Von Einhörnern und Meerjungfrauen

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Ich bin ein Lügner.
Ganz ehrlich.
Aber keine von diesen fiesen Lügnern. Das ginge gar nicht, weil ich ja an Karma glaube und da einfach kein Risiko eingehen kann.
Ich bin einer dieser Sorte Lügner, die ganz genau merken, wenn die Chance gekommen ist, den Gegenüber in Staunen/einen Schockzustand/Ehrfurcht oder einfach nur absolute Verwirrung zu versetzen, indem man sich mitten im Gespräch eine Geschichte aus den Fingern zieht. Bevor hier jetzt Empörung aufkommt, sei gesagt: Ich mache dies keineswegs, weil ich Bösartig bin. Und fies will ich auch nicht sein. Aber es gibt Situationen, in denen merkt man gleich, dass der Gesprächspartner eine Frage nur deswegen stellt, weil er die Antwort schon zu kennen glaubt. Das sind dann auch meine liebsten Fragen.
So geschehen erst Ende November, als meine liebe Kollegin Sonja in die Agenturküche spazierte. Selbstverständlich war das vorherrschende Thema des Monats: Wo feiert die Agentur wohl Weihnachten?
In den vergangenen Jahren hatte es bei uns schon so manche Weihnachtsfeiern gegeben, die gerade bei Sonja nicht gut ankamen und die Sie derart in Angst und Schrecken versetzte, dass Sie vorab lieber die aktuelle Organisatorin zu den Plänen befragte: Mich. Und das war ganz sicher ein Fehler!
„Uuuuund?“ fragte Sie mich scheinbar nebenbei. „Was ist denn an Weihnachten geplant?“ „Och, schon einiges“, entgegnete ich. Und schon befand ich mich in meiner Geschichte, in der ich es schaffte, alle Ängste von Sonja, wie: zu große Kälte, zu schlechte Anbindung, zu wenig Essen, einzubetten. Ja, ich bin nicht nur eine Lügnerin. Ich bin eine gute Lügnerin. Und deswegen glaubte mir Sonja auch meine schier endlose und detailgetreue Story von „einer offenen, unbeheizten Scheune mitten auf einem Feld“ mit ganz wunderbarer „Molekularküche“ bei der ganz stilecht jeder Gang auf Trockeneis serviert wird. Und dann ist da ja noch die Anbindung, die ganz wunderbar ist. Denn „nach nur einem kurzen Marsch von 20 Minuten hat man schon die S-Bahn-Station in einem Dorf hinter Esslingen erreicht, mit der man dann in weniger als einer Stunde wieder in Stuttgart ist.“ Und während Sonja Leichenblass vor mir stand, machte ich mir einen Kaffee und plante anschließend unsere Weihnachtsfeier – natürlich in einem gemütlichen Restaurant mitten in Stuttgart, nahe zur U-Bahn, mit passendem 4-Gänge-Menü – einfach sang- und klanglos weiter.
Natürlich ließ ich die Gute nicht ewig in dem Glauben. Denn dann, als die halbe Kreativabteilung bei mir auf der Matte stand, um mir von Sonjas Schauergeschichten zu meiner schrecklichen Planung zu berichten, rückte ich natürlich mit der Wahrheit raus. „Du Lügenmolch“ lachte Sonja. Und dann fügte Sie hinzu: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht!“ „Ja, schon klar“, antwortete ich eher beiläufig, als ich am noch unbesetzten Platz Ihrer Sitznachbarin Verena stand. Verena war noch beim Arzt um kam etwas später zu Arbeit. Und da ich Ihr noch Süßigkeiten schuldig war, nutze ich Ihre kurze Abwesenheit und drapierte allerlei Schokoriegel (für meine Verhältnisse) Kunstvoll auf Ihrem Tisch. „Ähh…warum bekommt die Süßigkeiten von Dir?“ fragte mich Sonja. Und ich erkannte dabei an Ihrem Blick, dass Sie gerade am Grübeln war, ob Sie Verenas Geburtstag verpasst hatte. „Na, Verena hat doch heute Geburtstag!“ griff ich diese einmalige Gelegenheit auf und ergänzte: „Sie kommt deswegen heute auch etwas später. Sie hat noch ein Geburtstagsfrühstück. Ich habe Ihr natürlich schon per Whatsapp gratuliert. Du etwa noch nicht?“ Ich legte einen Blick aus überraschter Enttäuschung auf und lies den Schokoriegelbesetzten Platz von dem angeblichen Geburtstagskind und eine bedröppelte Sonja zurück.
Gegen Nachmittag kam Verena auf mich zu und lachte: „Johanna!!! heute wird mir alle paar Minuten von jemand anderem zu meinem Geburtstag gratuliert!“ „Keine Ahnung, woran das liegt“, zwinkerte ich Ihr zu. „Beachte aber“, ergänzte Verena dann „Wer einmal lügt, wem glaubt man nicht.“
Und ich komme ins Grübeln! Ist denn da wirklich etwas Wahres dran? Zunächst einmal, sind dies ja keine wirklichen Lügen, die ich da verbreite. Ich würde es eher „Unterhaltung von der etwas anderen Sorte“ nennen. Zum anderen habe ich schon öfters als einmal etwas erfunden und man glaubt mir dennoch immer wieder. Selbst die absurdesten Geschichten von meiner eigenen Pelztierfarm (als Reaktion auf die empörten Kommentare meiner veganen Freunde im Bezug auf meine Kunstfellweste) oder die Erklärung, dass ich mir oft betrunken einfach irgendwelche Gegenstände als Tattoo stechen lasse (wenn ich z.B. gefragt werde, ob mein Kleiderbügel am Handgelenk überhaupt eine tiefere Bedeutung hat). Es macht Spaß, wenn ich erst einmal mit großen Augen angeschaut werde, bevor ich diese kleine Schwindelei zu erkennen gebe. Klar, manchmal wird es etwas chaotisch, das gebe ich zu. Z.B. als ich erkannte, dass sich ein weiteres Mädchen mit Namen Johanna in meiner Stufe befand. Dies nahm eine Lehrerin zum Anlass und befragte mich, ob ich damit ein Problem hätte – mit einem Gesichtsausdruck, der mir zeigte, dass Sie sich sowieso schon sicher war, dass ich keine andere Johanna neben wir ertrug. Also erklärte ich Ihr, dass ich es keinesfalls hinnehmen werde, dass noch jemand anderes in meinem Umfeld diesen Namen trägt, da ich es nun einmal gewohnt bin, die einzige Johanna in der Stufe zu sein. Ich fragte, ob es möglich sei, diese zweite Johanna bitte einfach künftig nur nach ihrem zweiten Namen zu rufen. Das sei ja wohl nicht zu viel verlangt. Bevor ich auch nur die Chance hatte, diesen Witz aufzulösen, hatte sich die Nachricht (Mädchenschule sei Dank) schon in meiner Stufe herumgesprochen. Es war dann schon absehbar, dass ich Amanda (unter diesem Zweitnamen war die zweite Johanna dann bekannt) wohl niemals als beste Freundin bezeichnen kann.
„Aber nur aus Angst vor Risiken eine gute Geschichte einfach so verstreichen zu lassen? Das halte ich für grob fahrlässig!“ denke ich und laufe gerade im Anschluss an einen Arzttermin durch Bad Cannstatt. Dann ruft mich mein Mitbewohner an: „Johanna“, meint er „Du brauchst nicht nachhause zu kommen. Unsere Wohnung wurde evakuiert. In den Nachrichten steht es schon: Bei uns um die Ecke wurde eine Fliegerbombe gefunden.“ „Okay, danke für die Info“ antworte ich. Teils erleichtert, weil ich bei dem Begriff „Evakuierung“ zunächst vermutete, ich hätte mein Glätteisen angelassen und dann doch eine Fliegerbombe schuld war. Teils etwas ratlos, weil ich nun da stehe. In Bad Cannstatt. Bei eisigen Temperaturen. Ohne funktionierende S-Bahnen. Und mit einer Prise Obdachlosigkeit.
Also rufe ich einen Kollegen Lukas an, der in Cannstatt wohnt und nun die Gelegenheit hat, mich aus dieser Misere zu befreien.
„Lukas?“ melde ich mich am Telefon zu Wort „Bist Du daheim? Und wenn ja, kann ich zu Dir?“
„Was ist los?“, fragt Lukas.
„Bei mir wurde ’ne Bombe gefunden, meine Wohnung wurde evakuiert, ich stehe in Bad Cannstatt, die S-Bahnen fahren nicht und ich bin erstmal Obdachlos.“
„Ganz ehrlich“, entgegnet Lukas lachend. „Deine Storys waren auch schon einmal besser Johanna“.
Und dann legt er auf.
Und ich höre nur das „tuuuut, tuuut“ aus meinem Handy, während ich mich an diesen einen Satz erinnere: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.“
Ich werde traurig.
Und ich frage mich, ob ich es nun doch übertrieben habe, mit meinen Storys. Habe ich zu viele Geschichten erfunden? Habe ich zu oft Schabernack getrieben?
Und plötzlich erinnere ich mich an Sonjas entgeistertes Gesicht, als ich Ihr ausführlich vom erfundenen Weihnachtsfest in der Pampa berichtete.
Und während ich, noch immer frierend, lachen muss, wird mir klar:
Von Freunden und Kollegen in Notsituationen nicht ernst genommen zu werden – Diese Geschichten sind es einfach wert!


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Vorglühen

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Da stehe ich so am Bügelbrett und denke nach.
Ich denke darüber nach, dass wir einfach schon wieder ein neues Jahr haben. Und – trotz diesem ganzen „Yeah-im-neuen-Jahr-wird-alles-so-super-genial“ Quatsch – möchte ich das letzte Jahr nicht einfach so an mir vorbeiziehen lassen. In dieser Zeit, wo wir einfach nur auf den nächsten Tag, das nächste Wochenende, die nächste Party oder das nächste Jahr hinfiebern, kann man doch ruhig mal innehalten und schauen, was man in der Vergangenheit so alles erreicht hat, welche Probleme man bewältigen konnte, welche Freunde man gefunden hat oder welchen Träumen man einen kleinen Schritt näher gekommen ist.
Und so bügele ich die Falten aus meiner dunkelgrünen Lieblingsbluse und strahle bei dem Gedanken an diese wunderbaren Zeiten in 2015. Wie zum Beispiel meine Reise ganz alleine, die ich, trotz gerissenem Koffer und gelöschtem Bankkonto, gemeistert habe. Ich werde von Stolz erfüllt, als mir bewusst wird, dass ich es geschafft habe, 2 Wochen ohne Kaffee zu überleben – ohne körperlichen und nur eingeschränkt geistigen Schaden zu erleiden. Ich habe in dem vergangenen Jahr gelernt, auch einmal „nein“ zu sagen. Auch wenn nur auf die Frage, ob ich so einen Kaffeeentzug nochmal auf mich nehmen würde. Ich schaffte es, mich in der heutigen Zeit zu orientieren – nur mit einem Windowsphone gewappnet – und habe die Geburtstagsparty von meinem Freund Nick trotzdem und nach nur einem halbstündigen Irrlauf durch Bad Cannstatt gefunden. In Cannstatt gibt’s echt tolle Ecken. Wusste ich vorher auch noch nicht. 2015 habe ich gelernt mit Verlusten umzugehen: Nein, Verbotene Liebe kommt nie wieder. Es wurde tatsächlich abgesetzt.
Und nicht zuletzt hatte ich Ende 2015 ein Silvester, dass sich endlich mal sehen lassen konnte. Ich wollte das Jahresende bei mir begehen, denn ich dachte: mich selbst durch Feuerwerkskörper zu entflammen, mich zu verlaufen oder dem Ex-Freund zu begegnen ist in meinen eigenen vier Wänden am unwahrscheinlichsten. Und so war ich bereits morgens voller Zuversicht, dass dieses Silvester wirklich mal ganz gut wird. Ich habe (wie es sich für das Ende des Jahres gehört) erst einmal aufgeräumt und ausgemistet, bin dabei in der hintersten Ecke eines Schrankes auf einen Raumduft gestoßen der bereits Mitte 2014 abgelaufen war und habe ihn – beim Versuch, ihn zu entsorgen – versehentlich in meiner Küche fallen gelassen. Es hat mich satte 3 Stunden Extrem-Lüftung so mitten im Winter und eine damit verbundene Identifikation mit einem Eiszapfen gekostet, diesen Duft (der im übrigen stark an ein illegal betriebenes, drittklassiges Bordell erinnerte) aus meiner Wohnung zu bekommen. Aber es war noch nicht offiziell Silvester, die Panne zählt also nicht. Und damit sich sowas in 2016 nicht wiederholt, hatte ich den ultimativen Programmpunkt für meine Gäste und mich entwickelt.
Ich hatte alle Silvesterbräuche aus allen möglichen Ländern herausgesucht und (tolerant wie ich nun mal bin) befohlen, dass wir alle Bräuche nach den entsprechenden Regeln durchführten. Denn, je mehr Glücksrituale man durchführt, desto eher sinkt das Risiko, 2016 versehentlich mit abgelaufenen Raumdüften seine eigene Wohnung zu verseuchen. Das sahen meine Gäste genauso, fingen ohne Wiederrede um Mitternacht mit dem ersten Brauch an, aßen (wie vorher von mir erläutert) 12 Trauben, im Takt, bis zum 12. Schlag und wünschten sich bei jeder Traube etwas. Ich war sehr entzückt, als ich sah, wie sich jeder explizit daran hielt. Etwas zu entzückt, so dass ich den Start der Traubenesserei einfach verpasste und deswegen gleich 8 Trauben auf einmal runterwürgen musste. Da ich aber auch eigentlich nur einen Wunsch hatte, zählt das trotzdem. Finde ich.
Auch die restlichen Traditionen haben wir glanzvoll durchgeführt. Auch ich. Trotz Bauchschmerzen. Denn ich vertrage keine Trauben. Das ist mir dann aber erst nach 12 wieder eingefallen.
Und wenn ich so darüber nachdenke, war das herumtragen eines Rosinenbrotes, das Walzertanzen, die Wunderkerzen, das Herumwedeln mit dem Glücksbambus,…ja, all das waren gleichzeitig auch unglaublich spaßige Programmpunkte, die nicht nur Glück bringen sollen, sondern auch..
…und dann kommt mir plötzlich ein Gedanke, während ich mein blaues Lieblingshandtuch bügele (ja, auch die sollten gebügelt werden!). Hatte ich es übertrieben mit den Glücksritualen an Silvester? Was, wenn ich jetzt zu viel Glück habe? Was, wenn mir 2016 alles gelingt? Was, wenn in diesem Jahr alles nur noch rund läuft? Worüber soll ich denn dann bitte noch schreiben?
Ich stelle mein Bügeleisen beiseite, nehme den Telefonhörer in die Hand und rufe meine Mutter an. „Johanna“ erklärt Sie mir „Auch Trauben und ein Walzertanz werden das Chaos in Deinem Leben sicher nicht komplett auslöschen. Man kann schließlich nicht einfach so aus seiner Haut.“
Ich kehre erleichtert zum Bügelbrett zurück.
„Meine Mama hat schließlich immer recht!“ strahle ich.
Und dann bemerke ich einen merkwürdigen Duft in der Wohnung. Aber gar nicht so nach Bordell, sondern eher nach etwas verschmorrtem.
Und ich erkenne, dass ich das Bügeleisen idealerweise auf meinem superflauschigen Lieblingsteppich abgestellt hatte.
Ich reiße das Bügeleisen von der Stelle des Teppichs, der inzwischen nur noch ein großes Loch aufweist.
„Oh ja“ seufze ich.
„Und wie meine Mama einfach immer recht hat!“


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Mit Geduld und Spucke…

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So. Schon wieder nähern wir uns dem Ende eines Jahres. Und schon wieder werden ringsherum Pläne für Silvester geschmiedet. Was zieht man an? Wo stößt man an? Wie feiert man? Und wie viel Aspirin wird vermutlich zur Bekämpfung des Folgekaters am 01.01. benötigt?
Fragen über Fragen…die ich mir schon gar nicht mehr stelle.
So wie bei den Italienern die rote Unterwäsche, bei den Chinesen das Ultra-Feuerwerk und bei den Spaniern die Trauben, so ist es bei mir Silvestertradition, dass alles – ja wirklich alles – schief läuft. Ganz egal, wie gut die Aussichten sind und wie detailliert die Pläne erfasst wurden.
Das begann bei mir schon ziemlich früh, denn jede Tradition braucht Ihren frühzeitigen Anfang. Der war bei mir, als ich – die 7-Jährige Johanna – an Silvester meine neue Lieblingsjacke anzog, um das tolle Feuerwerk anzuschauen, das mein Papa vorbereitet hatte. „Nimm‘ doch lieber eine alte Jacke, bei Dir weiß man nie Johanna!“ meinte Mama damals. Und nein, mit 7 Jahren wusste ich noch nicht, was für eine weise Frau Sie doch ist.
Also ging ich mit neuer Jacke nach draußen, half beim Anzünden des Feuerwerkskörpers, der in einer leeren Flasche senkrecht nach oben stand. Dann stieß ich beim Rückwärtslaufen die Flasche um, sodass der Feuerwerkskörper nun direkt auf mich zeigte. Und dann rannte ich. Um mein Leben. Leider nicht nach Links oder Rechts. Sondern schnurrschnacks geradeaus. Und da ich – unglaublicherweise – nicht schneller rennen als ein Feuerwerkskörper fliegen kann, zischte der Feuerwerkskörper auf mich zu. Meine neue Jacke wurde total verkokelt. Meine Begeisterung für Feuerwerk auch. Und ich habe bestimmt die erste Hälfte des neuen Jahres damit verbracht, über diesen Schock hinweg zu kommen.
Mit 16 dann, habe ich Silvester bei meiner besten Freundin Sophie in New York verbracht. DIE Traumstadt mit DER Traumfreundin in DEM Traumoutfit an DER Nacht überhaupt. Und wir feierten, wie es sich für einen Silvesterabend in New York gehört. Zunächst zuhause bei Raclette und Sekt, dann bei Freunden von Freunden, deren Freunde ein Appartement direkt an der Brooklinbridge besaßen, und dann wurden wir in einer Limousine durch die Straßen New Yorks gefahren. Und es hätte alles so schön sein können, wenn ich nicht – bei einem kurzen Halt – schnell und leise aus der Limousine herausgesprungen wäre, um nur kurz etwas frische Luft zu schnappen. Die frische Luft (sofern man in New York von frischer Luft sprechen kann) tat mir wirklich gut. Aber nur, bis ich merkte, dass ich leider etwas zu unauffällig ausgestiegen war. Die Limousine war weg. Meine Freundin Sophie auch. Mein Handy lag in Deutschland (und seien wir ehrlich – selbst wenn ich es mit in die USA genommen hätte, hätte ich es an diesem Abend sicherlich bereits verloren). Meine Vorahnung, nun das kommende Jahr auf New Yorks Straßen verbringen zu müssen, wurde immer klarer. Und als ich so im Nieselregen an einer unbekannten Straßenecke dastand und es genau Zwölf Uhr schlug, verfluchte ich Silvester erneut. Statt das neue Jahr ausgiebig zu begrüßen, stellte ich mir also vor, wie mein neues Leben in einer US-Straßengang wohl aussehen würde. Vielleicht lag es an meiner Glitzer-Tasche oder an meinem roten Nagellack. Aber irgendwie konnte ich es mir auch nach 10 Minuten nicht wirklich vorstellen. Das war aber nicht weiter schlimm, denn weitere 5 Minuten später fand mich meine Freundin Sophie wieder. Sie versprach: „Wir wollen uns nie, nie wieder verlieren!“.
Wir verloren und an diesem Abend noch ein paar mal, doch ich wurde nie Mitglied einer Straßengang und in Deutschland bin ich bekanntermaßen auch wieder angekommen.
Auf dieses Silvester folgten dann noch Neujahrsfeiereien, an denen ich Punkt Mitternacht vor einem überfüllten Club anstand. Und Feiern, an denen ich mich alleine Mitten in Kaiserslautern wiederfand, weil ich mich auf dem Weg von der einen zur anderen Party furchtbar verlaufen hatte. Dann gab es einen Silvesterabend, den ich gemütlich Zuhause verbrachte – und den Neujahrsbeginn einfach verschlief. Und dann gab es ein Silvester, den ich gezwungenermaßen mit meinem frischgebackenen Exfreund zwischen romantischem Kerzenlicht und leuchtend-buntem Feuerwerk verbringen musste. Zumindest mit dem Anzünden eines Feuerwerkskörpers wurde ich, seit dem 7. Lebensjahr, nicht mehr beauftragt.
Ja. Meine Silvester waren bisher eher wenig Vielversprechend und vielmehr chaotisch als elegant. Mein Freund Tobi behauptet sogar steif und fest: „So, wie man Silvesterabende verbringt, so erlebt man auch das kommende Jahr!“.
Wenn er damit recht hat, dann erklärt das zumindest, warum mir über’s Jahr verteilt so viel Chaos begegnet, warum bei mir so einiges schief läuft und warum ich von Januar bis Dezember nichts anderes tue, als durch Fettnäppfchen zu waten und Stolperfallen auszuweichen versuche.
„Johanna“, reißt mich meine Kollegin Corinna mitten in der Agentur aus meinen Gedanken. „Kannst Du Stefan mal einen Espresso in den Meetingraum bringen?“ „Bitte?“ denke ich nur empört. „Kann er seinen Espresso nicht selbst holen?“. Doch, weil ich eben ein herzensguter Mensch bin, drücke ich an der Kaffeemaschine auf „Espresso“ und transportiere das Getränk zum Meetingraum. Dort sitzt Stefan mit meiner Kollegin Sarah und scheint etwas zu besprechen. Ich reiche ihm den Espresso und rufe mit einem Grinsen in seine Richtung: „Ich hab‘ mal eben reingespuckt, ne!?“.
Im Meetingraum wird es still. Stefan grinst. Sarah reißt die Augen auf. Und Corinna – nun direkt hinter mir – flüstert mir zu: „Ähm, wir haben gerade Videokonferenz mit einem Kunden!“.
Ich drehe mich um und bemerke erst dann den großen Bildschirm mit Videoschaltung.
Okay.
Dieses Silvester.
Das muss jetzt wirklich mal gut werden!


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„Lass‘ Dir das nochmal durch den Kopf gehen und überlege Dir gut, ob Du nicht doch etwas anderes machen möchtest.“ Meine Mama beriet mich erst vor kurzem zu meinem Vorhaben, für meine Kollegen einen kleinen Lebkuchenhausbau-Event zu veranstalten. „Du weißt, dass Du den Teig schon Tage vorher machen musst?“, fragte Sie und ergänzte: „Abgesehen von den ganzen Bauplatten, die Du vorschneiden und vorbacken musst. Da hast Du ordentlich zu tun.“
„Jap, ich überlege es mir“, erklärte ich – wohlwissend, dass ich es mir sicherlich nicht anders überlegen werde. Meine Mutter wusste dies zum damaligen Zeitpunkt ebenso.
Denn es war diese eine, ganz persönliche und spezielle Allergie, die ich irgendwie schon seit langem habe. Ich reagierte schon immer allergisch auf Ratschläge, Tipps und verschiedene Aufforderungen, etwas sein zu lassen oder etwas Bestimmtes zu machen.
Ich nehme an, der Ursprung liegt in meiner Konfirmationsfeier, an der wir in unerträglich zähen 3 Stunden das Thema „Gegen den Strom schwimmen“ erarbeitet und präsentiert haben. Ich denke, ich habe diesen Leitsatz etwas zu wörtlich genommen. Was eigentlich seltsam ist. Denn damals hatten wir verrückte Beispiele wie „Jeder will cool sein, passt sich der Masse an, schwimmt einfach mit dem Strom – und trägt keine No-Name-Ware sondern nur noch Kleider und Taschen der angesagten Marke Fishbone.“ Bei dem Gedanken, dass „Fishbone“ und „Angesagt“ mal in einem Satz verwendet wurden, bekomme ich noch heute einen leichten Lachkrampf.
Seit eben jener Feier bildete „gegen den Strom schwimmen“ mein Leitmotiv. Zum Leidwesen von einigen Personen.
Zunächst von meiner Mathelehrerin: „Warum lernst Du nicht einfach den Stoff, den hier jeder von Euch lernen muss?“ fragte Sie damals und versuchte damit verzweifelt, mir meine ständigen Widerworte auszutreiben. „Nur weil es jeder macht, muss ich das jetzt auch machen oder was?“ reagierte ich. Und damit war das Kapitel „Johanna in Mathe auf Durchschnittsniveau zu halten“ für meine Lehrerin, meine Eltern und mich ziemlich vorbei.
„Du musst Dich aber auch immer irgendwie widersetzen“ seufzte meine Freundin Laura damals, sichtlich empört.
Eventuell, weil Sie von Mathe mehr hielt als ich. Wahrscheinlicher aber, weil ich ihr einige Minuten zuvor eine Absage als zusätzliches Mitglied in Ihrem neu gegründeten Umweltschutz-Team erteilte. Denn ich hatte gehört, dass die ganze Klasse mitmachte – was mir dann doch wieder zu sehr nach Stromschwimm-Action aussah. Und dieses Risiko konnte ich einfach nicht eingehen. Massenrodung der Bäume und Wasserverschmutzung durch Textilfabriken hin oder her. Das würde die Umwelt schon verstehen.
Einige Jahre später (meine Konfirmation liegt nun wirklich schon Ewigkeiten zurück – genauso wie der Hype um das Label mit Fischskelett-Logo) hat sich bei mir nicht wirklich viel geändert. Ok, bis auf meinen Kleidungsstil und gewachsen bin ich auch ein bisschen.
Aber beispielsweise bei der Suche nach einem neuen Smartphone rieten mir meine Kollegen damals durchweg zu einem Samsung oder einem iPhone. Diesen Ratschlag nahm ich auch gerne an. Und kaufte mir dann direkt mein Windowsphone. Meine Kollegen schüttelten daraufhin verständnislos den Kopf.
Genauso wie meine Mutter keinerlei Verständnis für meine Erschöpfung aufbrachte, die durch 5 Stunden Teig-geknete und durch 8 Stunden Vorschneiden und Backen der Bauteile für die Lebkuchenhäuser der Kollegen entstand. Ja, ich war wirklich erschöpft. Und in diesem Moment, in dem ich vor dem heißen Ofen stand, bereits das 10. Blech voller Lebkuchenhausbauteile hineinschob und meine Motivationsmusik ausfiel (weil die App auf dem Windowsphone nicht richtig funktionierte), stellte ich mir doch schon mal ein paar Fragen:
Vielleicht sollte ich mich den Ratschlägen der anderen einfach mal Beugen? Oder zumindest mal darüber nachdenken? Vielleicht hat es einen Grund, warum bestimmte Dinge von so vielen Leuten genutzt werden? Vielleicht wäre ich eine große Mathematikerin geworden, wenn ich auf meine Lehrerin gehört hätte? Vielleicht wäre ich eine große Umweltschützerin geworden, wenn ich mich Laura und meinen Klassenkameraden angeschlossen hätte? Vielleicht ginge es mir mit einem iPhone irgendwie besser?

Und ich grüble darüber nach. Auch noch jetzt, am Tresen der hell erleuchteten, gerade geöffneten Bar wartend, in der ich letzte Nacht getanzt, zu den Songs mitgesungen und mein Smartphone schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate verloren hatte.
„Ja, Dein Windowsphone wurde abgegeben“, erklärt mir der Barkeeper und kramt mein Smartphone hervor.
„Juhu, es ist tatsächlich da“, strahle ich, erleichtert darüber, dass es nicht geklaut wurde.
„Na klar wurde das abgegeben“, lacht der Barkeeper etwas verächtlich.
„‚N Windowsphone! Das steckt keiner ein. Sowas will halt auch keiner haben.“
„Eben“ rufe ich stolz.
Und während das Licht gedimmt wird und die ersten Besucher in die Bar hereinströmen, kämpfen sich mein Windowsphone und ich durch die Menge Richtung Ausgang.
Eben ganz typisch.
Gegen den Strom.


 

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(Gefühls)kalter Entzug

Ärzte können toll sein.
Zum Beispiel dann, wenn Sie Dir sagen: „Hey, Sie sind ja in top Form!“. Oder auch wenn Sie meinen „Einen weiteren Bluttest ersparen wir uns lieber, packen wir die Spritze mal weg!“. Oder wenn Sie erklären: „In jedem Fall müssen Sie die nächsten 14 Tage auf Sport verzichten!“. Und letzteres ist mir tatsächlich vor einigen Tagen passiert.
Ich konnte darauf kurz nichts sagen, denn ich musste mit aller Kraft versuchen, die Freudentränen zurückzuhalten. 2 Wochen lang keine hässlichen Joggingschuhe, keine Schnappatmung im Fitnessstudio und keine stundenlange Suche nach einem neuen Bibi Blocksberg Hörspiel, um die ganze Sportrunde motiviert zu bleiben (es gibt nichts, was einen mehr antreibt, als die nervige Stimme von Bibi Blocksberg). 14 Tage kein Sport – ganz ohne schlechtes Gewissen. Und bei diesem Gedanken rollte mir dann doch eine kleine Träne des Glücks über meine Wange. „Aber, aber. 14 Tage sind schnell rum“ beruhigt mich mein Arzt. Er hatte die Träne gesehen. Ärzte sind ja so nett. Und so naiv.
„Naaaa gut, ich gebe mein Bestes“ entgegnete ich gespielt gequält und ließ in meinem Kopf schon einen Champagnerkorken knallen.
„Und bevor ich es vergesse“ ergänzt er, „Genauso ist Kaffee die nächsten 14 Tage strengstens verboten.“
Ärzte sind ja so hundsgemein! Und meine kurze Schnappatmung war bei einer solchen Aussicht natürlich vorprogrammiert.
„Es sind nur 14 Tage, also alles nur halb so schlimm“ meinte der Arzt und drehte mir den Rücken zu, auf den ich in diesem Moment nur zu gerne gesprungen wäre, um dann eine ganze Weile auf Ihn einzuschlagen.
Nur 14 Tage? Alles halb so schlimm?
Unwillkürlich kam die Erinnerung an meinen Laktose-Test vor einigen Wochen wieder hoch. „Kommen Sie bitte vollkommen nüchtern“ meinte die Arzthelferin damals. „Auch kein Kaffee!“
„Kein Problem“, antwortete ich. Meine Güte, war ich naiv.
Also verließ ich komplett nüchtern das Haus. Ohne Frühstück. Ohne Kaffee. Die Sonne schien. Und meine Laune glich schon zu diesem Zeitpunkt der Laune einer Cruella De Vil, nachdem man Ihr die Hundewelpen stibitzt hatte.
Beim Arzt angekommen, bemerkte die die Arzthelferin bei der Blutabnahme meine finstere Mine. „Ich weiß, Spritzen sind nicht so toll“, pflichtete Sie mir bei. „Es geht nicht um die Spritzen. Sie können mich hier gerne auch von Kopf bis Fuß aufschlitzen“ erklärte ich. Ja, so ohne Kaffee neige ich auch stark zur Dramatik! „Aber ohne meinen Kaffee macht das alles echt keinen Spaß, ey.“ (und zum Hip Hop Gangster werde ich ohne Kaffee auch, man beachte das „ey“ am Ende meines Satzes) „Hmmm, ich verstehe Sie da total“, tröstete mich die wirklich sehr verständnisvolle Arzthelferin. Doch trotzdem sagte Sie nein, als ich Ihr vorschlug, mir den Kaffee einfach intravenös zuzuführen. Ich hasste Sie.
Ja, die ganze Prozedur des Laktose-Testes dauerte ca. 1,5 Stunden. Eine kurze Zeit, in der ich es schaffte, einen riesen Krach mit meinen Mitbewohnern heraufzubeschwören (zwischen aufstehen, Badezimmer und dem Verlassen der Wohnung war ja genug Zeit dafür), mein Smartphone-Display zu beschädigen (wie genau ich das schaffte, möchte ich hier nicht ausführen. Nur so viel: In einem Kaffeeentzug entwickele ich Kräfte, die für mich und meine Umwelt oft schädlich sein können) und ich glaube, in diesen eineinhalb Stunden sind enge Freundschaften zu Bruch gegangen.
Und nun saß ich beim Arzt und fragte mich: „Wie soll ich das bitte 14 Tage überstehen?“
„Du meinst wohl: Wie soll Deine Umwelt diese 14 Tage überstehen?“ korrigiert mich mein Kollege Stefan, als ich wieder auf der Arbeit sitze. Dabei macht er sein mürrischstes Gesicht. Das soll wohl ich sein. Und witzig soll es wohl auch sein.
Die Kaffee-gefüllte-Johanna hätte vermutlich gelacht. Die Johanna auf Kaffeeentzug lacht nicht. Statt eines Lachens schaffe ich nur noch Flüche, Beschimpfungen und reichlich aggressive Gestik und Mimik. „Jetzt sei doch mal nicht so sauer, Johanna. Das war doch nur ein Spaß!“ erklärt meine Kollegin Moni. Und während Sie es damit auf meine Feindesliste für die nächsten 14 Tage schafft, koche ich mir einen Tee. Soll ja beruhigend wirken.
In der Küche stehen bereits einige meiner Kollegen am Kaffeeautomat, rühren in Ihren Espresso, Cappuccino und Latte Macchiato und wünschen mir allerseits einen wunderschönen guten Morgen. Ich schaue auf die zahlreichen Kaffeebecher, blicke dann in die lächelnden Gesichter der Kollegen und stelle mir die Frage, wie viel Platz auf meiner frisch angelegten Feindesliste wohl sein mag.

Pling! Da bekomme ich eine Mail.
Sie ist von Stefan.
Im Betreff: „Guck mal wie passend der Untertitel des Theaterstückes Johanna von Orléans ist!“
Und im Textfeld steht nur: „JEANNE D’ARC. Gott vergibt – Johanna nie.“
„Stimmt gar nicht, ich vergebe immer direkt und sofort“, rufe ich Stefan empört zu.
„Na, ich weiß ja nicht“, lacht meine Kollegin Viki von nebenan laut auf.
„Liebe Viki, ich erkenne dies als einen Witz an, lachte mit und… VERGEBE dir“, entgegne ich lauthals, um allen zu beweisen, wie großzügig ich mit Vergebung bin.
Und nebenbei ergänze noch schnell meine Feindesliste.


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Das J steht für Gefahr oder Johanna verreist Teil 3

Oslo und Bergen. Beides überlebt – und das völlig auf mich und meinen eingedellten, aufgerissenen, aufgebrochenen Reisekoffer gestellt.
Ich habe natürlich schon von Anfang an gewusst, dass ich nach einem solchen Unterfangen noch entsprechenden Beistand brauchte – deswegen habe ich Barcelona in meine Reiseplanung hineingenommen. In Barcelona sitzt nämlich – neben der Sagrada Familia und unendlich vielen Möwen – meine beste Freundin Sophie. Die ist mindestens genauso chaotisch wie ich und hat deswegen immer vollstes Verständnis für den Wirbel, den ich um mich herum verursache.
Und so stehe ich (schon wieder) am Gepäckband am Flughafen und hoffe (schon wieder) dass mein Koffer mitsamt Inhalt den Weg zu mir findet und ich ihn nicht in seinen Einzelteilen vom Flugplatz fischen muss. Einerseits, weil dies total anstrengend wäre und ich in meinem Urlaub echt besseres zu tun habe. Andererseits, weil ca. 50% meines Kofferinhaltes aus Kaviar besteht und mich das Schild, das mir kurz vor meinem Abflug in Norwegen aufgefallen ist, etwas an der Legalität meines Export-unterfangens zweifeln lässt. Auf dem Schild war nämlich ein Bild von einem Glas Kaviar. Durchgestrichen. Mit Ausrufezeichen. Doch nach allem, was ich im Urlaub schon erlebt hatte, war ein versehentlicher, illegaler Kaviarexport keine allzu große Nummer mehr für mich. „Mein Kaviar befindet sich ja in Tuben, nicht in Gläsern“, denke ich, schüttele alle Sorgen ab und freue mich darüber, dass ich mich selbst immer so gut überzeugen kann.
Am Gepäckband in Barcelona dann die endgültige Erleichterung: Mein Koffer mitsamt Inhalt hat den Flug überstanden, selbst alle Kaviartuben und die geräucherte Rentiersalami (von der ich gar nicht wissen will, ob die überhaupt zum Export freigegeben war) liegen noch dort, wo sie hingehören.
Und wie schon so oft in diesem Urlaub, hebe ich den Koffer vom Gepäckband, richte meine Strickmütze, schnüre meinen Wollschal fest und werfe mir meine Norwegerweste über meine Lederjacke, die einen Wollpullover umhüllt. Ja. In Norwegen war das ein tolles Outfit und windige 8 Grad konnten mir nichts anhaben. Hier, in Barcelona, bei sonnigen 28 Grad, ist dies ein Outfit, das nicht nur absolut unpraktisch und viel zu warm ist, es ist auch ein Outfit, mit dem man garantiert auffällt. Selbst ein dicker Tourist in Blümchenshorts mit weißen Socken und Sandalen steht hier weniger im Zentrum der Aufmerksamkeit als ich selbst. Ich würde unter all den Blicken wohl ins Schwitzen kommen…wenn ich das, unter all dem Strick, nicht sowieso schon täte.
Ohne Chance, auch nur ein Kleidungsstück auszuziehen (mein Koffer war ja bereits randvoll mit Schmuggler-Kaviar) mache ich mich also auf den Weg zu Sophies Wohnung. Ein paar Mal hatte ich Sie bereits besucht, Ihre Wohnung zu finden sollte also keinerlei Schwierigkeiten bereiten. Ich schiele kurz auf Ihre SMS, in der Sie mir nochmal den Namen Ihrer Metro-Station und den Straßennamen genannt hatte und begebe mich dorthin. An der Station angekommen, laufe ich den bereits bekannten Weg, biege in Ihre Straße ein und entdecke: Das ist gar nicht die Straße, wo Sophie wohnt! In diesem Moment komme ich dann wirklich (bzw. noch mehr) ins Schwitzen. Und es wird auch nicht besser, als ich bemerke, dass ich weder die Möglichkeit auf Internet habe, noch hilfsbereite Freunde in den Katalanern finden werde. Völlig auf mich alleingestellt ziehe ich also mit meinem Kaviar-Koffer und in Strick und Wolle durch die sonnigen Straßen, auf denen in Sommerkleidchen und Sandalen Eis gegessen wird, als ich plötzlich – tatsächlich – und nach nur einer Stunde herumirren vor Sophies Tür stehe.
„Sophie, warum konnte ich Deine Wohnung nicht finden?“ rufe ich.
„Ach, ups. Ich habe ganz vergessen Dir zu sagen, dass ich doch ein paar Straßen weiter gezogen bin“, meint Sophie.
Und ich frage mich, mehr von uns der chaotischere Mensch ist.
Gut – in diesem Moment, in dem ich in winterlicher Montur mit überhitztem, hochroten Kopf und meinem zertrümmerten Koffer so herumstehe – bin ich es eindeutig selbst.
Also richte ich mir mein Gästezimmer ein, spiele mit Sophies Hund und berichte Ihr, was ich in Norwegen erlebt habe. „Jetzt hast Du ja Zeit, Dich davon zu erholen“, lacht Sophie. Ich lache auch. Denn in diesem Moment weiß ich ja noch nicht, dass ich morgen etwas Ärger mit der Polizei in Barcelona bekomme.
Am nächsten Morgen geht Sophie zur Arbeit und ich erkunde entspannt das sonnige Barcelona. Ohne Strickpullover. Dafür aber im sommerlichen Kleidchen. Mit einer Metro-10er-Karte bewaffnet und diesem hervorragenden Liniennetz kann nichts schief gehen, denke ich mir, als ich auf dem Weg zum Treffpunkt bin, an dem Sophie und ich Mittagessen wollen. Ich entdecke eine Metro-Station. Die sieht zwar auf den ersten Blick etwas seltsam aus, aber Metro ist Metro, denke ich mir und freue mich darüber, dass alles endlich so reibungslos läuft. Wie ein normaler Tourist gehe ich durch die elektronische Absperrung und wundere mich etwas darüber, dass ich mein Ticket nicht abstempeln lassen muss, wo das doch bei allen Metro-Stationen so Gang und Gäbe ist. „Voll gut, eine Fahrt gespart“, jubiliere ich innerlich. Und erstarre. Denn ich bemerke ich dass ich mich hier nicht in einer Metro-Station befinde. Nein, hier fahren die Regionalzüge ab. Gut, wenn ich etwas außerhalb von Barcelona sehen will. Schlecht, wenn ich einfach nur zu dem einen Restaurant um die Ecke gelangen will. Und ich will nun mal Letzteres.
Also drehe ich um und will wieder durch die elektronischen Absperrungen zurück. Der Automat zeigt mir an, dass ich mein Ticket zum Abstempeln einschieben muss, was mich dann eine Fahrt von meinem Ticket kostet und ich anschließend in die Freiheit gelange.. „Eine Fahrt zu opfern, obwohl ich doch gar nicht gefahren bin?“ frage ich mich selbst. Und entscheide, dass mir dies schon die Lebensphilosophie meines neuen, schwäbischen Zuhauses ganz eindeutig untersagt. Also schaue ich mich um und klettere so damenhaft und elegant, wie dies in Sandalen und kurzem Sommerkleid eben möglich ist, über diese Absperrung. Ein kleines Kind beobachtet mich mit großen Augen. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn nicht direkt daneben zwei Polizisten stehen würden, die genau das Gleiche tun. Und während alle Katalaner jeden nicht-einheimischen zu meiden scheinen, wollen die beiden Polizisten von mir alles ganz genau erfahren. Es fallen Fragen wie: „Warum sind Sie über die Absperrung geklettert?“, „Wollten Sie damit eine Fahrt unterschlagen?“, „Wissen Sie nicht, wie das Ticketsystem hier funktioniert?“.
„Aber“, falle ich den Polizisten ins Wort, „ich wollte eigentlich in die Metro und habe die Stationen verwechselt. Das ist mir erst aufgefallen, als ich schon durch die Absperrung war. Dann wollte ich wieder raus und da ich nicht gefahren bin, muss ich ja wohl auch nichts zahlen.“ Der eine Polizist entgegnet in rauem Ton: „Signora, niemand verwechselt diese Bahnstation mit einer Metro!“. Daraufhin fange ich an, von meinem bisherigen Urlaub zu erzählen. Davon, wie mein Koffer mehrfach aufgeplatzt ist, wie meine Bank versehentlich mein Konto gelöscht hat, wie ich zu meiner Freundin finden wollte und diese vergessen hat, mir zu sagen, dass Sie inzwischen ungezogen ist.
Vielleicht ist es Mitleid, vielleicht ist es auch meine Stimme, die den beiden in meiner endlosen Erzählung so auf die Nerven geht: Am Ende lassen Sie mich laufen. Und die Fahrt habe ich gespart. Yeah.
Und abends, beim gemütlichen Strandspaziergang, denke ich darüber nach, ob ich vielleicht doch irgendwie ein Adrenalin-Junkie bin. Vielleicht exportiere ich unterbewusst mit Absicht Schmuggelware. Wer weiß, was ich schon – ganz unbewusst natürlich- mit mir herum getragen habe.
„Tsja, vielleicht steht mein Name einfach für Gefahr“ überlege ich und fühle mich ein bisschen wie eine Actionheldin.
In diesem Moment schreit eine Möwe über mir auf und kackt auf meine Schulter.
„Da ist sie. Die überall-lauernde Gefahr“, bestätige ich mich selbst.
Und habe mich mal wieder vollends überzeugt.
Nur das mit dem Gedanken an mich als Actionheldin verwerfe ich wieder.
Kommt grad irgendwie nicht so rüber.
Wegen der Möwenkacke und so.


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Kartoffel-Tamtam oder Johanna verreist Teil 2

 

Allein, allein. Allein, allein.
Das war mein Plan. Ein paar Tage Oslo, weitere Tage Bergen und damit dann also einige Tage, in denen ich ganz und gar auf mich alleine gestellt war. Und nachdem ich also mit demoliertem Koffer, nicht funktionierender Kreditkarte, inaktivem Girokonto und ziemlich leerem Geldbeutel am Stuttgarter Flughafen stand, da musste ich mich doch mal fragen: Dieses „Ich reise jetzt alleine“ – Ding…war das bei mir wirklich so eine geniale Idee?
Wie oft wurde ich schon von Freunden vor heranfahrenden Autos gerettet, weil mir mitten auf der Straße Zweifel kamen: „Hmm..hab‘ ich meinen Schlüssel dabei?“ und ich dies dann noch an Ort und Stelle überprüfen musste. Oder meine Schwestern, die mich schon vor einigen unnötigen Investitionen bewahrten: „Johanna, dieses Kleid hast Du bereits in 3 weiteren Farben in Deinem Schrank!“
Und jetzt sitze ich im Flugzeug, im Bauch heftiges Kribbeln vor Aufregung, auf den Lippen den Song „Allein, allein.“ „Du reist auch allein?“ fragt mich ein blondes, bebrilltes Mädchen zu meiner Linken. „Jap“, antworte ich kurz. „Das erste Mal.“ „Bei mir auch“, meint Sie. Und es stellt sich heraus, dass Sie Conny heißt, dass auch Sie noch nie vorher in Oslo war und  auch kein Gluten verträgt. Ich lächle, denn offenbar war ich plötzlich gar nicht mehr so alleine und scheinbar hatte ich hier eine Seelenverwandte vor mir. „Also, ich habe für den Notfall mal schon ein paar Euro in Norwegische Kronen getauscht, habe den aktuellen Währungskurs recherchiert und meine Kreditkarte habe ich auch noch eingepackt“ berichtet Sie mir. Und den Gedanken mit der Seelenverwandtschaft verwerfe ich sofort wieder.
„Ähh..ja…ich auch“, erwähne ich schnell. Sie muss ja nicht wissen, dass ich aktuell quasi pleite bin und mich mit geliehenem Geld in eine der teuersten Städte der Welt traue. „Nun“, denke ich dann. „Sie kennt mich ja nicht. Das eröffnet mir die Chance, mal so zu machen, als hätte auch ich alles im Griff!“
Dieser Plan findet am Gepäckband jedoch ein jähes Ende. Zunächst erblickt Conny Ihren Koffer. Ein nigelnagelneuer Markenkoffer, verschlossen mit zusätzlichen Kofferbändern, gesichert mit einem Zahlenschloss und markiert mit einem übergroßen, pastellrosa Kofferanhänger mit Ihren fein-säuberlich – in Schreibschrift – eingetragenen Daten. Sie nimmt dieses Prachtexemplar von Reiseutensil vom Band und meint „Ich denke, wer an Dingen wie Koffern und Taschen spart und Sie nicht ausreichend schützt, muss sich nicht wundern, wenn was verloren geht!“ Dann lacht Sie und zeigt auf einen heranfahrenden Koffer, der offensichtlich genau dem entspricht, was für Sie als Gepäckstück keinesfalls zu rechtfertigen ist. „Der zum Beispiel!“
Dieser Koffer sieht offensichtlich ziemlich mitgenommen aus, schwarz und voller Kratzer, eine Rolle ist eingedellt und die Risse am Koffer wurden nur notdürftig mit Gaffa-Tape zusammengehalten.
Es ist mein Koffer.
Ich hebe ihn vom Band. Connys Blick ändert sich abrupt von amüsiert in gravierendes Mitleid. Und ich mache so, als würde mir dies nicht auffallen. „Anstand hat Sie ja“, denke ich. Denn Conny lässt keinen einzigen weiteren Kommentar zu meinem etwas dürftigen Gepäckstück fallen. Auch nicht während des langen Weges zu der Bahn, auf dem mein Koffer (dank der eingedrückten linken Rolle) unerträglich laut über den Boden rutscht. Und auch, wenn Sie hin und wieder etwas pikiert und zweifelnd auf das rollend-quietschende Etwas hinter mir schielt, scheint Sie doch nicht zu sehr abgeschreckt, denn wir verabreden uns gleich für den nächsten Morgen zum Frühstück. Ich denke, eine gute Gelegenheit, um mal zu schauen, ob wir doch noch irgendwelche Gemeinsamkeiten haben.
„Ich will möglichst alle Museen sehen, vor allem dieses fan-tas-tische Technikmuseum!“, meint Sie Euphorisch bei frischem Kaffee und warmen Kanelbullar. „Gestern habe ich schon ein Drittel davon geschafft! Und welche Museen interessieren Dich besonders?“ Da denke ich unweigerlich an meinen gestrigen Weg Richtung Schifffahrtsmuseum, das man wohl unbedingt gesehen haben muss. Kurz vor dem Eingang habe ich allerdings einen Second Hand Shop für Norwegerpullover entdeckt. Gerne kann man sich an dieser Stelle selbst ausmalen, wie wohl der weitere Tagesablauf von mir aussah.
In jedem Fall sitze ich nun beim Frühstück, in der einen Hand der Kaffee und neben mir auf dem Stuhl, meine neue Norwegerweste mit passendem Schal.
„Och, was Museen angeht fällt die Auswahl hier sooo schwer“, entgegne ich. Sie muss ja nicht wissen, was für ein Kulturbanause in mir steckt. „Aber was machst Du denn sonst so?“, wechsle ich schnell das Thema, bevor Sie mich fragt, ob ich mit Ihr in dieses komische Technikmuseum gehe! „Ich tanze viel Ballett“, meint Conny. Ach, doch noch eine Gemeinsamkeit. „Ich habe das auch gemacht, bis ich 16 war“, erkläre ich und bin froh, von diesem Museums-Thema weggekommen zu sein. „Fan-tas-tisch!“, strahlt Sie. „Tanzt Du auch nach den Richtlinien der Royal Academy of Dancing? Oder tanzt Du gar nicht in englischem Stil? Ihr habt in Eurer Ballettschule aber nicht die Vaganova-Methode angewendet? Und sag mal, hast Du auch so Probleme beim Rond de jambe en l’air? Manchmal klappt´s ja, aber spätestens wenn ein Temps levé sauté mit anschließendem Soutenu kommt, bin ich oft raus. Das ist doch manchmal so schwer. Oder? Oder?“ Ich antworte nur kurz: „Ja, dieses Soutenu. Immer dieses Soutenu“, rolle theatralisch mit den Augen und seufze laut, um zu demonstrieren, wie sehr mich dieses Soutenu schon angestrengt hatte. Natürlich ohne zu wissen, was dieses „Soutenu“ genau sein soll. „Klingt irgendwie nach einem Kartoffelgericht“, denke ich im Stillen.
Doch Kartoffelgerichte hin oder her, nach diesem Gespräch ist für mich klar: Die restliche Zeit in Oslo werde ich ohne Conny verbringen. Und ohne Conny verging diese Zeit dann auch plötzlich wie im Flug.
Also sitze ich – viel zu schnell – wieder im Flugzeug, breite meine Sachen aus und mache es mir bequem (diesmal hatte ich keinen Platz am Notausgang erwischt). Ich bin entspannt. Ich fliege hin – ins wunderschöne Bergen. Und weg von Conny und Ihren Ballett-Gesprächen.
Da ertönt plötzlich eine Durchsage der Stewardess: „Leider verzögert sich unser Abflug um einige Minuten. Wir haben Probleme mit der Gepäckverladung.“ Alle Mitreisenden stöhnen laut auf. Aus gruppendynamischen Gründen beteilige ich mich direkt daran. Die Stewardess fährt fort: „Ein schwarzer Hartschalenkoffer ist aufgeplatzt, die Crew versucht ihn wieder zu schließen. Der Koffer war bereits stark beschädigt und wird von Gaffa-Tape zusammengehalten.“
Und während ich tiefer und tiefer in meinem Sitz versinke und dabei überlege, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass die Stewardess nicht meinen schwarzen Hartschalenkoffer mit Gaffa-Tape-Verschnürung meinte, wünsche ich, ich sei wieder bei Conny.
Meinetwegen auch zu Ballettgesprächen und einer ordentlichen Portion Kartoffel-Soutenu.


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Gesetzestreue oder Johanna verreist Teil 1

 

Murphys Gesetz besagt: Alles was schiefgehen kann, geht auch schief. Ich kenne Leute die rufen „Arrgh, Murphys Gesetz!!“ wenn Sie sich einen Nagel abgebrochen haben und partout keinen Termin für den gleichen Tag in Ihrem Nagelstudio bekommen. Obwohl’s doch ein Notfall ist.
Ich kann bei solchen Vorfällen nur lachen.
„Ach komm, als hättest DU immer so ein Pech“, zweifelt mein halber Bekanntenkreis an meiner These, dass Murphys Gesetz einfach einer Kurzbeschreibung meines Lebens entspricht.
„Sicher ist auch einiges in Deinen Kolumnen frei erfunden, Johanna“, meint mein Kollege Michael und wird direkt von Stefan ergänzt: „Die Johanna übertreibt halt gerne mal“.
Und ich frage mich: Übertreibe ich wirklich so sehr? Habe ich vielleicht gar nicht so viel Pech? Und ist mein Leben am Ende gar nicht so chaotisch, wie es mir so oft vorkommt?
Den ganzen Tag beschäftigten mich diese Fragen. Beim Joggen im Rosensteinpark. Beim Backen der Kirschmuffins für den nächsten Tag. Auch bei der Entfernung des frischen Kirschflecks auf meinen neuen weißen Sneakers, den ich versuche mit einem Lappen zu entfernen – der offensichtlich vorher in einem Glas Erdbeermarmelade hing. Am Ende begutachte ich also meine ehemals weißen, nun aber zum Teil rosa-glänzenden Sneakers und denke unweigerlich wieder: „Da ist es! Murphys Gesetz!!“
Nein, ich kann Murphy jetzt auch echt nicht alles in die Schuhe schieben!
Also beschließe ich, zukünftig nicht mehr so voreingenommen zu sein und zu denken, dass bei mir immer das pure Chaos ausbricht. Es muss ja auch nicht immer alles schiefgehen! Vielmehr konzentriere ich mich auf meinen bevorstehenden Urlaub, meine erste Reise so ganz alleine und freue mich über eine entspannte Zeit in Norwegen.
Diese positive Denkweise verschwindet auch dann nicht, als meine Bank anruft und mir mitteilt, dass Sie meine PIN für die neue Kreditkarte leider verloren hat und ich somit erst in einigen Wochen eine neue (funktionierende) Kreditkarte besitzen werde. „Kein Ding!“ grinse ich, denn ich hatte vorgesorgt und eine weitere Kreditkarte zuhause liegen – extra für den Notfall. Ich lache erleichtert. „Na also, alles unter Kontrolle“. Bis ich merke, dass ich diese Kreditkarte erst freischalten muss: „Ganz einfach“, erklärt mir mein hilfsbereiter und freundlicher Kundenberater. „Sie brauchen dazu einfach nur die Android oder iOS App. Was haben Sie für ein Smartphone? iPhone? Samsung?“ „Mal angenommen, ich hätte ein Windowsphone. Wäre das schlecht?“ frage ich vorsichtig nach und denke an die mahnenden Worte meiner Kollegen vor dem Kauf dieses Gerätes. „Ja, das wäre schlecht“, erklärt mir der Kundenberater. Und ich finde ihn plötzlich gar nicht mehr so sympathisch. „Wir können sie auch anders freischalten, das dauert dann aber 1-2 Wochen.“
Also auch keine Plan-B-Kreditkarte im Urlaub. Und gerade als ich herausbrüllen will, warum ich eigentlich immer so ein Pech habe, halte ich doch lieber inne – und verschweige vor meinen Kollegen die Tatsache, dass mir mein Windowsphone wieder ein Stückchen Lebensqualität geraubt hat. Stolz und so.
Ich gebe mir alle Mühe und grabe schnell wieder diese Gelassenheit und die positive Einstellung hervor, die ich doch von jetzt an immer bei mir tragen will. „Ich habe immer noch mein Geld auf dem Konto“, lächele ich beruhigt, stehe vor dem Geldautomaten, um mir genügend Bargeld für den Start in den morgigen Urlaub abzuheben und – ich habe keinen Zugriff mehr auf mein Konto.
Meine Gelassenheit ist plötzlich nicht mehr wirklich vorhanden. Und sie kommt auch dann nicht zurück, als mein Bankberater mir am Telefon erklärt: „Natürlich haben Sie keinen Zugriff auf Ihr Konto. Ihr Konto wurde gestern gelöscht!“.
Das war es mit der Gelassenheit und der positiven Einstellung. Dafür stieg eine etwas ungesund aussehende Blässe in mein Gesicht – gefolgt von ein wenig Übelkeit und ziemlich panischen Blicken. „Wo ist denn dann mein ganzen Geld?“ frage ich den Berater. Im Hintergrund hatten sich nun einige Kollegen versammelt, um das Schauspiel mitzuerleben. Ich denke, der ein oder andere hätte sich dazu eine Tüte Popcorn gewünscht.
„Wo Ihr Geld ist? Das kann ich Ihnen leider gerade auch nicht sagen. Wir finden es heraus und melden uns dann wieder bei Ihnen!“.
Und während ich in meinem Geldbeutel krame und überlege, ob ich wohl eine Woche in Norwegen mit 5,45 € (immerhin in Bar!) überleben kann, schüttelt mein Kollege Uli den Kopf und fragt mich (mit etwas Besorgnis in der Stimme): „Und du bist dir sicher, dass DU alleine verreisen willst?“.
Auch meine restlichen Kollegen erkennen nun den Ernst der Lage (und scheinen verstanden zu haben, dass ich tatsächlich ein Leben nach Murphys Gesetz führe), zücken direkt Ihre Geldbeutel und richten umgehend einen „Johanna-ist-pleite“-Fond ein. Ich bin gerührt. Und mir kommen wirklich die Tränen. Ein bisschen vor Rührung. Und ein bisschen, weil mir dann gerade einfällt, dass ich den ganzen Abend damit zubringen muss, meinen gebrochenen Hartschalenkoffer mit Gaffa-Tape einzuwickeln…der ist mir nämlich einen Tag zuvor die Treppe herunter gefallen).
Und nun? Nun sitze ich pleite aber ziemlich glücklich, mit meiner Handtasche – voller Proviant – bewaffnet im Flugzeug und freue mich auf ein wenig Entspannung. Was sollte da auch jetzt noch kommen?!
„Entschuldigung“, stört mich die Stewardess und demonstriert mir sogleich, dass da wirklich noch was kommt. „Sie sitzen am Notausgang, deswegen dürfen Sie nichts bei sich auf dem Sitz haben!“.
„Gar nichts?“
„Gar nichts!“
„Na gut“ gebe ich mich geschlagen, verstaue meine Handtasche im Fach über meinem Sitz und schiebe schnell und heimlich noch eine Packung Kekse unter meinen Pullover.
Vorwurfsvoll schaut mich mein Sitznachbar an, als hätte er gerade das Verbrechen seines Lebens beobachtet.
Wenn er wüsste, dass ich mit Geld aus einem Mitleids-Fond, einem provisorisch zusammengeklebten Koffer und halb verfärbten Schuhen reise – er hätte mir die illegale Packung Kekse sicher gegönnt.
Besonders weil ich doch sonst so Gesetzestreu bin.
Nicht wahr, Murphy?

 

 

Eingefädelt!

Natürlich sollte man im Leben immer nach vorne blicken. Manchmal ist man aber auch dazu genötigt, zurück zu sehen. Ganz besonders, wenn man, wie ich, regelmäßig eine Kolumne schreibt, die ganz eindeutig festhält, was man macht, wer man ist und wie das eigene Leben gerade so mit einem umgeht.
„Weißt Du Johanna“, meint Chris, der Verlobte meiner Freundin Laura, vor kurzem lachend, „ich lese Deine Kolumnen echt gern. Aber wenn man sich die mal in der Gesamtheit betrachtet, fragt man sich doch immer: „Wo ist da bei dir der rote Faden? Du läufst im Zickzack durchs Leben…und rennst dabei immer irgendwo dagegen!“
Tsja, wo ist bei mir der rote Faden? Ich weiß es, zugegebenermaßen, selbst nicht so genau.
Da ist z.B. meine Freundin Joanna, die sich voller Hingabe mit Leib und Seele für eine studentische Organisation engagiert. Selbst in der Freizeit ist Sie immer auf Akquise-Mission und schafft es scheinbar problemlos, mein verloren gegangenes Handy zu suchen, dabei einen Aperol Spritz zu schlürfen und ganz nebenbei Kontakte zu knüpfen, Infos auszutauschen und mitten in der Nacht in der Tequila-Bar so mirnichtsdirnichts irgendwelche Studenten an irgendwelche Unternehmen in irgendwelchen Städten zu irgendwelchen Workshops zu vermitteln. Ich bin immer etwas beeindruckt von dieser Gradlinigkeit und Wünsche mir dann auch so viel Struktur. Einen ganz eigenen roten Faden eben.
Oder meine Freundin Laura, die immer so schön durchdacht am Planen ist und dann – To Do-Listen-Mäßig – alles abzuhaken scheint. Sie hat sich mit Ihrem Verlobten selbstständig gemacht, arbeitet nun fleißig am Erfolg mit und baut sich dabei (schön geregelt eben) eine Wohnung, eine Familie, …also ein ganz geordnetes Leben auf. Und wenn Sie davon erzählt, wie viel Arbeit vor Ihr liegt, wohin das Unternehmen wachsen soll und was noch alles dafür getan werden muss, dann denke ich unweigerlich daran, dass ich es noch nicht einmal innerhalb einer Woche geschafft habe, meine Pflanzen zu gießen.
Ja, der rote Faden. Man möchte meinen, er sei erblich. Ist er aber nicht. Denn während meine Mama Ihrem roten Faden mit Begeisterung folgt, ihr Cateringunternehmen auf- und ausgebaut hat und nun – zur Krönung – Ihren Meistertitel erworben hat, kann ich nur hinter der Tür, unterm Bett oder im Schrank nachschauen, in der Hoffnung, dass er da irgendwo liegt, mein eigener roter Faden.
Selbst mein Papa hat einen roten Faden. Der besteht darin, immer über die anstrengenden Griechenlandurlaube mit seinen Freunden und deren verehrende Skatkünste zu meckern. Um dann zum Skatspielen im kommenden Jahr wieder mit ihnen in Urlaub zu fahren.
Ja, auch das ist ein roter Faden.
Und ich sitze hier, auf meinen Holzstuhl und überlege wirklich angestrengt, wo er sich nun versteckt, dieser rote Faden. Um ihn zu finden, müsste ich wohl erst einmal überlegen, ob sich in meinem Wirrwarr überhaupt ein Faden spinnen lässt: Zwischen meinem aufreibendem Schauspielunterricht und meiner Leidenschaft für die ruhige Arbeit an meiner kleinen Nähmaschine, zwischen meiner Kolumne und meinen Jogging-Einheiten, zwischen meiner Zeit bei Replay und beim Verlag und bei einem Startup und einer Werbeagentur mit immer grundverschiedenen Aufgaben, zwischen meiner Liebe zu Tieren und dem Hass gegenüber Eichhörnchen und Marienkäfern, zwischen meiner Präferenz für Maultaschen mit Zimt und Zucker und meinem Ekel vor Schokolade mit Minze, zwischen meiner pfälzischen Verwurzelung in Schwäbischen Gefilden und meiner Art „Friche Fiche“ zu sagen, dafür dann aber „Schemie“.

Dass ich offensichtlich keinen roten Faden habe, ist echt traurig. Oder ist gerade das mein roter Faden?
Mir bleibt nichts anderes übrig, als damit zu leben und diese Kolumne hiermit abzuschließen.
Und während ich – doch etwas enttäuscht – durch mein Zimmer schaue, bleibt mein Blick an meiner Kleiderstange hängen. Mir fällt mein Blazer auf. Er ist rot und hat deutlich sichtbar eine eingerissene Naht. Und dort entdecke ich Ihn dann doch, wie er da aus der offenen Naht baumelt:
Der rote Faden. 
Mein roter Faden.
Und niemand hat gesagt, dass der nicht auch einfach mal aus billigem Material bestehen und industriell gefertigt sein darf.


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Schachmatt!

Ich sitze also hier und schreibe an meiner Kolumne. Vor mir der Laptop. Unter mir, am Fußende, einer meiner vielen vorrätigen Kühlakkus.
Ja, ich brauche oft Kühlakkus…und dies auch meistens für mich selbst. Quetschungen, Prellungen, Blutergüsse, Schürfwunden, Risse und Schnittwunden – all dies sind tägliche Begleiter in meinem Leben. Sieht man an meine Knie, fällt schnell auf: Eine Narbe neben der anderen. Sogar ein blauer Punkt ist dabei, von damals, als ich mit Bleistift etwas zeichnen wollte und die Spitze des Stiftes statt auf dem Blatt in meinem Knie landete.

Wie sowas passieren kann? Ich weiß es nicht genau. Denn ich schwöre, hoch und heilig, dass ich immer mit äußerster Vorsicht durch Leben laufe. Mit äußerster Vorsicht. Aber auch mit zwei linken Händen, dem Kopf voller Gedanken. Manchmal mit einer Gabel, die ich vergesse wegzulegen. Und manchmal laufe ich einfach los, ohne vorher das Licht anzumachen.
Aber alles mache ich immer mit Vorsicht!
Vielleicht gibt es ein bisher noch unerforschtes Tollpatsch-Gen, dem ich einfach nicht entkommen kann? Dieser Überlegung gehen mein engstes Umfeld und ich schon länger nach.
Ich denke schon seit jenem Tag, in meiner Zeit in der Grundschule, als ich die erste Kerze auf dem Adventskranz anzünden durfte. Alles klappte prima. Und dann stelle ich den Kranz auf den Tisch.
Ich strahlte vor Stolz. Und alle meine Freunde starrten mich an. Vor Ehrfurcht, dachte ich. Aber es lag wohl eher an meinen brennenden Haaren.
Merkwürdig daran ist in erster Linie, dass dies eine Tradition war, die bisher immer von Mädchen mit langer Wallemähne fortgeführt wurde. Und bei denen ist – bis auf die Kerze –  nie etwas in Brand geraten. Und kaum kommt ein Mädchen mit Kurzhaarfrisur und Latzhosen daher, muss die Adventstradition abgeschafft werden.

Mysteriös wurde es dann auch, als ich mit meinen Klassenkameradinnen in der 5. Klasse draußen im Pausenhof das erste mal Riesenschach spielte.
Bis zu jenem Tag galt dieses Spiel als Form von intellektueller Bildung und diente der Konzentrationsfähigkeit.
Nach jenem Tag zählte es zu den risikoreichsten Spielen der ganzen Schule.
Ich begann mit dem ersten Schachzug – in bester körperlicher Verfassung (über meine geistige Verfassung streiten sich Freunde, Bekannte und meine Familie seit Jahren) und beendete das Spiel mit zwei verstauchten und einem gebrochenen Finger, sowie mehreren tiefen Schürfwunden an Kinn, Ellenbogen und Stirn.
Wie ich das geschafft habe? Ich weiß es nicht. Und auch für die Schule ist dies ein bisher fast unerklärtes Rätsel.

Als ich meinen Job in einer Werbeagentur in Stuttgart angetreten bin, habe ich natürlich auch Kollegen von diesem gewissen Extra berichtet, dass ich in die Agentur miteinbringen werde.
Alle haben gelacht.
Jetzt lachen Sie nicht mehr.
Inzwischen gucken Sie schon fast nicht mehr hoch, wenn Sie hören, dass der schmerzverzerrte Schrei aus der Küche von mir stammt.
Ich verlange auch inzwischen gar nicht mehr, dass man sich größere Sorgen macht. Denn ob brennende Haare beim Adventssingen im Kindergarten oder gebrochene Finger nach einem Schachspiel…ich habe bisher alles ziemlich gut überstanden!
Vielleicht ist es gar kein Tollpatsch-Gen, das da in mir schlummert!? Vielleicht ist es nur die tägliche, unbewusste Demonstration an meine Mitmenschen, wie hart ich doch im Nehmen bin?
Das denken auch bestimmt meine Kollegen!
Denn dann, als mir plötzlich eine Holzkiste, mit einer vollen Weinflasche im inneren, auf den fast nackten Fuß fällt, mir die Kante der Kiste einen Teil der Zehen aufgeschlitzt, die eine Hälfte des Fußes anschwillt und die andere Hälfte in kürzester Zeit in einem maritimen Blau erstrahlt – kommt lediglich mein Kollege Rolf auf mich zu und fragt trocken: „Ist die Weinflasche noch heil?“

Nachdem mein Fuß nach einer Rundumkühlung noch immer den Eindruck macht, als gehöre er eher zu Shrek als zu mir, begebe ich mich doch mal zum Arzt. Klar, ich weiß es nun, ich bin hart im Nehmen. Aber ob das auch auf meinen Knochenbau zutrifft, kann ich jetzt so nicht unbedingt beschwören.
Und während ich untersucht werde, überlege mir schon mal, was ich auf unsere Dokumentationsliste für Arbeitsunfälle eintragen könnte…und ob da neben „Johanna fällt über Ihren Ventilator und fügt sich dabei eine Schürfwunde zu“ und „Johanna knallt die Kühlschranktür zu und vergisst dabei, Ihre linke Hand rechtzeitig herauszuziehen“ überhaupt noch Platz ist…?

„Sie arbeiten sicher mit schweren Maschinen?“ fragt der Stuttgarter Arzt, als er sich den blutenden, blauen und gequetschten Fuß anschaut.
„Ähm, nee. Ich arbeite in einem Büro“ erkläre ich.
„Die hedd so oi Verledzung vo der Gschäft im Büro“ raunt die eine Arzthelferin im Hintergrund der anderen Arzthelferin zu.
Ich habe nicht verstanden, was das heißt.
Aber ich bin mir sicher, es muss sowas gewesen sein wie:
„Wow, die ist wirklich hart im Nehmen“.


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