No time, baby – Schlüssellos unterwegs Teil 1

Ein einziger Tag kann so viele Überraschungen für Dich bereithalten. Du kannst zum Beispiel ganz unerwartet einen Heiratsantrag bekommen (wenn Du Dich davor bereits in einer Beziehung befindest, erhöht das die Chancen enorm). Du kannst an einem Tag auch plötzlich im Lotto gewinnen (dazu dann am besten Lotto spielen). Die wirklich überraschenden Wendungen nimmt der Tag aber erst an, wenn Du Deinen Haustürschlüssel zum ungünstigsten Zeitpunkt überhaupt zuhause liegen lässt. Ganz ehrlich. Habe es ausprobiert. Erst letzte Woche.
Herausgefunden, dass sich der Schlüssel nicht wie gewohnt in meiner Tasche sondern noch auf der heimischen Kommode befindet, habe ich es erst, als der Freitägliche Feierabend bereits kurz bevor stand. „Ein Glück habe ich noch zwei Mitbewohner mit Schlüssel und dem Hang, immer vor mir zuhause zu sein“ freute ich mich und hielt mich für einen riesigen Glückspilz. Das war kurz bevor mir mein Händchen für das besondere Timing wieder einfiel – und damit die Tatsache, dass der eine Mitbewohner ausgerechnet an diesem Wochenende bereits am Bodensee residierte. Auch Mitbewohner zwei war bereits lange im Feierabend und hopste glücklich und zufrieden in einem Zelt auf einer Bierbank auf dem Frühlingsfest umher.
„Ist ja super“, jammerte ich und sah mich selbst ebenfalls auf- und ab hopsen. Nämlich um eine offene Feuerstelle auf einem Stuttgarter Schrottplatz. Mit diesen Handschuhen, die nur die Hälfte der Finger bedecken. („Wo bekommt man die eigentlich her?“)
„Ist doch suuuper“, grinste meine Freundin Corinna – die offensichtlich den Ernst meiner Lage noch nicht so ganz begriffen hatte. „Dann hast Du doch jetzt jeden Grund mit mir und meinen Freunden aufs Frühlingsfest zu gehen.“ Sie reichte mir ein goldenes Bändchen für ein Frühlingsfest-Zelt und meinte: „Komm dann einfach nach!“.
Und Sie hatte ja irgendwie Recht. Ich war mir ziemlich sicher: Sich auf dem Frühlingsfest im warmen Zelt mit Freunden zuzuprosten und die Zeit, bis ich wieder in die Wohnung kam, mit Schunkeln zu verbringen, das klang doch irgendwie verlockender, als die Sache mit der offenen Feuerstelle.
Ich war wieder happy – bis mir diese eine Sache mit meinem furchtbaren Timing wieder einfiel…nämlich als es sich in der Kaffeemaschine widerspiegelte: Das wohl denkbar schlechteste Frühlingsfest-Outfit, das ich für diesen Tag gewählt hatte. Ein weißes Kleid, die unbequemsten Schuhe, eine riesige Handtasche – die fast schon als Reisetasche durchgehen könnte – und zu guter Letzt (als wäre das nicht schon genug) trug ich meinen riesigen, empfindlichen, weißen Kunstfellmantel.
„Ist doch gar nicht schlimm, SO auf das Frühlingsfest zu gehen“, sprachen die Worte einer Kollegin. Ihr auf mich gerichteter Zeigefinger und ihr beherztes, lautes Lachen sprachen jedoch eine andere Sprache. Und so trottete ich, so unpassend gekleidet, Richtung Wasengelände und fragte mich, was ich tun könnte, um meine Situation etwas zu verbessern.
Ich lief in den nächsten H&M, legte mein letztes Bargeld für einen übergroßen Blumenkranz hin und band ihn mir ins Haar. In dem hintersten Eck meiner riesigen Tasche fand ich noch einen Lipliner, den ich kurzerhand als Lippenstift missbrauchte.
Ich war zufrieden. Ich sah nun nur noch zu 95% unpassend für ein Festtagszelt aus. Auch wenn man über die Kombi von Blumenkranz und Kunstfellmantel hätte streiten können. Im Frühlingsfestzelt angekommen stand ich dann da. Zwischen Maßkrügen, Dirndln und Lederhosen. Ich – mit meinen Kunstblumen im Haar und dem riesen Mantel – und machte einfach das Beste daraus. Ich schunkelte drauf los und genoss die erste Maß Weinschorle in kürzester Zeit. „Ich muss aber noch an den Geldautomaten, bisschen Bargeld holen“ rief ich Corinna zu. „Aber das mach ich einfach, wenn ich ausgetrunken habe“. Oh ja, da war es wieder – dieses unglaublich schlechte Timing. Denn hätte ich das Bargeld direkt geholt – bevor ich einen Liter Weißweinschorle in meinen Körper einflößte – so hätte ich vermutlich spätestens beim 2. Mal den korrekten Pin meiner EC-Karte eingegeben. So aber habe ich 3 Mal die falsche Zahlenkombination gewählt und die Karte wurde gesperrt.
„Kein Bargeld UND kein Haustürschlüssel“, seufzte ich Corinna zu. Und mein Handy piepste passenderweise bedrohlich. „Achja. Und mein Akku ist auch gleich leer!“. Ja. Mieses Timing und so.
In diesem Moment läuft mir ein attraktiver Lederhosenträger über den Weg. Er lächelt mich an und meint: „Ganz ehrlich: Das weiße Kleid und der Blumenkranz im Haar. Das sieht so toll aus. Und damit stichst Du absolut aus der Masse hervor“.
Ich erröte und freue mich über das Kompliment, als er weiter erklärt: „Wenn ich nicht schwul wäre…“
Okay. Was ist nur los mit diesem Tag?
„Wie lange stehst Du schon auf Männer?“ frage ich Ihn.
„Ähm…schon ewig lang, wieso?“ fragt er mich irritiert.
„Ach, nur so“ freue ich mich, erleichtert darüber, dass er nicht erst heute beschlossen hat schwul zu sein.
Diesmal liegt es nicht an meinem schlechten Timing.
Ich lachte.
Drehe mich selbstbewusst um.
Genau in dieser Sekunde, als eine Bedienung mit einem Tablett voller halber Hähnchen an mir vorbei läuft.
Das Geschirr klirrt.
Sag ich doch die ganze Zeit. Mieses Timing!

 


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Vom Unglück ummantelt

Manchmal sitzt man einfach nur da und grübelt darüber, wie es weitergehen soll. Ob eine schwere Trennung, schreckliches Heimweh, der Verlust des Jobs oder (ja, so etwas kann leider auch passieren) der absolute Lieblingsmantel, der inzwischen ausverkauft ist. Überall. Auch im Onlineshop.
In solchen Situationen fragt man sich schnell: “Wo soll das alles hinführen?” oder  “Wie soll es denn jetzt bitte weitergehen?” Oder eben auch “Soll ich jetzt  einfach ohne diesen Mantel weitermachen, als hätte es Ihn nie gegeben?”
Unter dem Motto: Es geht immer irgendwie vorwärts versuche auch ich mich in solchen Momenten zusammen zu reißen. Mit kleinen Ausnahmen. Denn zunächst gönne ich mir etwas Drama und Theatralik. Dann renne ich schluchzend durch die Wohnung, während ich alle drei Meter wimmernd rufe “Mein Leben ist nicht lebenswert”. Gestern war ein solcher Moment. Und meine Mitbewohner? Die liefen schulterzuckend an mir vorbei. “Weißt Du, Johanna”, erklärte mir dann mein Mitbewohner Gürkan (den ich an guten Tagen liebevoll Gürkchen nenne). “Erst vor einer Woche mussten wir Dich trösten, weil die Milch abgelaufen war”. “Und am Tag zuvor”, ergänzt Felix, “war Dein Leben nicht lebenswert, weil unser W-Lan ausgefallen ist”.

Gut, ich bin schon hin und wieder eine Dramaqueen. Aber wenn man dann keine Milch fürs Müsli hat oder sich nicht an dem neuesten Instagrampost von Kim Kardashian belustigen kann, weil das Internet nicht funktioniert, ist dann etwas Trost zuviel verlangt? Hier und da eine kleine Umarmung. Oder einfach mal zu hören, wie wundervoll meine Frisur heute aussieht. Ja, so etwas hilft. „Johanna, es geht immer irgendwie vorwärts. Auch ohne Milch, funktionsuntüchtiges Internet. Und auch ohne diesen komischen Mantel, von dem Du im übrigen schon zwei Ähnliche hast.“ Der Meinung ist Felix. Ich bin es nicht. Und telefoniere umgehend mit meiner Mama, der ich direkt von meiner unglücklichen Situation erzähle. Nachdem ich Ihr klarmachen konnte, wie dringend ich diesen einen Mantel für mein Lebensglück gebraucht hätte und wie schrecklich mich meine unsensibelen Mitbewohner behandeln, war ich doch ziemlich sicher, dass es wahr ist: Mein Leben ist nicht lebenswert.
“Ach mein Kind”, sagt meine Mama dann. „Es geht immer irgendwie vorwärts. Pack Deine Sachen und komm‘ übers Wochenende nach Hause. Ich koch’ Dir was schönes.” Das hilft mir tatsächlich etwas (auch wenn ich ein Kompliment bzgl. meiner Frisur genauso aktzeptiert hätte). Und so husche ich wortlos an meinen Mitbewohnern vorbei, packe meine Sachen und verlasse ohne Mantel und ohne Abschied die Wohnung. Denn der Matel war ja ausverkauft. Und ich bin ja sauer. Und mein Leben ist ja – wie gesagt – sowieso nicht lebenswert.
Am Bahnhof angekommen, warte ich auf meinen Zug. Dann fragt mich eine ziemlich gelangweilte Bahn-Mitarbeiterin: “Sie wollen nicht zufällig nach Kaiserslautern?” “Ähm…doch”, antworte ich. Und ahne schon, dass mein Leben erstmal nicht lebenswerter wird.  “Tsja, dann mal viel Glück! Die Züge fallen heute alle aus. Da müssen Sie wohl umdrehen!” Kann es noch schlimmer werden? Bye, bye schönes, erholsames Wochenende mit Kochservice und Sonnenbad im Garten.
Also trotte ich zurück, in meine Wohnung, an meinen Mitbewohnern vorbei (hatten die überhaupt bemerkt dass ich weg war?), direkt in mein Zimmer und schmeiße mich weinend aufs Bett. Mein Leben ist nicht lebenswert, das steht dann mal fest.

In diesem Augenblick bekomme ich eine E-Mail: Gute Nachrichten, Frau Böshans. Ihr Mantel ist Online wieder verfügbar und nun 30% im Sommersale reduziert.
Ich strahle. Und bestelle. Und dann rufe ich meine Mama an. Diese ist völlig enttäuscht, mich am Wochenende dann doch nicht bei sich zu haben.
“Und was soll jetzt aus dem ganzen Essen werden, das ich vorbereitet habe?”
„Keine Sorge Mama. Im Leben geht es immer irgendwie vorwärts.“
Solange man nicht mit der Bahn fährt!

 


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DIE STRUMPFHOSENDEPRESSION

Ich bin verrückt nach Röcken und Kleidern in ganz vielen Formen und Farben. Ich trage Sie fast ausschließlich. Zum einen, weil’s einfach so schön feminin ist. Zum anderen, weil die Stoffe so fröhlich-belebend im Wind tanzen und das doch gleich irgendwie glücklicher macht. Und nicht zuletzt hab‘ ich Sie am liebsten, weil Hosen die gravierende Begrenzung meiner Beinlänge (ja, die sind zu kurz) einfach zu schockierend wahrheitsgetreu offen legen. Kurz nach dem Hosenbund trifft man bei mir schon auf die Knöchel. Nicht schön.
Da lobe ich mir zum Beispiel meinen neuen Lederrock. High-Waist natürlich – dann denkt gleich jeder Laie, wie uuuunglaublich groß ich doch bin. Dass mein Bauchnabel immer noch auf gleicher Höhe sitzt, wie schon am Tag zuvor und dass meine Beine über Nacht kaum 10 cm länger geworden sein können, diese Fakten gehen an dem Betrachter vorbei. Ein Glück!

Es gibt nur einen schrecklichen Nachteil, wenn man so gerne das neue Kleidchen ausführt, statt sich in die Jeans zu quetschen: Wenn es zu kalt ist, braucht Frau einfach Strumpfhosen.
Ich gehöre leider zu der Spezies, der immer zu kalt ist; die auch dann noch im Wollpullover über die Straße läuft, wenn andere Menschen schon längst die kurzärmelligen, hochsommerlichen Shirts herausholen und in Flip-Flops umher eilen. Nun wohne ich eben nicht in Spanien, sondern in Deutschland. Und da es damit gefühlte neunzig Prozent des Jahres zu kalt für “beinfrei” ist, bleibt mir eben nur noch der Griff zur Strumpfhose.
Versteht mich nicht falsch, Strumpfhosen finde ich generell ganz super. Gerade in schwarz machen sie das Bein gleich noch ein wenig schlanker (kann ja auch nie schaden). Leider jedoch sind Strumpfhosen nicht unzuerstörbar. Mehr noch. Ich gehe soweit, zu behaupten: Strumpfhosen sind die suizidgefärdesten Kleidungsstücke, die ein weiblicher Kleiderschrank so hergeben kann.
Manchmal laufe ich die Straße entlang, stolpere, falle hin: Schon habe ich ein Loch in Kniebereich der Strumpfhose. Manchmal laufe ich zu knapp an einer Wand vorbei, bleibe mit der Strumpfhose hängen: Schwupps – mein halber Oberschenkel ist frei.
Manchmal ziehe ich meinen allerliebsten Armschmuck an, der so schön klimpert, gestikuliere etwas zu wild: Direkt im Anschluss bin ich übersät mit kleinen Laufmaschen und Löchern.
Und dann gibt es die Tage, an denen ich mich von allem distanziere, was Ecken und Kanten hat, ziehe keinen Schmuck an, versuche mich so wenig wie möglich zu bewegen. Dann freue ich mich, dass ich die Strumpfhose ein zweites mal tragen kann, bis ich dann abends die riesen Laufmasche entdecke, die (auf dubiose Art und Weise) ganz ohne mein Zutun in meine Strumpfhose gelangt ist. Verdammt selbstmörderisch, die Dinger. Und teuer.
Zu teuer, auf die Dauer. Deswegen vermeide ich diesen Stress hin und wieder. Heute zum Beispiel. Und so quetsche ich mich eben mal wieder in die quälend-ehrlichen Jeans. Auch wenn ich nun wieder optisch meiner Standardgröße entspreche, so hat es doch etwas befreiendes, sich bewegen zu können, wie man will. Adrenalin-getrieben schlendere ich nur haarscharf an der Wandtapete mit rasierklingenähnlicher Struktur entlang (ich alter Draufgänger). Behangen von Ringen und Armreifen (sogar mit Nieten), gestikuliere ich mich wild durch den Tag. Ich kann so oft über etwas drüber stolpern und hinfallen, wie ich nur will (und dies mache ich wirklich sehr oft!): Am Ende des Tages wird die Jeans noch in genau dem Zustand sein, in dem sie heute Morgen war.
Und auf meinem Heimweg, ohne löchrige Beinbekleidung, frage ich mich, warum ich mir diese Strumpfhosen-Dramatik wieder und wieder antue. Wie leicht und bequem das Leben doch in einer Hose sein kann.
Wie unbekümmert.
Das will ich jetzt immer!
Nie wieder Strumpfhosen!

Dann begegne ich einer Bekannten.
„Hey Johanna, ich hätte Dich fast gar nicht erkannt. Mir ist vorher gar nicht aufgefallen wie klein Du bist.“
Ich lächle gequält.
„Ich kann leider gerade gar nicht quatschen….muss noch einkaufen.“
„Lebensmittel?“

„Nee, einen Jahresvorrat an Strumpfhosen.“

 

 


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Ich packe meinen Koffer…

…und nehme mit: Völlige Ahnungslosigkeit! Vor Wochenendtrips überfällt mich nämlich jedesmal die absolute Panik. Mit was soll ich mein kleines, fliederfarbenes Köfferchen füllen? Und wie schafft man es, den Inhalt eines 81×180 cm großen Kleiderschrankes in einen 54 x 30 cm kleinen Reisekoffer zu quetschen? Das Einzige, was derzeit auf meiner Einpack-Liste steht: Eine Zahnbürste.
Wenn nur alles so einfach wäre!

Die große Problematik liegt hier eindeutig an meiner angeborenen Entscheidungsschwäche, wenn es um die Suche nach den richtigen Outfits geht. Diese allmorgendliche Suche kann mal nur 10 Minuten dauern. Zum Beispiel wenn einem das altbewährte Lieblingsoutfit ins Auge sticht und alle relevanten Stücke gewaschen und gebügelt bereitliegen. Man braucht nur noch hineinzuschlüpfen und fühlt sich pudelwohl. Leider kommt diese Situation bei mir in etwa so oft vor, wie Tage an denen ich gestehe, zu viele Kleider zu besitzen. Korrekt, dies passiert niemals! Und, selbst wenn das Lieblingsoutfit tatsächlich tragebereit im Schrank hängt, heißt es noch lange nicht, dass es auch wirklich an dem heutigen Tag tragbar ist. Entweder fehlt das wichtigste Accessoire(Wo hab’ ich die Kette noch gleich hingelegt?) oder die Stiefel sind derzeit untragbar (Ach ja, ich wollt ja noch zum Schuhmacher). Manchmal sieht man in dem bewährten Kleid auch einfach nur irgendwie 5 Kilo schwerer aus als gestern. Und hin und wieder hat man das Outfit auch einfach satt. Irgendwas ist immer. Oder irgendwas fehlt immer. Und lässt mich damit verzweifeln.

Dieses Drama spielt sich also morgens bei der Kleiderauswahl ab – und das, obwohl man nur ein Outfit für einen Tag planen muss. Nun kann man sich gut vorstellen, wie ich mich fühle, wenn ich für mehrere Tage, unterschiedliche Gelegenheiten, ungleichmäßige Wetterverhältnisse und wechselnde Gelegenheiten planen muss. Trotzdem schaffe ich es nach langer Umzieherei, ein Tagesoutfit auzuwählen: Leokleid, Goldschmuck, Jeanshemd, Wildlederstiefel, bronzefarbene Strumpfhosen und meine neue Satchelbag. Kaum aus der Wohnung, stelle ich leider fest, dass meine Strumpfhose so gar nicht zum Leokleid passt. Also drehe ich um, suche eine neue Strumpfhose, die jedoch leider so gar nicht mehr zu den Stiefeln passt. Deshalb schlüpfe ich direkt in meine Ballerinas, suche mir dementsprechend eine neue Tasche heraus und verlasse dann – endlich und in einem ganz anderen Outfit als noch vor einigen Minuten – das Haus.

Völlig k.o. von dieser sportlichen Höchstleistung, komme ich zu dem Schluss, dass ich es wohl nie schaffen werde, mich auf einen gelungenen Kofferinhalt festzulegen. Betrübt kaufe ich noch schnell das, was mir am leichtesten fällt: Eine Zahnbürste für den Trip. Sie ist Marineblau mit Reisekappe und flexiblem Griff.
„Na also“ denke ich, hake gedanklich diesen einzigen Punkt auf meiner Liste ab und bin überrascht, wie schnell man manche Dinge doch erledigen kann. „So einfach wie die Entscheidung für ‘ne Zahnbürste kann das Kofferpacken doch weitergehen“, jubiliere ich im Office voller Hoffnung und halte siegreich meine neue Zahnbürste in die Luft.

„Sehr gut, Johanna! Die hab ich auch. Nur in einem Fliederton“, meint Helen.
Fliederton?
Das würde ja schon irgendwie besser zu meinem Reisekoffer passen.
Mist!
Ob man die Zahnbürste noch umtauschen kann?

 


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HAI-FASHION

Das Leben spielt oft genug verrückt. Gerade in Sachen Mode.
Erst vor einigen Tagen saß ich beim Zahnarzt, zur leidlichen Kontrolluntersuchung, in der ich mich – wie so viele – regelmäßig versuche wegzuträumen. Gar nicht mal so leicht, wenn ich an der Decke mein Spiegelbild erkenne und dabei genau sehe, wie der Mensch mit Kittel in meinem Mund herumfuchtelt. Dabei ist mir direkt aufgefallen, dass mein Jeanshemd offensichtlich die besten Jahre hinter sich hat. Mitgenommen und ausgefranst sieht das ganze aus und ich bekomme direkt das Gefühl von Unordnung und dem Drang, mich umzuziehen.
Doch warum fühle ich mich bei der Entdeckung dieses unbeabsichtigten Löchleins plötzlich so schlecht, obwohl eine Kollegin erst vor kurzem mit einer komplett durchlöcherten Jeans ins Office kam? Destroyed ist wieder im kommen, bestätigt Sie die Vermutung von uns allen und wird damit zum Hingucker des Tages.
Es ist schon lustig, wie ein Fashion-Fauxpas manchmal nur einen wohlklingenden Namen braucht – um ihn der Umgebung als Stilrichtung verkaufen zu können. Was man dazu braucht? Einfach nur den nötigen Stolz und die passende Einstellung, damit das ganze auch glaubhaft rüberkommt. Und zur Sicherheit präsentiert man ihn einfach auf dem eigenen Modeblog.

Man hat gerade erst 4 Wochen auf diese absurd schmackhaften Kohlenhydrate verzichtet, das Fitnessstudio mehr als einmal im Jahr besucht und die Kleider sind deswegen plötzlich viel zu weit? Gar kein Problem, einfach mit Gürtel an den Körper schnüren und nebenbei erwähnen, wie trendy Oversized schon wieder ist. Alle Lieblingsoutfits, die sich in Ihrer Kombination bisher unglaublich gut bewährt haben, sind noch in der Wäsche und übrig bleibt nur die Karobluse zur Pünktchenhose? Spitze, Patternmix geht – gerade an sonnigen Tagen – doch immer.
Dann blättere ich ein Modemagazin durch und sehe Selma Blair, wie Sie mit einer ausgeleierten Jeans, abgewetzten Chucks und ziemlich unförmigen Pullover durch die Gegend läuft, Ihre Haare (eindeutig Bad-Hair-Day) unter einer weiten Mütze versteckt.
Die Arme. Bestimmt gestresst und kein bisschen Zeit sich zurecht zu machen – denke ich.
Die Grandiose. Lässig gestylt, im immer wiederkehrenden Boyfriendlook mit hipper Beany gelingt es Selma Blair auch hier wieder beim schlendern durch New Yorker Straßen Trends zu setzen – sagt mein Modemagazin.
Soso, während ich Miss Blair also bemitleide, bewundern Sie so viele andere in diesem Aufzug, in dem ich höchstens den Müll untertragen würde, als IT-Girl. Was da wohl noch so alles möglich ist?

Gerade als ich überlege, welche Fashionsünden sich noch so in meinem Schrank verstecken, die ich mit ein bisschen Kreativität und den passenden englischen Begriffen in neue Trends verwandeln könnte, unterbricht mich mein Zahnarzt: “Johanna, ist Dir bewusst, dass dir gerade hinter Deinem Schneidezahn ein weiterer Zusatzzahn wächst?” Nein, das war mir bisher nicht bewusst. Und tatsächlich entdecke ich mit halb verdrehtem Gesicht diesen kleinen, spitzen Neuankömmling, der schon etwas an einen Haifischzahn erinnert. Und nun? Raus damit? fragt mein Arzt. Niemals, rufe ich. Der bleibt erstmal drin. Das Praxisteam guckt mich verwundert an. Sicher, dass Du mit dem Look leben kannst? hakt die Arzthelferin nach. Wenn Selma Blair es mit dem “Boyfriendlook” schafft, macht mir so ein bisschen “Hai-Fashion” nichts aus, und ich zeige Ihr sofort mein überzeugendstes Lächeln.

Hai-Fashion? Die Arzthelferin guckt verwundert in die Runde.
Ich geb dem Trend noch wenige Wochen, dann hat er sich rumgesprochen.
Ganz bestimmt.
Und zur Sicherheit sollte ich vielleicht einen Modeblog dazu eröffnen.

 


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DRAMA, BABY!

…, denn nur eine kann Germanys next Topmodel werden. Vorbei sind die Zeiten, in denen mir dieser Hinweis aus dem Off noch Gänsehaut erzeugt hat. Zu Ende die Abende, an denen ich selbst zur Jurorin wurde, Laufstegakrobatik beurteilte und die Chancen auf dem aktuellen, internationalen Modelmarkt analytisch dargeleget habe.
Während Staffel 1 und 2 war ich als Zuschauer noch ganz vorne mit dabei und habe gehofft, gebangt und gegrübelt, wer nun Heidis Nachfolgerin wird. Doch bei der dritten Nachfolgerin (wie hieß sie doch gleich?) und der absolut inflationär gewordenen Off-Stimme … Nur eine kann Germanys next Topmodel werden. Und nur eine schafft es auf das Cover der Cosmopolitan, war der Spaß für mich vorbei. Ich frage mich ernsthaft: Haben die Macher der Show etwa vergessen, dass wir inzwischen ganze sieben Topmodels haben, die alle einmal vom Cover der Cosmopolitan grinsen durften? So einzigartig ist man also gar nicht mehr, wenn man zur Siegerin der Show gekührt wird. Ich denke, eine neue Standard-Ansage aus dem Off muss her: … denn nur 8 können Germanys next Topmodel werden. Und nur 8 schaffen es auf das Cover der Cosmopolitan. Vielleicht aber auch 11. Je nachdem, wieviele Staffeln wir machen.
Richtig, inzwischen sind wir bei Staffel 8 angelangt und nachdem doch alles irgendwie schon dagewesen ist, dreht es sich mehr denn je um Drama, Drama, Drama. Sie knutscht mit einem Male-Model, obwohl sie doch vergeben ist? Sie ist so extrem hübsch, ob sich da nicht doch ein Schönheitschirurg an dieser viel zu perfekten Nase ausprobiert hat?
Besonders erstaunlich finde ich, wie die Kamera ganz zufällig hinschaut, wenn sich die Mädels anschreien, herumfluchen und sich gegenseitig terrorisieren. Der Zufall will wohl, dass die Kamera immer jede dramatische Wendung einfängt. Mein Papa sagt, es gibt keine Zufälle. Recht hat er.

Diese extremen Zickereien sind selbst für mich inzwischen einfach zu viel geworden. Immer Lärm, immer Gekreische. Vielleicht sollte man sich von so viel Hysterie und Drama verabschieden und stattdessen einen gemütlichen Freundinnenabend abhalten. Einen ruhigen Abend voller tiefsinniger Gespräche und entspanntem Umstyling, statt zuzuhören, wie sich halbausgewachsene Teenies anschreien. Bei uns fängt niemand an, weinend im Kreis zu rennen, wenn man ihr an die Haare will. Meine Freundinnen sind direkt begeistert und statt mit dramatischen Geschichten, tauchen sie mit Rotwein, Gesichtsmasken und einer Ombre-Haarfärbepackung auf.
Nur eine kann Germanys next Topmodel werden. Pah! Von wegen! An einem solchen Donnerstagabend schaffen wir dies alle drei. Und zwar friedlich, harmonisch und total entspannt.

Plötzlich kippt die Flasche Rotwein über meinen cremefarbenen Teppich, als meine Freundin schockiert festgestellt hat, dass ich das Haarfärbemittel um 40 Minuten Einwirkzeit überschritten habe. Typisch Johanna, kreischt sie und versucht dabei hektisch die Farbe aus den, doch etwas zu hell gewordenen, Haarspitzen herauszuwaschen. Dabei sprenkelt sie sich die Farbreste genau auf ihre neuen Seidenshorts. Sie flippt aus. Ich versuche fluchend den Rotweinschaden zu beheben. Und – überrumpelt von der inzwischen weißlichen Haarpracht – bricht meine andere Freundin lautstark in Tränen aus.

Gut. Nächste Woche dann wieder Germanys Next Topmodel.
Dort kann nur eine Germanys next Topmodel werden.
Aber die kann man dann wenigstens auf „lautlos” stellen.

 


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VON SCHUHEN UND GLITZERSTIFTEN

Manchmal, besonders wenn ich mich schlecht fühle, stelle ich mich vor den Schrank, öffne ihn und sehe: Meine Freunde. Selbstverständlich habe ich nicht meinen kompletten Freundeskreis in meinen, sowieso schon überfüllten, Kleiderschrank gesperrt. Ich spreche hier aus tiefster Seele von meinen Schuhen.
Wem jetzt ein Bild von wunderbar hochwertigen High Heels á la Sex & the City vorschwebt, in dem die neuesten Trends und die hochwertigsten Materialien vertreten sind, der sollte dieses Bild ganz schnell wieder verwerfen. Bei mir lagern vor allem ziemlich mitgenommene Treter und Schuhe der Sorte, bei der die eigene Mutter die Hände über’m Kopf zusammenschlägt und ruft “Kind, wie läufst Du denn rum?” Dass es Zeit ist, manch ein Paar meiner Schuhe zu entsorgen – dieser Gedanken macht mir in etwa so viel Freude, wie der bevorstehende WG-Putzdienst, den ich bisher auch schon erfolgreich aufgeschoben habe. Aber genau wie die Staubflocken in den Ecken, kann ich auch den Gedanken einer Entsorgung meiner besonders mitgenommenen Schuhe nicht mehr allzu lange ausblenden.

Nicht nur meine Mutter macht sich Gedanken um meinen – sagen wir – modischen Ausnahmezustand. Auch mein Schuster Anton (ja, wir sind bereits per Du und hatten schon die ein oder andere nette Plauderei miteinander) zweifelt inzwischen an meinem Geisteszustand. “Johanna”, ruft er oft, wenn ich mal wieder das kleine Lädchen betrete, in den Händen viel zu oft ein löchriges Etwas, das ich gerne, wie ein kränkelndes Haustier behutsam in den Händen trage. “Du sorgst zwar für mein regelmäßiges Einkommen, aber wie oft soll ich diese abgelatschten Teile noch zusammenflicken?”. Eigentlich hat er recht. Vor allem, wenn man bedenkt, dass mich die Reparaturen inzwischen um einiges mehr gekostet haben, als die Fußbekleidung im Neuzustand.

Immer, wenn ich einen neuen Riss an Verse oder Fußspitze entdecke, blutet mein Herz. Aber entsorgen?
Nur einmal, als ich mit meinen cremefarbenen Ballerinas aus wunderbarem Leder durch die nassen Straßen getänzelt bin, ich dann plötzlich in einer Pfütze stand und merkte, wie das kühle Nass langsam durch das große, irreparable Loch an meiner Sohle drang…da habe ich einen kurzen Moment mit mir gehadert und gedacht: “Irgendwann ist ja mal Schluss. Sie müssen weg.” Inzwischen lagern sie immer noch wohl umsorgt und gemütlich eingebettet in meinem Schrank.

Trennungsschmerz ist etwas Schreckliches, wenn die so heiß geliebten Schätze im Müll enden sollen. Wenn sich meine beste Freundin den Arm bricht, denke ich ja auch nicht gleich an Entsorgung. Genauso schwer wie echte Freunde, finde ich zu neuen Schuhen, die einen Platz in meinem Herzen ergattern. Dafür mehrt sich die Zahl an Schuhpaaren, die zum Tragen nicht mehr geeignet sind und dennoch meinen Schrank blockieren. Es ist auch nicht so, als würde ich nicht für Neues sorgen. Ständig klingelt der Postbote, weil ich wieder ein neues Paar günstig ergattert habe. Aber bei Schuhen bin ich eben sehr speziell. Inzwischen stapeln sich die Schuhkartons mit unberührtem Inhalt. Keines der neuen Schuhpaare hat mich restlos überzeugt.

Wie einfach wäre es doch, wenn man bei der ersten Betrachtung schon feststellen könnte, ob diese Schuhe zu Favoriten werden. Doch mit Schuhen ist es bei mir oft wie mit einer neuen Freundschaft. In der Grundschule wollte ich meine Sitznachbarin und neue beste Freundin danach auswählen, wer die besten Glitzerstifte zu bieten hatte. Ich musste mich dreimal umsetzen, weil mir diese Person nebenan – trotz beeindruckendem Glitzerstift-Repartoire – so gar nicht geheuer war. Irgendwann wurde ich neben einem Mädchen platziert, die weder Glitzerstift, noch Sticker, noch Süßigkeiten zu bieten hatte. Ich war enttäuscht, dieses Mädel war offensichtlich einem löchrigen Hausschuh gleich: Nicht brauchbar, ziemlich glanzlos – und doch ist sie bis heute meine beste Freundin. Und wenn ich könnte, ich würde auch sie in meinem Schrank aufbewahren.

Wo die Liebe hinfällt! Deswegen werde ich weiter die Augen nach Schuhen offen halten, kaufen und manchmal wieder verkaufen.
Und wenn dann DAS Päckchen mit DEN Schuhen kommt, die mich – warum auch immer – restlos glücklich machen. Dann werde ich sie wieder bis zum Schuhtod tragen.

Ich werde ausgelassen über die Staubflocken in meiner Wohnung, unter mürrischer Betrachtung meiner Mitbewohner, nach draußen marschieren. Direkt in die Stadt. Und suche mir weitere Schuhe. Und einen Glitzerstift.

 


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GESTATTEN, STILIKONE!

Gerade in letzter Zeit höre ich häufig den Ausruf: “Die hat richtig Stil”. Meistens in Zusammenhang mit Olivia Palermo, Alexa Chung und Co. Klar, dass ich mir jetzt so meine Gedanken mache, was es mit diesem “Stil” auf sich hat. Und unweigerlich schmeiße ich meine bisherigen Neujahrsvorsätze über Bord (okay, die meisten hatte ich sowieso schon aufgegeben) und ersetze sie durch einen einzigen, dringlichen Wunsch: Ich will Stilikone werden!
Ein ziemlich hochgegriffener Anspruch an mich selbst, wenn man jemand ist, der überall dagegenrennt, sich des öfteren im Halbdunkel anzieht und seinen männlichen Mitbewohner (ehemaliger Mathestudent!) zum persönlichen Fashionberater erchoren hat.
Sehr schnell nach der Verkündung dieses neuen Vorhabens, und nachdem ich meinem Umfeld klarmachen konnte, dass mein Plan definitiv kein Scherz ist, taucht ein Bild vor meinen Augen auf. Das Bild, wie ich an einem sonnigen Abend mit meinen neuen Higheels mit Pfennigabsatz über den Kopfsteinbepflasterten Marktplatz getrippelt bin. Ich fühlte mich gut, das Outfit saß und ich….steckte plötzlich mit einem Absatz unwiderruflich zwischen zwei Betonsteinen fest. Ob man mit hochrotem Kopf einen Schuh aus dem Boden herausbohren – und dabei bei anderen den Eindruck erwecken kann: “Wow, DAS ist eine Stilikone!”? Selbst wenn so etwas möglich ist, so ist es mir an jenem sonnigen Abend eindeutig nicht gelungen! Und dann die Tatsache, wie ich ständig von meinem Gegenüber beim guten Essen im Restaurant wahlweise mit schiefem Grinsen oder aufgerissenen Augen angestarrt werde, wenn ich anfange zu essen. Und das ist kein Wunder, im Hinblick darauf, dass es jeder Vierjährigen stilechter gelingt zu speisen, als ich. Es gehört schon was dazu, regelmäßig Spuren der Köstlichkeiten im Gesicht oder am Oberteil zu hinterlassen. Oder am Schuh (ja, auch das ist mir schon gelungen). Ob sich eine Olivia Palermo auch so fatale Fehltritte beim Speisen leistet? Schwer vorstellbar, dass Sie dann noch als Stilikone gelten würden. Ich komme nicht drumherum: Essensreste auf meinen Outfits zu verteilen und mich in der Öffentlichkeit zu blamieren, scheint für mich ein leichtes zu sein. Stilikone zu werden eher nicht. Doch dann kommt meine Kollegin Sabrina auf mich zu und erklärt: Für mich ist Stil, wenn man es schafft, sich seinem Charakter entsprechend zu kleiden! Und das ganze Team nickt zustimmend. Außer unser IT-Held Michael, der sich ganz sicher ist, dass es sehr stilvoll sein kann, ab und zu völlig nackt durchs Office zu rennen.
Ich entscheide mich spontan dafür, doch eher Sabrina zuzustimmen und schaue direkt nach Kleidern und Accessoires, die zu meinem Charakter passen. Auf der Suche nach fleckigen Kleidern, sehr mitgenommenen Heels und Accessoires, die so aussehen, als hätte man sie einige Male fallen gelassen, werde ich aber einfach nicht fündig.

Gut, dann halte ich mich einfach zukünftig an Michaels Hinweis.

 


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UND IMMER WIEDER HEITER SCHEITERN

Die Nacht der Nächte, in der sich alles ändern soll. Üppig bestückt sind sie ja meistens, diese Listen an Neujahrsvorsätzen. Und so sehr ich mich auch dafür schäme: Jedes Mal aufs Neue – sobald ich langsam die Aussicht auf ein neues Jahr erhalte – zücke ich meine To-Do – Liste und schreibe auf… naja… eigentlich alle Vorsätze, die es bereits im vergangenen Jahr auf die Liste geschafft haben. Und im Jahr davor. Und die aus dem Jahr davor auch.
Es scheint – auch wenn ich mir das nur schweren Herzens eingestehen kann – dass ich wohl noch nie einen Vorsatz voll und ganz in die Tat umgesetzt habe. Ich bin fast so kühn zu behaupten, dass bei mir die meisten Vorsätze bereits Ende Januar in die ewigen Jagdgründe verschwinden. Zusammen mit dem ein oder anderen Kleid, in das ich eigentlich – dank einiger kalorienreduzierenden Vorsätze – wieder hineinpassen wollte. Ich breche die Vorsätze immer wieder. Ich hab’s mir quasi einfach “johanngewöhnt”.

Aber so sind sie, diese mistigen Vorsätze: Elendige kleine Zukunftsfantasien, die bei mir den Eindruck erwecken, die Umsetzung sei ein Klacks. Wie üppige Anleitungen zu Hochsteckfrisuren. Und am Ende sieht’s doch nur aus, wie ein verwaistes Vogelnest!
Aber es sind nicht nur die Wiederholungstäter, die sich auf dieser Liste der unrealistischen Wahnvorstellungen wiederfinden. Denn auch wenn mein Geldbeutelinhalt sich scheinbar weigert dies zu glauben: Stetiges Wachstum ist das A und O. Deshalb kommt jedes Jahr ein Vorsatz hinzu, über den ich bereits bei der Formulierung weiß: “Hallo kleiner Vorsatz, auch Dich werde ich nun Jahr für Jahr wieder sehen.” Doch ich tu’ es trotzdem. Genau wie ich mir jeden Sommer mindestens eine Jodhpurhose zulege, obwohl mir doch schmerzlich bewusst ist, dass ich damit aussehe, wie eine Fünfjährige in einem zu großen Strampler. Ich habe bereits fünf (!) von dieser Hosensorte in meinem Schrank. Und genau wie die Ansammlung dieser zweifelhaften Sommerteile, vermehren sich auch meine Vorsätze.

Letztes Jahr hatte ich einen famosen Vorsatz, in dem sogar die minimale Hoffnung hatte, ihn durchzusetzen. Ich hatte mir fest vorgenommen, mir nur noch Kleidungsstücke zu leisten, von denen ich bereits wusste, dass sie mir ganz hervorragend standen. Eben alle Teile, die etwas “johannmutiges” an sich hatten. Mit Mitte zwanzig hat man ja so einiges durch und weiß zumindest, worin man nicht ärmer, ungelenkiger oder blasser wirkt, als man sowieso schon ist. Also habe ich mich ganz bewusst dazu entschlossen, Kleidern, High-Waist-Röcken und Wedges den Vorrang zu geben und meinen Schrank nur noch mit Dingen zu bestücken, die bereits als besonders kleidsam “johannerkannt” wurden. Doch der Sommer kam, mit ihm die 5. Jodhpurhose. Und damit war dann auch dieser Vorsatz dahin.
Und wenn auch der einzige Vorsatz, den ich scheinbar verinnerlicht habe, lautet, Vorsätze nie einzuhalten, so komme ich doch nicht darum herum, für 2014 ein neues Highlight an Unerreichbarkeit hinzuzufügen. Also werde ich auch diesmal einen Vorsatz aussuchen. Ich weiß auch schon, wie mein neuer Vorsatz lauten wird:
Nie wieder Mischwörter aus Adjektiv und meinem eigenen Namen.
Denn das klingt einfach lächerlich.

 


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MAN KANN’S DOCH NOCHMAL NUTZEN!

Trotz der großen Herausforderung – die durchaus auch für mich bei der alljährlichen Geschenkesuche besteht – konnte ich den fortwährenden Vorschlag meines Vaters, Weihnachten ohne Geschenke zu feiern, bisher einfach noch nicht gut heißen. Ein Weihnachtsfest ohne diese kribbelige Aufregung? Diese Spannung, was mich wohl erwarten mag? Ohne die große Freude, wenn ich mein Geschenk dann endlich auspacken darf?
Ungeduldig rupfe ich dann immer das Geschenkpapier in kleine Fetzen, unter kritischen Blicken meiner Tante (“Das kann ein Anderer doch nochmal nutzen!”), bis ich dann endlich am geheimen Inhalt angekommen bin. Beim Blick auf das Geschenk, heißt es dann nur noch: Top oder Flop! Und jede Reaktion von mir, wird vom Schenker mit Argusaugen beobachtet.
Die komplette Harry-Potter-Büchersammlung? Eindeutig Top. Quietschrosa Nagellack mit der passenden Schweinchenrosa Nixon Armbanduhr, die ich vor zwei Jahren von meiner Tante feierlich erhielt? Hier waren schon schauspielerische Höchstleistungen gefragt, um meine angebliche Freude über dieses rosa Ensemble möglichst realitätsgetreu darstellen zu können. Auch ich will ja niemanden enttäuschen. Und gerade wenn es um meine Tante geht, die sich beim Schenken immer alle Mühe gibt, kann ich unmöglich darauf hinweisen, dass mir rosa in etwa so gut steht wie Tierprintleggings und bauchfreie Tops. Nämlich gar nicht.

Aber so geheuchelt ist meine Freude inzwischen gar nicht mehr. Selbst wenn ich gespielt (und zugegeben, etwas übertrieben) säusele: „Ohhhh, wie hüüüübsch!“. Anfangs sah ich in einem solchen Geschenk noch eine Enttäuschung. Eben etwas, was zusammen mit anderen unbrauchbaren Dingen, wie meiner Jahreskarte fürs Fitnessstudio, elendig verstauben wird. Inzwischen aber, sehe ich darin eine gekonnte Aufbesserung meines, eher dürftig bestückten, Geldbeutels. Was mir nicht steht, hat sich so manch anderes Mädchen sicherlich schon lange gewünscht!
Und so stelle ich die Armbanduhr schnellstens in meinen virtuellen Kleiderschrank, um einer anderen Person das Glück zu beschehren, genau diese rosa Uhr ergattern zu können. An andere zu denken ist doch auch der Sinn von Weihnachten! Deswegen bin ich mir ganz sicher: Unnütze Geschenke wieder zu verkaufen – daran ist so gar nichts Verwerfliches!

Doch manchmal klappt’s auch mit dem Beschenken. Gerade erst im letzten Jahr hat meine Tante ein brilliantes Päckchen ausgewickelt, natürlich ihrem Naturell entsprechend, besonders vorsichtig. “Das Geschenkpapier(eine grenzwertige Geschmacksverirrung aus Gold, Silber und Rot) kann ein Anderer doch nochmal nutzen!”, musste sie mich natürlich nochmal auf die Relevanz von Nachhaltigkeit hinweisen.
In Ihrem Paket steckte ein nagelneuer Tablet PC! Meine Tante hat sich darüber sichtlich gefreut (vermute ich zumindest, denn eine gute Schauspielerin war sie nie) und nachdem sie verstanden hat, was das Teil alles kann (“Ist das ein Fernseher?”), fing sie direkt an zu surfen. Dabei strahlte Sie mit ihrem viel zu hell eingestellten Bildschirm um die Wette.
Klar, dass ich in diesem Moment voller Hoffnung war, auch solch entzückenden Inhalt in meinem Päckchen vorzufinden. Also blieb mir nur, mein Paket zu suchen. Und während ich besonders vorsichtig mein Paket öffnete, aus Rücksicht auf die Nerven meiner Tante, wurde es plötzlich ganz still im Raum.
“Johanna, ist das da meine rosa Nixon Uhr, auf der Mädchenflohmarkt-Seite?”
Ups.
Naja, ich dachte, die kann ein Anderer doch nochmal nutzen!

 


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