Blendend ausgeblendet

Schon früh habe ich angefangen, den passenden Sport für mich zu finden. Bereits mit 4 stand ich im Ballettunterricht. Selbstverständlich war ich mit meinen kurzen Haaren und meinen schokoladenbelasteten Speckbeinchen nicht gerade prädestiniert dafür, einmal als Tänzerin groß rauszukommen. Groß wurde ich ja bekanntlich nie. Und Balletttänzerin wurde ich auch nicht. Das blaue Tutu, der weiße, fließende Rock, die rosa Spitzenschuhe und die weißen Ballettschühchen. All das Equipment sah unvergleichlich bezaubernd aus. Und verlor gleichzeitig so dermaßen an Anmut, sobald ich drinsteckte, sodass ich nach ein paar Jahren harten Trainings den Ballettschuh an den Nagel hängte. „Werd‘ doch Funkenmariechen“, schlug mein Opa damals entzückt vor, als ich am Mittagstisch mit meiner Mama darüber nachdachte, welcher Sport für mich der richtige sein könnte. Wer nicht ins Balletttraining passt, der passt auch ziemlich sicher nicht in die Garde – auf diesen Gedanken hätte man schon kommen können. Nicht aber mein Opa, der stolze Präsident vom Karnevalsverein meiner Heimatstadt. Und auch nicht ich, der größte kleine Fan meines Opas. Und auch nicht meine Mama, die sich freute, dass ich überhaupt Ambitionen zeigte, einen weiteren Sport auszuprobieren. Außerdem ist meine Mama noch heute der größte Fan von mir. Das wissen aber nur Sie und ich. Gesagt hat Sie es zwar nie, aber man sieht’s in Ihrem Blick.

Und so stolzierte ich, gemeinsam mit einer damaligen Freundin  dank meiner Überredungskünste („Du kommst mit oder ich rede nicht mehr mit Dir“) ins Gardetraining. Das Training ging eine Stunde. Ich beschloss bereits nach 40 Minuten das Thema Garde doch den anderen Mädchen zu überlassen und mir einen alternativen Sport zu suchen. „Spiel doch mal Tennis!“ motivierte mich meine älteste Schwester Maria. Sie selbst spielte Tennis und ich musste schon zugeben, dass Sie in Ihren Sportsachen auf dem Tennisfeld, mit dem großen Schläger, unglaublich sportlich aussah. Was ich damals noch nicht wirklich begriff: Im Gegensatz zu mir war Sie auch sportlich. Für mich stand jedoch fest: Ich spiele Tennis. Auch diesem Versuch stimmte meine Mutter zu und brachte mich zum ersten Training. Ich fand Gefallen daran, endlich mal etwas mit Action zu machen. Und ich ging auch wirklich gerne ins Tennis. Damals. Ich würde vermutlich heute noch gehen, wenn dieses Netz in der Mitte nicht gewesen wäre. Und die Linie, die das „Aus“ markierte. Ach ja, und die Regeln. Und der Gegner. Und der Ball war auch manchmal uncool. Und so kamen wir, nämlich ich, meine Mama, meine Trainerin und alle, die mir mal beim Training zuguckten, zu dem Schluss, dass ich nicht fürs Tennis geboren war. Das machte aber gar nichts. Denn zu dieser Zeit hatten wir in der Schule gerade Badminton- und Fußball-Angebote, die ich mit vollem Engagement wahrnahm. Ich war auch ziemlich gut, fand ich. Das fand mein Lehrer auch. Und er meinte weiter, dass ich wirklich, wirklich gut werden könnte, wenn ich mehr zu einem Teamplayer werde und nicht immer alle Foule. Besonders die Fouls an meiner eigenen Mannschaft wurden mir erschreckend übel genommen. Ich wurde immer sofort vom Feld genommen, musste von der Bank den anderen beim Spielen zuschauen und einmal wurde ich sogar mehrfach (!) dazu genötigt, mich bei meiner besten Freundin Laura entschuldigen, weil Sie mit mir im Badminton-Doppel spielte und ich versehentlich Ihre Nase mit meinem Schläger blutig schlug. Ich fand, dass ich dieses Versehen wirklich gut mit der Tatsache erklären konnte, dass Laura mich um den Gewinn gebracht hatte, in dem Sie nicht zum Ball rannte. Mein Trainer befand, dass man trotz dem Willen zu gewinnen mit mehr Rücksicht spielen müsse. (Das wir gewonnen haben, das zählt wohl so gar nicht, was!?)
Und so kam es, dass Badminton und auch Fußball die beiden Sportarten wurden, von denen ich ganz unfreiwillig verbannt wurde. Zu meinem Bedauern. Und zur Erleichterung meiner Freundin Laura und Ihrer Nase.

Rückblickend betrachtet, scheine ich einfach für Sport nicht gemacht zu sein. Oder gibt es einfach keinen Sport, der für mich gemacht ist? Und ja, ich habe schon mehrfach nachgehakt: Schlafen, Shoppen und Stundenlang in High Heels zu laufen sind aktuell (noch) keine anerkannten Sportarten. Doch ich arbeite bereits daran.
Und bis es soweit ist, frage ich mich: Welcher Sport könnte mir mehr Erfolg versprechen, wo ich doch alle gängigen Sportarten bereits in Erwägung gezogen hatte?
„Also, ich war da letztens in Bikram-Yoga…“ höre ich meine Kollegin Sabrina berichten und google sofort drauf los. So, so. Yoga bei 40 Grad. Klingt mal nach etwas außergewöhnlichem, etwas, von dem ich vorher noch nie gehört hatte und bei dem die Wahrscheinlichkeit, versehentlich andere Nasen blutig zu schlagen, sehr gering scheint. Und so schnappe ich mir meine Freundin Bridget und mache mich auf den Weg ins Bikram-Yoga-Studio.

„Mannomann, Yoga bei 40 Grad. Das ist bestimmt nicht ohne!“ meint Bridget.
„Absolut!“ Stimme ich ohne zu zögern zu und bin voll und ganz davon überzeugt, hier den richtigen Sport für mich gefunden zu haben.
Das glaube ich wirklich.
Bis mir beim Betreten des Studios siedend heiß etwas einfällt:
„Ey Bridget“ flüstere ich. „Du…eigentlich hasse ich ja Hitze!“
„Hitze ist nur ein Gefühl, blende es einfach aus“, interveniert die Yoga-Trainerin in meditativer Gelassenheit.
„Okay, das versuche ich“, lächle ich entspannt zurück.
WOW! Wie ich diesen Sport einfach sowas von rocken werde!
Motiviert stolziere ich in die Umkleide und freue mich aufs Yoga, aufs Training, auf die Hitze und aufs Ausblenden.
Bis ich meine Sporttasche öffne und bemerke, dass ich in der morgendlichen Hektik offenbar meine lange Thermo-Jogginghose und mein Thermoshirt (eigentlich geeignet für kühle Wintermorgende) eingepackt hatte.
„Jetzt nicht wirklich“ stöhnt Bridget und verrollt bei meiner Kleiderauswahl die Augen. Sie schüttelt ungläubig den Kopf.
Doch das blende ich einfach aus.
Oh. Ich wusste es.
Ich bin schon jetzt Profi. Irgendwie.

 


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Cola, Fanta, Spezi(ell), Sprite

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„Das ist aber nicht gut.“ Ein Reaktion, die ich zu oft zu hören bekomme, wenn ich etwas aus meinem Leben erzähle. Wenn ich zum Beispiel darüber berichte, dass ich eigentlich alles kann – aber nichts so richtig. „Heutzutage werden Spezialisten gesucht, keine Generalisten, Johanna!“. Das ist dann so ein ganz typischer Spruch.
Davon habe ich mich bisher wirklich häufig einschüchtern lassen. Und während eine Freundin Ihr Hobby zum Beruf gemacht hat, die Musik in den Mittelpunkt stellte, alles daran gesetzt hat, Spezialistin in Musikfragen zu werden, habe ich mich ein bisschen ausprobiert. Diese Freundin ist jetzt wahrlich Musik-Spezialistin, incl. Popakademie-Besuch, regelmäßigen Konzerten, einem Bekanntenkreis von Helene Fischer bis Xavier Naidoo und Gitarren-Knowhow das sich sehen lässt. Ich hingegen, kann so ungefähr sagen, wie man ein Kleid nähen kann, ich kann manchmal einen guten Kuchen backen und, wenn mir das Glück hold ist, fällt mir wieder mein mühsam erlerntes Schwedisch ein.
„Mach Dir doch nichts draus“, meinte da lange Zeit meine Musik-Spezialisten-Freundin. „Sehe ich auch so“, stimmte meine andere Freundin mit ein. Die ist (wie sollte es anders sein) ebenfalls Spezialistin. Sie ist Zahntechnikerin, liebt Fortbildungen in denen Sie lernt, wie man die Verschmelzungen einzelner chemischer Elemente noch exakter hinbekommt und ist der Star in der Faschingszeit, wenn Sie einem in nullkommanix Horst Schlemmer-Zähne verpasst. Selbst gemacht, natürlich. Denn Sie ist ja Spezialistin. Ich kann keine Zähne anfertigen. Und mein Interesse an Chemie hörte damals auf, als uns erklärt wurde, was eine Periodentabelle ist (die ich leider bis heute nicht verinnerlichen konnte). Klar, interessiere ich mich für viele chemische Reaktionen und höre auch oft begeistert hin, wenn mir meine Zahntechniker-Spezialisten-Freundin etwas aus Ihrem Arbeitsleben erklärt. Ich interessiere mich dafür – aber eben nur so ein bisschen.

Genau so ein bisschen bin ich auch gleichzeitig Hundetrainerin. Ich habe nämlich unserem Hund Elsa „Sitz“ beigebracht und bin ziemlich sicher, dass Sie nur durch mich und meine angelesenen Hundepsychologiekenntnisse weiß, was sich gehört und was nicht. Einige Wochen dachte ich, dass das mein Spezialgebiet werden könnte. Cesar Millan 2.0? Nicht nur mein fehlender Bart hat schon angedeutet, dass ich das sicher nicht werde. Auch die Tatsache, dass wir in einer Woche Besuch von einer persönlichen Hundetrainerin bekommen, die Elsa das abgewöhnen, was ich Ihr mit meinen semiprofessionellen Tricks versehentlich angewöhnt habe, unterstreicht nochmal, dass ich absolut kein Hundetrainerspezialist bin.
Und während mein Papa im Schlaf alle Baumängel nach Alphabet und Reparaturaufwand aufzählen kann, während ein befreundeter Barkeeper jede Colasorte blind voneinander unterscheiden kann und es meine Kollegin Mirjam wahrhaftig fertig bringt, jede Hochzeitsdekoration farblich, preislich und saisonbezogen, natürlich immer passend zu Menüfolge und Hochzeitskleid, herunterzubeten (ja, auch das ist eine Spezialisierung!), kann ich all dies nicht. Ich sehe Baumängel noch nicht mal dann, wenn ich darin wohne, für mich ist jede Cola eine Cola und das mit den Hochzeitsthemen überlasse ich sowieso erst einmal getrost der Mirjam!
Nein, ich kann das alles nicht.
Dafür kann ich aber halbe Hunde erziehen, ich kann semiprofessionell Sommerkleider nähen, ich kann mindestens einen dreiviertel Marmorkuchen so backen, dass er schmeckt und ich kann mich mit einem sprachlich minderbegabten Schweden auf seiner Heimatsprache unterhalten (okay, einem halb-deutschen-sprachlich-minderbegabten Schweden mit viel Zeit und Fantasie).

„Vielleicht bin ich jetzt einfach eine Spezialistin darin, mich gar nicht recht zu spezialisieren?“, frage ich meine Zahntechniker-spezialisten-Freundin.
„Also Johanna“, meint Diese. „Du gibst Deinen Kolumnen die merkwürdigsten Überschriften, hast einen Kleiderbügel am linken Handgelenk und bekommst wöchentlich neue Ideen, was Du noch alles machen und erlernen könntest. Für mich ist das speziell genug!“


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