Das J steht für Gefahr oder Johanna verreist Teil 3

Oslo und Bergen. Beides überlebt – und das völlig auf mich und meinen eingedellten, aufgerissenen, aufgebrochenen Reisekoffer gestellt.
Ich habe natürlich schon von Anfang an gewusst, dass ich nach einem solchen Unterfangen noch entsprechenden Beistand brauchte – deswegen habe ich Barcelona in meine Reiseplanung hineingenommen. In Barcelona sitzt nämlich – neben der Sagrada Familia und unendlich vielen Möwen – meine beste Freundin Sophie. Die ist mindestens genauso chaotisch wie ich und hat deswegen immer vollstes Verständnis für den Wirbel, den ich um mich herum verursache.
Und so stehe ich (schon wieder) am Gepäckband am Flughafen und hoffe (schon wieder) dass mein Koffer mitsamt Inhalt den Weg zu mir findet und ich ihn nicht in seinen Einzelteilen vom Flugplatz fischen muss. Einerseits, weil dies total anstrengend wäre und ich in meinem Urlaub echt besseres zu tun habe. Andererseits, weil ca. 50% meines Kofferinhaltes aus Kaviar besteht und mich das Schild, das mir kurz vor meinem Abflug in Norwegen aufgefallen ist, etwas an der Legalität meines Export-unterfangens zweifeln lässt. Auf dem Schild war nämlich ein Bild von einem Glas Kaviar. Durchgestrichen. Mit Ausrufezeichen. Doch nach allem, was ich im Urlaub schon erlebt hatte, war ein versehentlicher, illegaler Kaviarexport keine allzu große Nummer mehr für mich. „Mein Kaviar befindet sich ja in Tuben, nicht in Gläsern“, denke ich, schüttele alle Sorgen ab und freue mich darüber, dass ich mich selbst immer so gut überzeugen kann.
Am Gepäckband in Barcelona dann die endgültige Erleichterung: Mein Koffer mitsamt Inhalt hat den Flug überstanden, selbst alle Kaviartuben und die geräucherte Rentiersalami (von der ich gar nicht wissen will, ob die überhaupt zum Export freigegeben war) liegen noch dort, wo sie hingehören.
Und wie schon so oft in diesem Urlaub, hebe ich den Koffer vom Gepäckband, richte meine Strickmütze, schnüre meinen Wollschal fest und werfe mir meine Norwegerweste über meine Lederjacke, die einen Wollpullover umhüllt. Ja. In Norwegen war das ein tolles Outfit und windige 8 Grad konnten mir nichts anhaben. Hier, in Barcelona, bei sonnigen 28 Grad, ist dies ein Outfit, das nicht nur absolut unpraktisch und viel zu warm ist, es ist auch ein Outfit, mit dem man garantiert auffällt. Selbst ein dicker Tourist in Blümchenshorts mit weißen Socken und Sandalen steht hier weniger im Zentrum der Aufmerksamkeit als ich selbst. Ich würde unter all den Blicken wohl ins Schwitzen kommen…wenn ich das, unter all dem Strick, nicht sowieso schon täte.
Ohne Chance, auch nur ein Kleidungsstück auszuziehen (mein Koffer war ja bereits randvoll mit Schmuggler-Kaviar) mache ich mich also auf den Weg zu Sophies Wohnung. Ein paar Mal hatte ich Sie bereits besucht, Ihre Wohnung zu finden sollte also keinerlei Schwierigkeiten bereiten. Ich schiele kurz auf Ihre SMS, in der Sie mir nochmal den Namen Ihrer Metro-Station und den Straßennamen genannt hatte und begebe mich dorthin. An der Station angekommen, laufe ich den bereits bekannten Weg, biege in Ihre Straße ein und entdecke: Das ist gar nicht die Straße, wo Sophie wohnt! In diesem Moment komme ich dann wirklich (bzw. noch mehr) ins Schwitzen. Und es wird auch nicht besser, als ich bemerke, dass ich weder die Möglichkeit auf Internet habe, noch hilfsbereite Freunde in den Katalanern finden werde. Völlig auf mich alleingestellt ziehe ich also mit meinem Kaviar-Koffer und in Strick und Wolle durch die sonnigen Straßen, auf denen in Sommerkleidchen und Sandalen Eis gegessen wird, als ich plötzlich – tatsächlich – und nach nur einer Stunde herumirren vor Sophies Tür stehe.
„Sophie, warum konnte ich Deine Wohnung nicht finden?“ rufe ich.
„Ach, ups. Ich habe ganz vergessen Dir zu sagen, dass ich doch ein paar Straßen weiter gezogen bin“, meint Sophie.
Und ich frage mich, mehr von uns der chaotischere Mensch ist.
Gut – in diesem Moment, in dem ich in winterlicher Montur mit überhitztem, hochroten Kopf und meinem zertrümmerten Koffer so herumstehe – bin ich es eindeutig selbst.
Also richte ich mir mein Gästezimmer ein, spiele mit Sophies Hund und berichte Ihr, was ich in Norwegen erlebt habe. „Jetzt hast Du ja Zeit, Dich davon zu erholen“, lacht Sophie. Ich lache auch. Denn in diesem Moment weiß ich ja noch nicht, dass ich morgen etwas Ärger mit der Polizei in Barcelona bekomme.
Am nächsten Morgen geht Sophie zur Arbeit und ich erkunde entspannt das sonnige Barcelona. Ohne Strickpullover. Dafür aber im sommerlichen Kleidchen. Mit einer Metro-10er-Karte bewaffnet und diesem hervorragenden Liniennetz kann nichts schief gehen, denke ich mir, als ich auf dem Weg zum Treffpunkt bin, an dem Sophie und ich Mittagessen wollen. Ich entdecke eine Metro-Station. Die sieht zwar auf den ersten Blick etwas seltsam aus, aber Metro ist Metro, denke ich mir und freue mich darüber, dass alles endlich so reibungslos läuft. Wie ein normaler Tourist gehe ich durch die elektronische Absperrung und wundere mich etwas darüber, dass ich mein Ticket nicht abstempeln lassen muss, wo das doch bei allen Metro-Stationen so Gang und Gäbe ist. „Voll gut, eine Fahrt gespart“, jubiliere ich innerlich. Und erstarre. Denn ich bemerke ich dass ich mich hier nicht in einer Metro-Station befinde. Nein, hier fahren die Regionalzüge ab. Gut, wenn ich etwas außerhalb von Barcelona sehen will. Schlecht, wenn ich einfach nur zu dem einen Restaurant um die Ecke gelangen will. Und ich will nun mal Letzteres.
Also drehe ich um und will wieder durch die elektronischen Absperrungen zurück. Der Automat zeigt mir an, dass ich mein Ticket zum Abstempeln einschieben muss, was mich dann eine Fahrt von meinem Ticket kostet und ich anschließend in die Freiheit gelange.. „Eine Fahrt zu opfern, obwohl ich doch gar nicht gefahren bin?“ frage ich mich selbst. Und entscheide, dass mir dies schon die Lebensphilosophie meines neuen, schwäbischen Zuhauses ganz eindeutig untersagt. Also schaue ich mich um und klettere so damenhaft und elegant, wie dies in Sandalen und kurzem Sommerkleid eben möglich ist, über diese Absperrung. Ein kleines Kind beobachtet mich mit großen Augen. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn nicht direkt daneben zwei Polizisten stehen würden, die genau das Gleiche tun. Und während alle Katalaner jeden nicht-einheimischen zu meiden scheinen, wollen die beiden Polizisten von mir alles ganz genau erfahren. Es fallen Fragen wie: „Warum sind Sie über die Absperrung geklettert?“, „Wollten Sie damit eine Fahrt unterschlagen?“, „Wissen Sie nicht, wie das Ticketsystem hier funktioniert?“.
„Aber“, falle ich den Polizisten ins Wort, „ich wollte eigentlich in die Metro und habe die Stationen verwechselt. Das ist mir erst aufgefallen, als ich schon durch die Absperrung war. Dann wollte ich wieder raus und da ich nicht gefahren bin, muss ich ja wohl auch nichts zahlen.“ Der eine Polizist entgegnet in rauem Ton: „Signora, niemand verwechselt diese Bahnstation mit einer Metro!“. Daraufhin fange ich an, von meinem bisherigen Urlaub zu erzählen. Davon, wie mein Koffer mehrfach aufgeplatzt ist, wie meine Bank versehentlich mein Konto gelöscht hat, wie ich zu meiner Freundin finden wollte und diese vergessen hat, mir zu sagen, dass Sie inzwischen ungezogen ist.
Vielleicht ist es Mitleid, vielleicht ist es auch meine Stimme, die den beiden in meiner endlosen Erzählung so auf die Nerven geht: Am Ende lassen Sie mich laufen. Und die Fahrt habe ich gespart. Yeah.
Und abends, beim gemütlichen Strandspaziergang, denke ich darüber nach, ob ich vielleicht doch irgendwie ein Adrenalin-Junkie bin. Vielleicht exportiere ich unterbewusst mit Absicht Schmuggelware. Wer weiß, was ich schon – ganz unbewusst natürlich- mit mir herum getragen habe.
„Tsja, vielleicht steht mein Name einfach für Gefahr“ überlege ich und fühle mich ein bisschen wie eine Actionheldin.
In diesem Moment schreit eine Möwe über mir auf und kackt auf meine Schulter.
„Da ist sie. Die überall-lauernde Gefahr“, bestätige ich mich selbst.
Und habe mich mal wieder vollends überzeugt.
Nur das mit dem Gedanken an mich als Actionheldin verwerfe ich wieder.
Kommt grad irgendwie nicht so rüber.
Wegen der Möwenkacke und so.


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Kartoffel-Tamtam oder Johanna verreist Teil 2

 

Allein, allein. Allein, allein.
Das war mein Plan. Ein paar Tage Oslo, weitere Tage Bergen und damit dann also einige Tage, in denen ich ganz und gar auf mich alleine gestellt war. Und nachdem ich also mit demoliertem Koffer, nicht funktionierender Kreditkarte, inaktivem Girokonto und ziemlich leerem Geldbeutel am Stuttgarter Flughafen stand, da musste ich mich doch mal fragen: Dieses „Ich reise jetzt alleine“ – Ding…war das bei mir wirklich so eine geniale Idee?
Wie oft wurde ich schon von Freunden vor heranfahrenden Autos gerettet, weil mir mitten auf der Straße Zweifel kamen: „Hmm..hab‘ ich meinen Schlüssel dabei?“ und ich dies dann noch an Ort und Stelle überprüfen musste. Oder meine Schwestern, die mich schon vor einigen unnötigen Investitionen bewahrten: „Johanna, dieses Kleid hast Du bereits in 3 weiteren Farben in Deinem Schrank!“
Und jetzt sitze ich im Flugzeug, im Bauch heftiges Kribbeln vor Aufregung, auf den Lippen den Song „Allein, allein.“ „Du reist auch allein?“ fragt mich ein blondes, bebrilltes Mädchen zu meiner Linken. „Jap“, antworte ich kurz. „Das erste Mal.“ „Bei mir auch“, meint Sie. Und es stellt sich heraus, dass Sie Conny heißt, dass auch Sie noch nie vorher in Oslo war und  auch kein Gluten verträgt. Ich lächle, denn offenbar war ich plötzlich gar nicht mehr so alleine und scheinbar hatte ich hier eine Seelenverwandte vor mir. „Also, ich habe für den Notfall mal schon ein paar Euro in Norwegische Kronen getauscht, habe den aktuellen Währungskurs recherchiert und meine Kreditkarte habe ich auch noch eingepackt“ berichtet Sie mir. Und den Gedanken mit der Seelenverwandtschaft verwerfe ich sofort wieder.
„Ähh..ja…ich auch“, erwähne ich schnell. Sie muss ja nicht wissen, dass ich aktuell quasi pleite bin und mich mit geliehenem Geld in eine der teuersten Städte der Welt traue. „Nun“, denke ich dann. „Sie kennt mich ja nicht. Das eröffnet mir die Chance, mal so zu machen, als hätte auch ich alles im Griff!“
Dieser Plan findet am Gepäckband jedoch ein jähes Ende. Zunächst erblickt Conny Ihren Koffer. Ein nigelnagelneuer Markenkoffer, verschlossen mit zusätzlichen Kofferbändern, gesichert mit einem Zahlenschloss und markiert mit einem übergroßen, pastellrosa Kofferanhänger mit Ihren fein-säuberlich – in Schreibschrift – eingetragenen Daten. Sie nimmt dieses Prachtexemplar von Reiseutensil vom Band und meint „Ich denke, wer an Dingen wie Koffern und Taschen spart und Sie nicht ausreichend schützt, muss sich nicht wundern, wenn was verloren geht!“ Dann lacht Sie und zeigt auf einen heranfahrenden Koffer, der offensichtlich genau dem entspricht, was für Sie als Gepäckstück keinesfalls zu rechtfertigen ist. „Der zum Beispiel!“
Dieser Koffer sieht offensichtlich ziemlich mitgenommen aus, schwarz und voller Kratzer, eine Rolle ist eingedellt und die Risse am Koffer wurden nur notdürftig mit Gaffa-Tape zusammengehalten.
Es ist mein Koffer.
Ich hebe ihn vom Band. Connys Blick ändert sich abrupt von amüsiert in gravierendes Mitleid. Und ich mache so, als würde mir dies nicht auffallen. „Anstand hat Sie ja“, denke ich. Denn Conny lässt keinen einzigen weiteren Kommentar zu meinem etwas dürftigen Gepäckstück fallen. Auch nicht während des langen Weges zu der Bahn, auf dem mein Koffer (dank der eingedrückten linken Rolle) unerträglich laut über den Boden rutscht. Und auch, wenn Sie hin und wieder etwas pikiert und zweifelnd auf das rollend-quietschende Etwas hinter mir schielt, scheint Sie doch nicht zu sehr abgeschreckt, denn wir verabreden uns gleich für den nächsten Morgen zum Frühstück. Ich denke, eine gute Gelegenheit, um mal zu schauen, ob wir doch noch irgendwelche Gemeinsamkeiten haben.
„Ich will möglichst alle Museen sehen, vor allem dieses fan-tas-tische Technikmuseum!“, meint Sie Euphorisch bei frischem Kaffee und warmen Kanelbullar. „Gestern habe ich schon ein Drittel davon geschafft! Und welche Museen interessieren Dich besonders?“ Da denke ich unweigerlich an meinen gestrigen Weg Richtung Schifffahrtsmuseum, das man wohl unbedingt gesehen haben muss. Kurz vor dem Eingang habe ich allerdings einen Second Hand Shop für Norwegerpullover entdeckt. Gerne kann man sich an dieser Stelle selbst ausmalen, wie wohl der weitere Tagesablauf von mir aussah.
In jedem Fall sitze ich nun beim Frühstück, in der einen Hand der Kaffee und neben mir auf dem Stuhl, meine neue Norwegerweste mit passendem Schal.
„Och, was Museen angeht fällt die Auswahl hier sooo schwer“, entgegne ich. Sie muss ja nicht wissen, was für ein Kulturbanause in mir steckt. „Aber was machst Du denn sonst so?“, wechsle ich schnell das Thema, bevor Sie mich fragt, ob ich mit Ihr in dieses komische Technikmuseum gehe! „Ich tanze viel Ballett“, meint Conny. Ach, doch noch eine Gemeinsamkeit. „Ich habe das auch gemacht, bis ich 16 war“, erkläre ich und bin froh, von diesem Museums-Thema weggekommen zu sein. „Fan-tas-tisch!“, strahlt Sie. „Tanzt Du auch nach den Richtlinien der Royal Academy of Dancing? Oder tanzt Du gar nicht in englischem Stil? Ihr habt in Eurer Ballettschule aber nicht die Vaganova-Methode angewendet? Und sag mal, hast Du auch so Probleme beim Rond de jambe en l’air? Manchmal klappt´s ja, aber spätestens wenn ein Temps levé sauté mit anschließendem Soutenu kommt, bin ich oft raus. Das ist doch manchmal so schwer. Oder? Oder?“ Ich antworte nur kurz: „Ja, dieses Soutenu. Immer dieses Soutenu“, rolle theatralisch mit den Augen und seufze laut, um zu demonstrieren, wie sehr mich dieses Soutenu schon angestrengt hatte. Natürlich ohne zu wissen, was dieses „Soutenu“ genau sein soll. „Klingt irgendwie nach einem Kartoffelgericht“, denke ich im Stillen.
Doch Kartoffelgerichte hin oder her, nach diesem Gespräch ist für mich klar: Die restliche Zeit in Oslo werde ich ohne Conny verbringen. Und ohne Conny verging diese Zeit dann auch plötzlich wie im Flug.
Also sitze ich – viel zu schnell – wieder im Flugzeug, breite meine Sachen aus und mache es mir bequem (diesmal hatte ich keinen Platz am Notausgang erwischt). Ich bin entspannt. Ich fliege hin – ins wunderschöne Bergen. Und weg von Conny und Ihren Ballett-Gesprächen.
Da ertönt plötzlich eine Durchsage der Stewardess: „Leider verzögert sich unser Abflug um einige Minuten. Wir haben Probleme mit der Gepäckverladung.“ Alle Mitreisenden stöhnen laut auf. Aus gruppendynamischen Gründen beteilige ich mich direkt daran. Die Stewardess fährt fort: „Ein schwarzer Hartschalenkoffer ist aufgeplatzt, die Crew versucht ihn wieder zu schließen. Der Koffer war bereits stark beschädigt und wird von Gaffa-Tape zusammengehalten.“
Und während ich tiefer und tiefer in meinem Sitz versinke und dabei überlege, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass die Stewardess nicht meinen schwarzen Hartschalenkoffer mit Gaffa-Tape-Verschnürung meinte, wünsche ich, ich sei wieder bei Conny.
Meinetwegen auch zu Ballettgesprächen und einer ordentlichen Portion Kartoffel-Soutenu.


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Gesetzestreue oder Johanna verreist Teil 1

 

Murphys Gesetz besagt: Alles was schiefgehen kann, geht auch schief. Ich kenne Leute die rufen „Arrgh, Murphys Gesetz!!“ wenn Sie sich einen Nagel abgebrochen haben und partout keinen Termin für den gleichen Tag in Ihrem Nagelstudio bekommen. Obwohl’s doch ein Notfall ist.
Ich kann bei solchen Vorfällen nur lachen.
„Ach komm, als hättest DU immer so ein Pech“, zweifelt mein halber Bekanntenkreis an meiner These, dass Murphys Gesetz einfach einer Kurzbeschreibung meines Lebens entspricht.
„Sicher ist auch einiges in Deinen Kolumnen frei erfunden, Johanna“, meint mein Kollege Michael und wird direkt von Stefan ergänzt: „Die Johanna übertreibt halt gerne mal“.
Und ich frage mich: Übertreibe ich wirklich so sehr? Habe ich vielleicht gar nicht so viel Pech? Und ist mein Leben am Ende gar nicht so chaotisch, wie es mir so oft vorkommt?
Den ganzen Tag beschäftigten mich diese Fragen. Beim Joggen im Rosensteinpark. Beim Backen der Kirschmuffins für den nächsten Tag. Auch bei der Entfernung des frischen Kirschflecks auf meinen neuen weißen Sneakers, den ich versuche mit einem Lappen zu entfernen – der offensichtlich vorher in einem Glas Erdbeermarmelade hing. Am Ende begutachte ich also meine ehemals weißen, nun aber zum Teil rosa-glänzenden Sneakers und denke unweigerlich wieder: „Da ist es! Murphys Gesetz!!“
Nein, ich kann Murphy jetzt auch echt nicht alles in die Schuhe schieben!
Also beschließe ich, zukünftig nicht mehr so voreingenommen zu sein und zu denken, dass bei mir immer das pure Chaos ausbricht. Es muss ja auch nicht immer alles schiefgehen! Vielmehr konzentriere ich mich auf meinen bevorstehenden Urlaub, meine erste Reise so ganz alleine und freue mich über eine entspannte Zeit in Norwegen.
Diese positive Denkweise verschwindet auch dann nicht, als meine Bank anruft und mir mitteilt, dass Sie meine PIN für die neue Kreditkarte leider verloren hat und ich somit erst in einigen Wochen eine neue (funktionierende) Kreditkarte besitzen werde. „Kein Ding!“ grinse ich, denn ich hatte vorgesorgt und eine weitere Kreditkarte zuhause liegen – extra für den Notfall. Ich lache erleichtert. „Na also, alles unter Kontrolle“. Bis ich merke, dass ich diese Kreditkarte erst freischalten muss: „Ganz einfach“, erklärt mir mein hilfsbereiter und freundlicher Kundenberater. „Sie brauchen dazu einfach nur die Android oder iOS App. Was haben Sie für ein Smartphone? iPhone? Samsung?“ „Mal angenommen, ich hätte ein Windowsphone. Wäre das schlecht?“ frage ich vorsichtig nach und denke an die mahnenden Worte meiner Kollegen vor dem Kauf dieses Gerätes. „Ja, das wäre schlecht“, erklärt mir der Kundenberater. Und ich finde ihn plötzlich gar nicht mehr so sympathisch. „Wir können sie auch anders freischalten, das dauert dann aber 1-2 Wochen.“
Also auch keine Plan-B-Kreditkarte im Urlaub. Und gerade als ich herausbrüllen will, warum ich eigentlich immer so ein Pech habe, halte ich doch lieber inne – und verschweige vor meinen Kollegen die Tatsache, dass mir mein Windowsphone wieder ein Stückchen Lebensqualität geraubt hat. Stolz und so.
Ich gebe mir alle Mühe und grabe schnell wieder diese Gelassenheit und die positive Einstellung hervor, die ich doch von jetzt an immer bei mir tragen will. „Ich habe immer noch mein Geld auf dem Konto“, lächele ich beruhigt, stehe vor dem Geldautomaten, um mir genügend Bargeld für den Start in den morgigen Urlaub abzuheben und – ich habe keinen Zugriff mehr auf mein Konto.
Meine Gelassenheit ist plötzlich nicht mehr wirklich vorhanden. Und sie kommt auch dann nicht zurück, als mein Bankberater mir am Telefon erklärt: „Natürlich haben Sie keinen Zugriff auf Ihr Konto. Ihr Konto wurde gestern gelöscht!“.
Das war es mit der Gelassenheit und der positiven Einstellung. Dafür stieg eine etwas ungesund aussehende Blässe in mein Gesicht – gefolgt von ein wenig Übelkeit und ziemlich panischen Blicken. „Wo ist denn dann mein ganzen Geld?“ frage ich den Berater. Im Hintergrund hatten sich nun einige Kollegen versammelt, um das Schauspiel mitzuerleben. Ich denke, der ein oder andere hätte sich dazu eine Tüte Popcorn gewünscht.
„Wo Ihr Geld ist? Das kann ich Ihnen leider gerade auch nicht sagen. Wir finden es heraus und melden uns dann wieder bei Ihnen!“.
Und während ich in meinem Geldbeutel krame und überlege, ob ich wohl eine Woche in Norwegen mit 5,45 € (immerhin in Bar!) überleben kann, schüttelt mein Kollege Uli den Kopf und fragt mich (mit etwas Besorgnis in der Stimme): „Und du bist dir sicher, dass DU alleine verreisen willst?“.
Auch meine restlichen Kollegen erkennen nun den Ernst der Lage (und scheinen verstanden zu haben, dass ich tatsächlich ein Leben nach Murphys Gesetz führe), zücken direkt Ihre Geldbeutel und richten umgehend einen „Johanna-ist-pleite“-Fond ein. Ich bin gerührt. Und mir kommen wirklich die Tränen. Ein bisschen vor Rührung. Und ein bisschen, weil mir dann gerade einfällt, dass ich den ganzen Abend damit zubringen muss, meinen gebrochenen Hartschalenkoffer mit Gaffa-Tape einzuwickeln…der ist mir nämlich einen Tag zuvor die Treppe herunter gefallen).
Und nun? Nun sitze ich pleite aber ziemlich glücklich, mit meiner Handtasche – voller Proviant – bewaffnet im Flugzeug und freue mich auf ein wenig Entspannung. Was sollte da auch jetzt noch kommen?!
„Entschuldigung“, stört mich die Stewardess und demonstriert mir sogleich, dass da wirklich noch was kommt. „Sie sitzen am Notausgang, deswegen dürfen Sie nichts bei sich auf dem Sitz haben!“.
„Gar nichts?“
„Gar nichts!“
„Na gut“ gebe ich mich geschlagen, verstaue meine Handtasche im Fach über meinem Sitz und schiebe schnell und heimlich noch eine Packung Kekse unter meinen Pullover.
Vorwurfsvoll schaut mich mein Sitznachbar an, als hätte er gerade das Verbrechen seines Lebens beobachtet.
Wenn er wüsste, dass ich mit Geld aus einem Mitleids-Fond, einem provisorisch zusammengeklebten Koffer und halb verfärbten Schuhen reise – er hätte mir die illegale Packung Kekse sicher gegönnt.
Besonders weil ich doch sonst so Gesetzestreu bin.
Nicht wahr, Murphy?

 

 

Vom Unglück ummantelt

Manchmal sitzt man einfach nur da und grübelt darüber, wie es weitergehen soll. Ob eine schwere Trennung, schreckliches Heimweh, der Verlust des Jobs oder (ja, so etwas kann leider auch passieren) der absolute Lieblingsmantel, der inzwischen ausverkauft ist. Überall. Auch im Onlineshop.
In solchen Situationen fragt man sich schnell: “Wo soll das alles hinführen?” oder  “Wie soll es denn jetzt bitte weitergehen?” Oder eben auch “Soll ich jetzt  einfach ohne diesen Mantel weitermachen, als hätte es Ihn nie gegeben?”
Unter dem Motto: Es geht immer irgendwie vorwärts versuche auch ich mich in solchen Momenten zusammen zu reißen. Mit kleinen Ausnahmen. Denn zunächst gönne ich mir etwas Drama und Theatralik. Dann renne ich schluchzend durch die Wohnung, während ich alle drei Meter wimmernd rufe “Mein Leben ist nicht lebenswert”. Gestern war ein solcher Moment. Und meine Mitbewohner? Die liefen schulterzuckend an mir vorbei. “Weißt Du, Johanna”, erklärte mir dann mein Mitbewohner Gürkan (den ich an guten Tagen liebevoll Gürkchen nenne). “Erst vor einer Woche mussten wir Dich trösten, weil die Milch abgelaufen war”. “Und am Tag zuvor”, ergänzt Felix, “war Dein Leben nicht lebenswert, weil unser W-Lan ausgefallen ist”.

Gut, ich bin schon hin und wieder eine Dramaqueen. Aber wenn man dann keine Milch fürs Müsli hat oder sich nicht an dem neuesten Instagrampost von Kim Kardashian belustigen kann, weil das Internet nicht funktioniert, ist dann etwas Trost zuviel verlangt? Hier und da eine kleine Umarmung. Oder einfach mal zu hören, wie wundervoll meine Frisur heute aussieht. Ja, so etwas hilft. „Johanna, es geht immer irgendwie vorwärts. Auch ohne Milch, funktionsuntüchtiges Internet. Und auch ohne diesen komischen Mantel, von dem Du im übrigen schon zwei Ähnliche hast.“ Der Meinung ist Felix. Ich bin es nicht. Und telefoniere umgehend mit meiner Mama, der ich direkt von meiner unglücklichen Situation erzähle. Nachdem ich Ihr klarmachen konnte, wie dringend ich diesen einen Mantel für mein Lebensglück gebraucht hätte und wie schrecklich mich meine unsensibelen Mitbewohner behandeln, war ich doch ziemlich sicher, dass es wahr ist: Mein Leben ist nicht lebenswert.
“Ach mein Kind”, sagt meine Mama dann. „Es geht immer irgendwie vorwärts. Pack Deine Sachen und komm‘ übers Wochenende nach Hause. Ich koch’ Dir was schönes.” Das hilft mir tatsächlich etwas (auch wenn ich ein Kompliment bzgl. meiner Frisur genauso aktzeptiert hätte). Und so husche ich wortlos an meinen Mitbewohnern vorbei, packe meine Sachen und verlasse ohne Mantel und ohne Abschied die Wohnung. Denn der Matel war ja ausverkauft. Und ich bin ja sauer. Und mein Leben ist ja – wie gesagt – sowieso nicht lebenswert.
Am Bahnhof angekommen, warte ich auf meinen Zug. Dann fragt mich eine ziemlich gelangweilte Bahn-Mitarbeiterin: “Sie wollen nicht zufällig nach Kaiserslautern?” “Ähm…doch”, antworte ich. Und ahne schon, dass mein Leben erstmal nicht lebenswerter wird.  “Tsja, dann mal viel Glück! Die Züge fallen heute alle aus. Da müssen Sie wohl umdrehen!” Kann es noch schlimmer werden? Bye, bye schönes, erholsames Wochenende mit Kochservice und Sonnenbad im Garten.
Also trotte ich zurück, in meine Wohnung, an meinen Mitbewohnern vorbei (hatten die überhaupt bemerkt dass ich weg war?), direkt in mein Zimmer und schmeiße mich weinend aufs Bett. Mein Leben ist nicht lebenswert, das steht dann mal fest.

In diesem Augenblick bekomme ich eine E-Mail: Gute Nachrichten, Frau Böshans. Ihr Mantel ist Online wieder verfügbar und nun 30% im Sommersale reduziert.
Ich strahle. Und bestelle. Und dann rufe ich meine Mama an. Diese ist völlig enttäuscht, mich am Wochenende dann doch nicht bei sich zu haben.
“Und was soll jetzt aus dem ganzen Essen werden, das ich vorbereitet habe?”
„Keine Sorge Mama. Im Leben geht es immer irgendwie vorwärts.“
Solange man nicht mit der Bahn fährt!

 


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Ich packe meinen Koffer…

…und nehme mit: Völlige Ahnungslosigkeit! Vor Wochenendtrips überfällt mich nämlich jedesmal die absolute Panik. Mit was soll ich mein kleines, fliederfarbenes Köfferchen füllen? Und wie schafft man es, den Inhalt eines 81×180 cm großen Kleiderschrankes in einen 54 x 30 cm kleinen Reisekoffer zu quetschen? Das Einzige, was derzeit auf meiner Einpack-Liste steht: Eine Zahnbürste.
Wenn nur alles so einfach wäre!

Die große Problematik liegt hier eindeutig an meiner angeborenen Entscheidungsschwäche, wenn es um die Suche nach den richtigen Outfits geht. Diese allmorgendliche Suche kann mal nur 10 Minuten dauern. Zum Beispiel wenn einem das altbewährte Lieblingsoutfit ins Auge sticht und alle relevanten Stücke gewaschen und gebügelt bereitliegen. Man braucht nur noch hineinzuschlüpfen und fühlt sich pudelwohl. Leider kommt diese Situation bei mir in etwa so oft vor, wie Tage an denen ich gestehe, zu viele Kleider zu besitzen. Korrekt, dies passiert niemals! Und, selbst wenn das Lieblingsoutfit tatsächlich tragebereit im Schrank hängt, heißt es noch lange nicht, dass es auch wirklich an dem heutigen Tag tragbar ist. Entweder fehlt das wichtigste Accessoire(Wo hab’ ich die Kette noch gleich hingelegt?) oder die Stiefel sind derzeit untragbar (Ach ja, ich wollt ja noch zum Schuhmacher). Manchmal sieht man in dem bewährten Kleid auch einfach nur irgendwie 5 Kilo schwerer aus als gestern. Und hin und wieder hat man das Outfit auch einfach satt. Irgendwas ist immer. Oder irgendwas fehlt immer. Und lässt mich damit verzweifeln.

Dieses Drama spielt sich also morgens bei der Kleiderauswahl ab – und das, obwohl man nur ein Outfit für einen Tag planen muss. Nun kann man sich gut vorstellen, wie ich mich fühle, wenn ich für mehrere Tage, unterschiedliche Gelegenheiten, ungleichmäßige Wetterverhältnisse und wechselnde Gelegenheiten planen muss. Trotzdem schaffe ich es nach langer Umzieherei, ein Tagesoutfit auzuwählen: Leokleid, Goldschmuck, Jeanshemd, Wildlederstiefel, bronzefarbene Strumpfhosen und meine neue Satchelbag. Kaum aus der Wohnung, stelle ich leider fest, dass meine Strumpfhose so gar nicht zum Leokleid passt. Also drehe ich um, suche eine neue Strumpfhose, die jedoch leider so gar nicht mehr zu den Stiefeln passt. Deshalb schlüpfe ich direkt in meine Ballerinas, suche mir dementsprechend eine neue Tasche heraus und verlasse dann – endlich und in einem ganz anderen Outfit als noch vor einigen Minuten – das Haus.

Völlig k.o. von dieser sportlichen Höchstleistung, komme ich zu dem Schluss, dass ich es wohl nie schaffen werde, mich auf einen gelungenen Kofferinhalt festzulegen. Betrübt kaufe ich noch schnell das, was mir am leichtesten fällt: Eine Zahnbürste für den Trip. Sie ist Marineblau mit Reisekappe und flexiblem Griff.
„Na also“ denke ich, hake gedanklich diesen einzigen Punkt auf meiner Liste ab und bin überrascht, wie schnell man manche Dinge doch erledigen kann. „So einfach wie die Entscheidung für ‘ne Zahnbürste kann das Kofferpacken doch weitergehen“, jubiliere ich im Office voller Hoffnung und halte siegreich meine neue Zahnbürste in die Luft.

„Sehr gut, Johanna! Die hab ich auch. Nur in einem Fliederton“, meint Helen.
Fliederton?
Das würde ja schon irgendwie besser zu meinem Reisekoffer passen.
Mist!
Ob man die Zahnbürste noch umtauschen kann?

 


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