeisen Ihrer Hirse mit Gemüse, neidisch und leidvoll auf den gebackenen Ziegenkäse Ihrer Sitznachbarin starrt.
Um nicht mehr in Versuchung zu kommen, nochmal  ohne meinen Joghurt auskommen zu müssen, bestücke ich meinen Kühlschrank kiloweise mit diesem köstlichen Produkt. „Man muss nur wissen, wie man sich selbst überlistet“, strahle ich und finde die Jetzt-Johanna auf einmal ganz schön schlau. „Finde ich sehr geschickt!“, stimmt mir meine Kollegin Natalia zu und ergänzt: „Sag mal, im Juli ist doch dieser Firmenlauf in Stuttgart. Organisierst Du den für die ganze Agentur und läufst Du dann auch selbst mit?“
„Ja“, antworte ich sofort, offenbar völlig berauscht von meinem Kühlschrank-Paradies aus Joghurtbechern und melde mich und weitere Kollegen bei diesem Firmenlauf an. 
Kaum ist die Anmeldung durch, fällt mir ein klitzekleines Detail auf, über das ich vielleicht doch vor dieser Anmeldung hätte nachdenken sollen: Es gibt gute Läufer und es gibt schlechte Läufer. Ich bin die dritte Version: Ein schlechter und extrem langsamer Läufer. Eigentlich laufe ich auch nur, weil vor einigen Monaten eine ganz neue Sportkollektion im H&M hing, die ich unbedingt haben wollte.
Eine solche Sportkollektion garantiert Dir: perfekten Halt und sportliche Eleganz.
Eine solche Sportkollektion garantiert Dir nicht: Sportlichkeit! Und so bin ich beim Joggen noch immer eine absolute Niete. Während einer Joggingrunde durch den Rosensteinpark gründen die dort ansässigen Gänse ganze Großfamilien. Und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, dass ich während meiner Strecke von 4 Kilometern schon die Jahreszeiten wechseln sehen konnte. Zumindest der dreibeinige Mops, mit zwei angeschnallten Rädern als Gehhilfe aus der Nachbarschaft, überholt mich immer. 
Also sitzt die Jetzt-Johanna in der Agentur, starrt auf die Laufbedingungen, mit denen man während des Firmenlaufs konfrontiert wird und hat furchtbare Angst. Angst vor der Zukunfts-Johanna und wie Sie sich durch diesen Lauf quälen muss, nur um anschließend sowieso als Letzte auf der Wertung des Laufs zu erscheinen.
„Ach quatsch, das schaffst Du schon“, versucht mich Rolf (mein Kollege und quasi der schnellste Mann der Welt) etwas aufzumuntern, als plötzlich das Handy klingelt: „Hey Johanna, wir planen wieder etwas für den 1. Juli und wollten Dich fragen, ob Du uns unterstützt?“. Am Handy war mein ehemaliger Verlag. „Ja“, sage ich. Natürlich. „Cool, wir schicken Dir alle Infos per Mail zu“.
Die Zukunfts-Johanna schaut mich im Geiste warnend an.
Die Jetzt-Johanna winkt ab, sagt sich: „Ganz ehrlich, egal was das ist, schlimmer als dieser Firmenlauf in Stuttgart kann’s nicht mehr werden“ …und liest dann in der eingehenden E-Mail:
„Liebe Johanna, toll, dass Du dabei bist, wir haben Dich nun verbindlich angemeldet. Der Firmenlauf in Heidelberg wird Dir sicher viel Spaß machen.“
Wir werden blass. Die Jetzt-Johanna und die Zukunfts-Johanna. 
Doch dann denke ich: Vielleicht ist es ja gar nicht so dumm, so oft einfach mal Ja zu sagen!? So viele Dinge hätte ich ohne ein spontanes „Ja“ gar nicht ausprobiert!!!
Also ziehe ich mir meine Sportsachen an, schnüre die Laufschuhe, starte die Runtastic-App und begebe mich auf meine Laufstrecke. Und ich sage „Ja“ zu der Herausforderung, „Ja“ zum Laufen und „Ja“ zu meinem Anspruch, die Runde mal etwas schneller zu schaffen. Und tatsächlich überhole ich den dreibeinigen Mops.
Vielleicht, weil ich besonders motiviert bin. Vielleicht, weil er offenbar gerade einen alten Schokoriegel auf dem Boden gefunden hat und damit beschäftigt ist.
Ich lasse den Mops hinter mir und strahle. Ja, ich sage jetzt definitiv noch viel öfter und bestimmter „Ja“!
Und dann bekomme ich eine Nachricht von meinem Mitbewohner: „Johanna, Du hast ja 1000 Joghurts im Kühlschrank. Kann ich mir einen nehmen?“.
„Nein!!!“
Denn irgendwo ist auch mal Schluss.


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Ä wie Äh…manzipation!?

„Johanna! Jahre über Jahre an Emanzipation. Und dann kommst Du daher!“ Ein Satz, den ich erst vor Kurzem gehört habe. Ich war auf einen Tee bei Freunden. Der Tee und der Satz kommen von Silvia, der Mutter meiner Freundin Sophie. Künstlerin und natürlich absolut emanzipiert.
Äh, bevor hier etwas anderes vermutet wird: Selbstverständlich bin ich nicht der Typ, der denkt, dass Frauen sich ausschließlich nach Männern richten sollten.
Das beste Beispiel bietet Elsa, mein Hund. Papa war absolut dagegen, während der Rest der Familie (ausschließlich weiblich) die Anschaffung eines Hundes für durchaus sinnvoll erachtete. Und das Ergebnis dieser „Mann-gegen-Frau-wer-setzt-sich-am-Ende-durch“-Debatte sitzt nun gerade im Körbchen und kratzt sich hinterm Ohr.
Doch Silvia scheint dieses Beispiel irgendwie nicht zufrieden zu stellen. „Als Frau darf man sich gegenüber Männern niemals klein machen“, meint Silvia im hitzigen Gespräch bei noch hitzigerem Tee. Ähh, doch. Ich darf! Weil ich es nun mal – rein körperlich gesehen – bin. Und so kommt es, dass mein Kollege Andi mir ein Wasserglas aus dem Regal in der Büroküche herunterreichen muss, weil mir selbst einfach die entscheidenden 10 Zentimeter Körpergröße fehlen. Oder mein Kollege Artur, der die Papierlieferungen entgegen nimmt, weil ich das ohne Hilfe nicht packe. Oder mein Kollege Uli, der mir nochmal bestätigen muss, dass der Tisch auch wirklich (mit großem Abstand!) durch die Tür passt, weil mir persönlich einfach das räumliche Sehvermögen dazu fehlt.
Bin ich deswegen weniger emanzipiert?
„Und wie soll das dann später bei Dir in Deiner eigenen Familie ablaufen?“ fragt Silvia, sichtlich besorgt um meinen Geisteszustand. „Ganz klar“, sage ich. „Absolut gleichberechtigt natürlich“ und füge (noch bevor Silvia erleichtert ausatmen kann) hinzu „äh,…nur was die Finanzen angeht, da möchte ich, das der Mann alles entscheidet.“ „Cooool, das will ich auch“, jubiliert Fine, eine Freundin von Sophie, euphorisch. Und Silvia ist noch weitaus entsetzter, als zu Beginn des Gesprächs.

Klar, auf den ersten Blick sieht es nicht wirklich emanzipiert aus, wenn ausschließlich der Mann festlegt, welche Versicherungen wann gezahlt werden müssen, wie viel Hundespielzeug wirklich notwendig ist (ob Hund oder nicht entscheide ich natürlich komplett alleine. Ganz emanzipiert.) oder welche Anschaffungen im Haushalt Priorität haben. Nun wird selbst Hermann, Sophies Papa, stuzig. Was mich doch sehr wundert, denn als Mathelehrer hatte er mal die Ehre, mich persönlich zu unterrichten und sollte wissen, wie wenig ich mit Zahlen anfangen kann. Die Kombination aus eben jener unterentwickelten Fähigkeit Zahlen zusammen zu zählen und der fehlenden Weitsicht für wirklich wichtige Investitionen, halte ich für absolut fatal. Der beste Beweis dafür ist der alte, strom- und platzraubende Röhrenfernseher, den ich eigentlich längst durch einen kostenschonenden Flachbildschirmfernseher ersetzen wollte. Stattdessen bin ich inzwischen stolze Besitzerin der neuen Blockabsatz-Booties von Steve Madden (einmal in Schwarz und einmal in Blau). Und die in Leo-Print sind bereits auf dem Weg zu mir.

Und ja, da gibt es sogar noch mehr „Emanzipations-Fehlschläge“ in meinem Leben, die nicht nur Silvia, sondern auch Alice Schwarzer zur Verzweiflung brächten. So regelt der eine männliche Mitbewohner alle Mietkosten-Angelegenheiten, während sich der andere männliche Mitbewohner um die Technik und die handwerklichen Dinge kümmert. Ich bin derweil mit backen, kochen und dem polieren meiner Sammeltässchen für den nächsten gemeinsamen Tee-Nachmittag beschäftigt. Das mache ich gerne. Und muss ich jetzt wirklich meine großen Leidenschaften und das, was ich nun mal kann und mag, verwefen, weil es nicht mehr zeitgemäß ist?

Schlussendlich bin ich doch ziemlich sicher, die laufende Emanzipation nicht durch meine Persönlichkeit zu gefährden und komme zu dem Ergebnis: „Silvia, ich bin wie ich bin und denke, jeder soll das so handhaben, wie es Ihm…oder IHR (Emanzipation!) gut tut.“
„Damit kann ich leben“, lacht Silvia.

„Und? Wie sind die Schwaben so?“ wechselt Sophie daraufhin erleichtert das Thema. „Ich hab‘ gehört, dass die extrem sparsam sind. Ist das nicht anstrengend?“
„Nö, eigentlich nicht.“ erkläre ich. „Äh…außer bei ersten Dates. Da bieten sie niemals an, die Rechnung zu übernehmen. Und das sollte der Mann doch definitiv tun!“
„Find ich auch!“ ruft Fine.
Sophie lacht.
Silvia verlässt murmelnd den Tisch.
Und ich höre nur noch „…das war’s dann mit unserer Emanzipation.“
Äh…oder so.


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Granatengebäck

Ja, mir geht’s schlecht. Und nein, nicht auf diese pseudo „Mein-Leben-ist-nicht-lebenswert-weil-Verbotene-Liebe-wegen-einer-Sportübertragung-ausfällt“-schlecht. Diesmal geht’s mir so richtig schlecht, mit allem drum uns dran. Ohrenschmerzen, Halsschmerzen, Kopfweh, Schnupfen und auch ganz bisschen Husten. Ja, sogar Husten. Und hätte ich noch ein Organ, das von einer Erkältung befallen werden könnte, dann würde mir das auch weh tun. Ganz sicher. Mir geht es so schlecht, hätte ich einen passenden Stein griffbereit, ich würde wohl Gefahr laufen, mich damit zu erschlagen.

Aber von Ohrensausen, Selbstmitleid und Schluckbeschwerden mal abgesehen, so ist krank sein doch auch manchmal etwas wunderbares. Du kuschelst Dich in deine fluffigen Kissen, schlürfst heißen Tee und kannst endlich einmal wieder alle The Big Bang Theorie-Folgen am Stück schauen. Bei der ganzen Hetzerei im Alltag ist es doch einmal schön, richtig faul vor sich hin zu schimmeln. Natürlich schimmele ich nicht Wortwörtlich. Nur so bildlich gesehen, natürlich. Das einzige, was sich hin und wieder aus meinem Bett bewegt, ist dann der große Zeh, der vorfühlen soll, ob die Zimmertemperatur für meine aktuelle Gesundheitslage angenehm genug ist. Ist sie dies nicht, so brauche ich nur zu röcheln „Haaaaallo? Ist da jemand?“ Und schon kommen meine besorgten Mitbewohner, kochen mir neuen Tee, bringen mir die perfekt-beheizte Wärmflasche, öffnen (oder schließen) das Fenster, übernehmen meinen Putzdienst oder kaufen für mich ein. In solchen Momenten macht das krank-sein einfach Sinn und ich erfreue ich mich wieder des Lebens. Aber nur heimlich, denn ich bin ja krank.
„Ich denke, diese Erkältung ist einfach ein himmliches Zeichen, dass ichs mir mal wieder so richtig gut gehen lassen und ganz viele Quarkbällchen futtern soll“, texte ich meiner Freundin Regina per Whatsapp.
„Ich denke, diese Erkältung ist einfach ein eindeutiges Zeichen, dass man Nachts auf dem Wasen nicht komplett ohne Jacke im Nieselregen durch die Gegend springen soll“, antwortet Regina. Zum Glück ist Sie nicht vor Ort. Denn hätte ich einen Stein zur Hand, ich würde wohl Gefahr laufen, Sie für diese unsinnige Theorie zu erschlagen.

Doch man soll bekanntlich niemanden erschlagen, schon gar nicht, wenn man kein passendes Werkzeug dazu hat. Zudem muss man manchmal über die Unwissenheit einer Freundin hinweg sehen. Das kann ich am besten beim Backen. Deswegen mache ich mich direkt an die Arbeit um frische Quarkbällchen zu zaubern. Kaum sind die Ldeckereien im Ofen, kingelt das Telefon – Es ist meine Freundin Celina. „Böshans“ (sie nennt mich immer liebevoll beim Nachnamen, da Sie der Meinung ist, mein Nachname würde mehr über meinen Charakter aussagen, als jedes psychologische Gutachten) „Du bist krank?“, fragt Sie mich. „Könnte das daran liegen, dass Du nur im dünnen Dirndl Nachts im Nieselregen über den Wasen gehopst bist?“.
Mir scheint es so langsam, als würden sich meine Freundinnen absprechen. Das mag ich so gar nicht. Und wenn ich einen Stein in der Nähe hätte (hab ich ja bekanntlich immer noch nicht), ich würde wohl in diesem Moment Gefahr laufen, auch meine Freundin Celina damit zu erschlagen. Doch ich beruhige mich, verstehe langsam, warum mir niemand Steine schenkt und kläre die Gute ruhig und gelassen darüber auf, dass meine aktuelle Lage nichts mit der nächtlichen Tour über das Wasengelände zu tun hat, sondern lediglich ein Zeichen ist, mal wieder die Seele baumeln zu lassen, sich bedienen zu lassen, die köstlichsten Quarkbällchen auf Erden zu verpseisen und am laufenden Band Serien zu schauen.
Plötzlich riecht es verbrannt. Und wenn man nicht gerade versucht, ein Lagerfeuer zu entfachen, weil man in Kürze Marshmallows grillen will, ist der Duft nach Verbranntem nie ein gutes Zeichen. Also lege ich auf (für ein „Ciao, machs gut, lass‘ uns doch die Tage nochmal ausführlich quatschen“ bleibt definitiv keine Zeit mehr) und mit traurigen Augen fische ich 5 schrumpelige, steinharte und verkohlte Quarkbällchen aus dem Ofen.

Mein Mitbewohner Felix kommt hinzu. „Haha, na, wenn das kein Zeichen ist?“.
„Für was soll das bitte ein Zeichen sein?“ frage ich entrüstet. So langsam wird meine Laune immer schlechter.
„Da hättest Du wohl doch nicht ganz ohne Jacke Nachts herumlaufen sollen. Die Strafe folgt immer auf dem Fuße! Oder willst Du diese verkohlten Teile etwa noch essen?“
„Nicht wirklich. Aber es ist wohl tatsächlich ein Zeichen!“ entgegne ich.
„Aha, und was genau?“ fragt Felix.
„Das sag ich lieber nicht. Aber die passenden Steine dafür, habe ich soeben aus dem Ofen geholt!“


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DER COUNTDOWN LÄUFT WIEDER!

 

Es ist ein Tag wie jeder andere. Für viele. Für mich nicht. Für mich ist mein Geburtstag der schönste Tag des ganzen Jahres. Auch Weihnachten und Ostern können nicht dagegen ankommen. Mein Geburtstag gehört nur mir alleine und an dem will ich einfach mal so richtig gefeiert werden, verdammt.
Am 7. Juni war es wieder soweit und für niemanden in meinem Umkreis kam dieses Ereignis überraschend. Zum einen, weil ich bereits einen Monat im Voraus nur noch Geburtstagsthemen auf den Tisch packe. Zum anderen, weil ich zeitnah (und nur zur Sicherheit) einen Geburtstags-Countdown erstelle, den ich jedes Jahr per Mail an einen ausgewählten Kreis sende. Einfach nur, damit ihn niemand vergisst: meinen Geburtstag.
Warum bist Du bitte so wild auf Deinen Geburtstag. Dabei bist Du doch schon so alt? fragt mich mein Mitbewohner Felix. Das “alt” habe ich einfach mal überhört. Die Thematik betrifft schließlich meinen Geburtstag. Aber trotzdem, eine wirkliche Antwort habe ich darauf nicht. Tatsächlich sind bisher einige meine Geburtstagsparty nicht so rosig abgelaufen, wie geplant.
Da erinnere ich mich zum Beispiel an das rosa Fahrrad mit weißem Korb und rosa Quietschklingel, das ich zum 7. Geburtstag um ca. 13 Uhr von Papa bekommen habe. Und ich erinnere mich an das gleiche rosa Fahrrad mit weißem Korb und rosa Quietschklingel, das ich um ca. 13:30 Uhr zu Schrott gefahren habe.
Oder es fällt mir mein Geburtstagskleid von Joop ein, das ich mit größter Fürsorge hegte und pflegte, bis ich mich an meinem 13. Geburtstag etwas zu sehr den schönen, hellen Geburtstagskerzen näherte. Chiffron-Kleider sind leicht entflammbar. Das weiß ich jetzt.
Oder es fällt mir die Klettertour ein, an dem die Hauptperson (ich natürlich) einen Stein auf den Kopf bekommen hat und nicht freudestrahlend, mit entsprechender Torte in der Hand, am Tisch –  sondern 4 Stunden mit Mama und Loch im Kopf in der Notaufnahme saß.
Nein, man kann nicht davon sprechen, dass meine Geburtstag bisher reibungslos abgelaufen sind. Trotzdem liebe ich jeden einzelnen.

Doch es ist nicht so, dass ich nur meine Geburtstage für etwas Besonderes halte. Genauso würdige ich auch andere. Dann oft sogar etwas mehr, als das Geburtstagskind selbst. So ziehe ich zum Geburtstag meines Mitbewohners Felix “Ichmachmirnixausgeburtstagen” Müller bereits um 5 Uhr morgens mein hübschestes Kleid an, blase alle Luftballons auf, verteile künstlerisch die Luftschlangen in der Küche, richte den Frühstückstisch, schreibe eine Geburtstagskarte, zünde die Kerzen an und schmeiße den zweiten Mitbewohner Tobi aus dem Bett (eindeutig die größte Herausforderung an diesem Morgen), um dem Geburtstagskind standesgemäß Happy Birthday und einen schönen Tag zu wünschen.
Ich freue mich.
Felix freut sich.
Tobi freut sich auch. Innerlich.
Find ich schön, dass Du auch andere Geburtstage so würdigst, meint Felix anerkennend.
Apropos Geburtstag!
Ich ziehe eine goldene Tiara und mein neues Leo-Kleid hervor. Denkt ihr das Outfit ist für meinen nächsten Geburtstag zu übertrieben?
Johanna, Du fängst jetzt nicht ernsthaft schon ein Jahr im voraus mit der Planung an?

Nein, natürlich nicht!

Die Handys meiner Mitbewohner piepsen.
Eine E-Mail:
“Dies ist ein automatischer Countdown. Nur noch 335 Tage bis zu Johannas Geburtstag!”

 


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ICH HAB’S DOCH GEWUSST!

Manchmal sitze ich so in der Mittagspause und suche nach Gemeinsamkeiten zwischen den IT-Jungs und mir. Die Jungs lieben Red Bull. Ich aber so gar nicht. Die Jungs wissen, wie man eine Inkognito-Seite am PC öffnet. Ich weiß noch nicht einmal, was eine Inkognito-Seite ist. Die Jungs können jeden Satz aus Star Wars zitieren. Ich kenne weder eine Person, noch eines dieser komischen Ungeheuer und frage mich, ob Star Wars und Star Trek eigentlich das gleiche ist…
Jetzt habe ich ein gemeinsames Interesse gefunden: New Girl! Eine Serie, die ich mit mehr Leidenschaft verfolge, als die Preisreduzierungen meiner geliebten Coccinelle-Bag (noch 10 €, dann kann ich Sie mir leisten!). Meine Kollegen fänden das auch alles ganz super und wir hätten in friedlichem New-Girl-Einklang leben können, wenn ich nicht noch nebenbei – in völligem Leichtsinn – erwähnt hätte, dass ich jede Folge vorher einmal genau durchlese, bevor ich sie mir anschaue. Ich weiß einfach gern, mit was ich es im nächsten Moment zu tun habe, bin gerne darüber informiert, welche Darsteller sich wann verlieben, wann geweint und wann gelacht wird. Und ich vergöttere das Gefühl, am Ende sagen zu können: Ich hab’s gewusst. Dieses vorherige Durchlesen beschränkt sich aber nicht nur auf New Girl. Ich möchte gerne noch im Vorspann jedes Films wissen, ob mich ein Happy End erwartet, denn ich finde es nur allzu unerträglich, wenn ein Clownfisch-Papa versucht seinen Clownfisch-Sohn Nemo zu finden und ich den ganzen, endlos-langen Film nicht weiß: Wird er Nemo denn am Ende finden??? Die Jungs sind schockiert. Ich bin es nicht. Denn ich weiß ja immer, was passiert. Und, keine Sorge: Nemo wird gefunden! Und ich hab’s direkt gewusst.

Das ganze Team ist schockiert. Die IT-Jungs ganz besonders. Und ich ahne, dass ich diese Information vielleicht hätte für mich behalten sollen. Aber wenn ich “Spoiler-Alarm” lese, klicke ich nicht verächtlich weg, sondern reibe mir die Hände und freue mich, wieder etwas anschauen zu können, ohne mich zu erschrecken, vor Spannung durchzudrehen oder enttäuschende Filmenden hinnehmen zu müssen. Ein Geist lauert um die nächste Ecke? Wusste ich schon! Die Torte, die gerade verspeist wird, ist vergiftet? War mir klar! Okay, die IT-Jungs finden, dass ich mir damit einiges an Spannung nehme. Aber ich finde, ich habe schon genug Spannung in meinem Leben, die ich kaum aushalte – brauche ich das dann noch in der Fernsehunterhaltung? Allein wenn eine verheißungsvolle, neue Zahl an meinem Fashionfeed aufblinkt, steigt die Spannung bei mir ins unermessliche, ob da ein neues Schmuckstück auf mich wartet.

So lange ich Euch nichts verrate, ist mein Verlangen nach einem Wissensvorsprung doch ganz allein meine Sache, finde ich. Dem stimmen dann auch die IT-Jungs zu. Wow, schon wieder ein gemeinsamer Nenner zwischen den Jungs und mir. Da findet sich bestimmt noch eine dritte Gemeinsamkeit!
Ich bin verzückt und schlage zur Beruhigung der Gemüter gleich einen Serienabend rund um New Girl vor. Die Jungs sind dabei. „Super, heute kommt nämlich die Folge, in der Jess Geburtstag hat. Die ist gut. Am Ende hat Nick einfach das ganze Kino für Sie reserviert und alle sind dort versammelt, aber Jess ahnt überhaupt nichts“, rufe ich begeistert.
Die Jungs starren mich entgeistert an.

„Johanna, jetzt wissen wir doch schon genau, was in der Folge passiert“mault Ben auf.
„Prima, wieder eine Gemeinsamkeit!“ Hab ich’s doch gewusst…