Hallo, katholischer Seepferdmann

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„Ich hab‘ da so ’ne Theorie“, sage ich oft. Und die Leute seufzen. Denn meist wissen sie, was dann kommt. „Du und Deine irrsinnigen Theorien“ bekomme ich nicht selten zu hören. Und doch sind mir meine Ideen und Vorstellungen, wie etwas funktionieren kann, wahnsinnig wichtig.
Nicht selten werde ich wirklich sauer, wenn ich etwas nicht verstehe und muss dann solange darüber nachdenken, bis ich meine eigene (wenn auch manchmal etwas abstrakte und…naja…nennen wir es „kreative“) Erklärung dafür gefunden habe. „Ich halte es für essentiell“ freue ich mich, nicht zuletzt, weil ich dieses hochtrabende Wort endlich mal in einem meiner Sätze unterbringen konnte, „ja, für ESSENTIELL (wow, gleich zweimal) dass man sich Fragen stellt und dann zu seinen eigenen Erklärungen findet!“ Meine Freundin Laura lacht auf. Und ich ahne warum. „Echt jetzt, Johanna?“ grinst Sie mich an. „Ich erinnere Dich ja nur ungern an diese „Rückwärtsgang-Theorie“ von Dir.“ Und wie das eben mit der eigenen Welt so ist, man wird viel zu oft und viel zu abrupt aus ihr herausgeholt. Meist von den eigenen Freunden. „Ja…dieser Rückwärtsgang“ murmele ich. Und werde an den kleinen Haken erinnert, den es nun mal gibt, wenn man sich seine eigene Theorie zurecht legt: Denn es ist nun mal so, dass ich schon früh angefangen habe, eigene Theorien zu finden. Sehr früh. Und so kam  es, dass ich mich eines schönen Tages auf der Rückbank unseres Familien-Vans plötzlich fragte, wie es eigentlich klappt, dass ein Auto plötzlich rückwärtsfuhr. Wo es doch sonst durch das Betätigen des Gaspedals normalerweise ausschließlich vorwärts fährt. „Papaaaa“ rief ich damals mit aufgeregter Qietschstimme in Richtung Fahrersitz, um meine Frage direkt loszuwerden. Aber Papa war konzentriert und deshalb beobachtete ich lieber genau, anstatt ihn zu nerven. Und so sah ich, wie wir in unsere Straße einbogen und Papa in eine ziemlich kleine Parklücke wollte. Ich sah, wie er das Radio leiser drehte und erkannte im Rückspiegel sein hochkonzentriertes Gesicht. Er legte seine Stirn in Falten und – langsam aber stetig – fuhren wir rückwärts. Da war es für mich klar: Wenn man nur ganz intensiv daran dachte, fuhr man Rückwärts. „Nicht schlecht, Johanna Einstein“, lobte ich mich innerlich selbst, stieg, nachdem das Auto eingeparkt war, aus und war mir sicher, dass mir in dieser Welt niemand etwas vormachen würde.
Und – um nun auf den Haken meiner Theorien zurückzukommen: Ist in meinem Kopf einmal eine Theorie entstanden, fällt es mir sehr schwer, sie wieder loszulassen. Ganz besonders, weil sich eine Problematik mithilfe der Theorie in Luft aufgelöst hat und ich somit nie wieder über das ursprüngliche Problem nachdenke. Und deswegen bestand ich auf meiner Rückwärtsfahr-Theorie. Mit 5. Mit 6. Und mit 16.
Und selbst, wenn jemand daher kommt und meine Theorien widerlegen kann (wie bei der genannten Theorie spätestens in meiner ersten Fahrstunde geschehen) so hat ein Teil von mir diese eigene Erklärung so verinnerlicht, dass Sie immer noch in meinem Kopf herumschwirrt.
Und so kommt es auch, dass ich, wenn jemand von Dortmund redet, zu allererst an die Türkei denke. Denn schließlich war Erkan aus meiner 1. Klasse, gebürtiger Türke, überzeugter Dortmund-Fan. So musste diese Stadt ja irgendwo in der Türkei liegen. War ja wohl klar!
Und noch heute bin ich, ganz tief im inneren, verwirrt, wenn mir ein Mann sagt, er sei Evangelisch. Natürlich bin ich da verwirrt, hatten doch meine Eltern (Vater Katholisch, Mutter Evangelisch) ausgehandelt, alle ihre Mädchen Evangelisch zu taufen und die Jungs Katholisch (meine Mutter schien geahnt zu haben, dass Sie nur Mädchen bekommt). „Kommt eben auf das Geschlecht an“. So habe ich mir damals die unterschiedliche Religion erklärt.
Und dann telefoniere ich. Mit Jan. Und rede mit ihm über die verrückten Delikatessen Asiens. Er berichtet von Fischaugen und frittierten Skorpionen, von gebratenen Spinnen und sonstigem zubereiteten Krabbeltier. Doch erst bei dem Kommentar „und es gibt auch Seepferdchen am Spieß“ stockt mir der Atem. „Sowas geht ja gar nicht“, meine ich schockiert und erkläre: „Seepferdchen sind ganz entzückende und hilfsbereite Geschöpfe. Wusstest Du, dass das die einzigen Lebewesen sind, bei denen der Mann die Kinder bekommt?“ „Wie das wohl so gekommen ist?“ fragt Jan. Und ich überlege, denn ohne passende Antwort möchte ich uns beide auch an dieser Stelle nicht zurücklassen.
„Irgendwann kam ein männliches Seepferd zum weiblichen Seepferd und hat gesehen, wie viel Arbeit das ist, die Sache mit dem Kinderkriegen. Der Seepferdmann hatte einen besonders guten Tag und sagte leichtfertig zu seiner Frau „Komm mal her, Frau. Ich übernehm‘ das mit den Kids für Dich“. Die Seepferdfrau nahm ihn beim Wort, diesen Gentlemenseepferdmann. Und da dann alle anderen Seepferdmänner auch Gentlemen sein wollten, taten Sie es diesem Seepferdvorreiter gleich. So ist das damals passiert.“
„Ahhhh ja“ meint Jan und klingt dabei nicht sonderlich überzeugt. „Seltsame Theorie“.
„Schon“, bestätige ich. „Aber eine Theorie ist so lange korrekt, bis Sie widerlegt wird“ zitiere ich meinen naturwissenschaftlich-interessierten Freund René.
„Und ich bin auf den Tag gespannt, an dem Du mir beweisen kannst, das Seepferdmänner keine Gentlemen sind. Erst das macht meine Seepferdtheorie zu Nichte.“
Ich stelle mir ein Beweisvideo vor, indem zu sehen ist, wie ein Seepferdmann mit einer Bierflasche in der Flosse zu einem Seepferdmädchen sagt „Babe, ich hol‘ grad nur mal Zigaretten“ und dann auf seinem Motorrad davondüst.
Oh. Wie mir diese Seepferdtheorie einfach für immer sicher ist!


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/waderockett/202790109

 

WEIHNACHTLICHE GESCHWISTERLIEBE

Ich schaue in den Spiegel und stelle fest: Es ist bald Weihnachten! Woran ich das festmache? Auf jeden Fall mal nicht an dem ganzen Weihnachtsgebäck in den Supermärkten, die stehen schließlich inzwischen schon ab Juli griffbereit. Ich merke es vielmehr an dieser extreme Blässe meines Spiegelbildes, die man schon nicht mehr als “vornehm” bezeichnen kann. Die Beschreibung “leicht kränkelnd” passt da schon eher. Eben jene Blässe ist immer ein untrügliches Zeichen dafür, dass mir der Sommer schon seit längerem den Rücken gekehrt hat.

Weihnachten also. Der Segen einer Großfamilie wird in dieser Zeit zum reinen Hindernislauf. Familienfeste, Essen ohne Unterlass und nicht zuletzt der Geschenkewahnsinn, denn ich muss für jede meiner Schwestern (und das sind viele) das passende Geschenk finden. Aber noch nicht einmal die bevorstehende Geschenkesuche macht mir so sehr zu schaffen, wie die große Frage aller Fragen: In welche feinen Stoffe und Schnitte soll ich mich dieses Jahr zu Weihnachten hüllen?

Das mag jetzt sehr oberflächlich und eitel erscheinen, aber nur für Jene, denen meine Weihnachtshistorie unbekannt ist. Zu dieser feierlichen Gelegenheit gab es bei mir nämlich schon zahlreich sehr traurige, unglaublich grenzwertige Fehlgriffe in Sachen Outfit – und davon gibt es natürlich reichlich Bildmaterial. Meine Schwester Martha ist mit ihrer Kamera an Weihnachten aber auch immer zur falschen Zeit am falschen Ort und knippst unermüdlich jeden Weihnachtslook, den ich offensichtlich im Dunkeln und im Halbschlaf herausgesucht hatte. Anders ist dieses optische Desaster niemals zu entschuldigen!

Marthas fatale Bilder werden dann sogleich in familieneigenen Weihnachtsalben veröffentlicht und herumgereicht. Das Recht am eigenen Bild? Meiner Familie gänzlich unbekannt! Wenn man in diesen “Weihnachtsalben des Grauens” (wie ich sie liebevoll nenne) blättert, sieht man zum Beispiel Weihnachten 2009: “Johanna, neben dem Christbaum, im unvorteilhaften, goldenen Ballonkleid mit Pailletten.” Ob es sich bei diesem glänzenden Etwas wirklich um mich oder nicht etwa um eine verirrte, leicht zu groß geratene Weihnachtskugel handelt, ist da nicht so recht zu erkennen. Gruseliger ist da schon Weihnachten 2011: „Johanna am Esstisch in hellrosa Rollkragenpullover, beiger Röhrenhose und High-heels in pudrigem Rosé.“ Klar, ein Traumoutfit, wenn man, gesund gebräunt, abends durch Sizilien bummelt. Ein Albtraum jedoch, wenn man sich leichenblass direkt neben den fetten, gebeizten, hellrosa-schimmenden Lachs platziert, der an diesem Abend mein potentieller Zwilling hätte sein können.
Wie man es dreht und wendet: Zu keinem der Outfits wurde ich gezwungen und auch nicht für das Tragen bezahlt. Auch eine Wette habe ich nicht verloren. Ich hatte einfach scheinbar in besagten Jahren nicht wirklich Zeit, mein Outfit in Ruhe zu überdenken. Aber es ist auch nicht so einfach, mit dem perfekten Weihnachtslook! Man will allem gerecht werden. Der lieben Omi, die das brave, kleine Enkelchen erwartet. Den Schwestern, die sich richtig in Schale schmeißen und man optisch natürlich nicht hinten anstehen möchte. Dem Hund, der (warum auch immer) auf alle Grüntöne höchst aggressiv reagiert (das erklärt auch den überfüllten und übertrieben dekorierten Christbaum jedes Jahr). Sich selbst und nicht zuletzt: Der Tatsache, dass Weihnachten etwas besonderes ist und man dies durch sein Äußeres honorieren möchte.

Doch dieses Jahr werde ich wohl bewusst zu etwas dezenterem greifen, das auch neben Weihnachten und Fasching vorzeigbar ist. Ich werde versuchen, weder als Weihnachtsdeko noch als eineiiger Zwilling einer besonders unattraktiven Festtagsspeise zu erscheinen. Wie genau mein perfektes Weihnachtsoutfit in diesem Jahr aussehen wird? Das kann ich leider noch nicht sagen. Aber das perfekte Weihnachtsgeschenk für ein Familienmitglied, das habe ich bereits gefunden! Und wenn dann meine Schwester Martha unterm Baum das einzigartige, goldene Ballonkleid mit Pailletten von Weihnachten 2009 unterm Baum hervorzieht, dann werde ich direkt lauthals um eine Modenschau bitten. Und die Kamera halte ich dabei immer griffbereit. Weihnachtsalbum 2013, Du wirst dieses Jahr wunderbar prall gefüllt sein, meine Familie wird sich noch bis Ostern köstlich amüsieren und mir bleibt nichts anderes zu sagen als:
„Frohe Weihnachten, Schwesterlein!“

 


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/pixelrn/1906510899