Vorglühen

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Da stehe ich so am Bügelbrett und denke nach.
Ich denke darüber nach, dass wir einfach schon wieder ein neues Jahr haben. Und – trotz diesem ganzen „Yeah-im-neuen-Jahr-wird-alles-so-super-genial“ Quatsch – möchte ich das letzte Jahr nicht einfach so an mir vorbeiziehen lassen. In dieser Zeit, wo wir einfach nur auf den nächsten Tag, das nächste Wochenende, die nächste Party oder das nächste Jahr hinfiebern, kann man doch ruhig mal innehalten und schauen, was man in der Vergangenheit so alles erreicht hat, welche Probleme man bewältigen konnte, welche Freunde man gefunden hat oder welchen Träumen man einen kleinen Schritt näher gekommen ist.
Und so bügele ich die Falten aus meiner dunkelgrünen Lieblingsbluse und strahle bei dem Gedanken an diese wunderbaren Zeiten in 2015. Wie zum Beispiel meine Reise ganz alleine, die ich, trotz gerissenem Koffer und gelöschtem Bankkonto, gemeistert habe. Ich werde von Stolz erfüllt, als mir bewusst wird, dass ich es geschafft habe, 2 Wochen ohne Kaffee zu überleben – ohne körperlichen und nur eingeschränkt geistigen Schaden zu erleiden. Ich habe in dem vergangenen Jahr gelernt, auch einmal „nein“ zu sagen. Auch wenn nur auf die Frage, ob ich so einen Kaffeeentzug nochmal auf mich nehmen würde. Ich schaffte es, mich in der heutigen Zeit zu orientieren – nur mit einem Windowsphone gewappnet – und habe die Geburtstagsparty von meinem Freund Nick trotzdem und nach nur einem halbstündigen Irrlauf durch Bad Cannstatt gefunden. In Cannstatt gibt’s echt tolle Ecken. Wusste ich vorher auch noch nicht. 2015 habe ich gelernt mit Verlusten umzugehen: Nein, Verbotene Liebe kommt nie wieder. Es wurde tatsächlich abgesetzt.
Und nicht zuletzt hatte ich Ende 2015 ein Silvester, dass sich endlich mal sehen lassen konnte. Ich wollte das Jahresende bei mir begehen, denn ich dachte: mich selbst durch Feuerwerkskörper zu entflammen, mich zu verlaufen oder dem Ex-Freund zu begegnen ist in meinen eigenen vier Wänden am unwahrscheinlichsten. Und so war ich bereits morgens voller Zuversicht, dass dieses Silvester wirklich mal ganz gut wird. Ich habe (wie es sich für das Ende des Jahres gehört) erst einmal aufgeräumt und ausgemistet, bin dabei in der hintersten Ecke eines Schrankes auf einen Raumduft gestoßen der bereits Mitte 2014 abgelaufen war und habe ihn – beim Versuch, ihn zu entsorgen – versehentlich in meiner Küche fallen gelassen. Es hat mich satte 3 Stunden Extrem-Lüftung so mitten im Winter und eine damit verbundene Identifikation mit einem Eiszapfen gekostet, diesen Duft (der im übrigen stark an ein illegal betriebenes, drittklassiges Bordell erinnerte) aus meiner Wohnung zu bekommen. Aber es war noch nicht offiziell Silvester, die Panne zählt also nicht. Und damit sich sowas in 2016 nicht wiederholt, hatte ich den ultimativen Programmpunkt für meine Gäste und mich entwickelt.
Ich hatte alle Silvesterbräuche aus allen möglichen Ländern herausgesucht und (tolerant wie ich nun mal bin) befohlen, dass wir alle Bräuche nach den entsprechenden Regeln durchführten. Denn, je mehr Glücksrituale man durchführt, desto eher sinkt das Risiko, 2016 versehentlich mit abgelaufenen Raumdüften seine eigene Wohnung zu verseuchen. Das sahen meine Gäste genauso, fingen ohne Wiederrede um Mitternacht mit dem ersten Brauch an, aßen (wie vorher von mir erläutert) 12 Trauben, im Takt, bis zum 12. Schlag und wünschten sich bei jeder Traube etwas. Ich war sehr entzückt, als ich sah, wie sich jeder explizit daran hielt. Etwas zu entzückt, so dass ich den Start der Traubenesserei einfach verpasste und deswegen gleich 8 Trauben auf einmal runterwürgen musste. Da ich aber auch eigentlich nur einen Wunsch hatte, zählt das trotzdem. Finde ich.
Auch die restlichen Traditionen haben wir glanzvoll durchgeführt. Auch ich. Trotz Bauchschmerzen. Denn ich vertrage keine Trauben. Das ist mir dann aber erst nach 12 wieder eingefallen.
Und wenn ich so darüber nachdenke, war das herumtragen eines Rosinenbrotes, das Walzertanzen, die Wunderkerzen, das Herumwedeln mit dem Glücksbambus,…ja, all das waren gleichzeitig auch unglaublich spaßige Programmpunkte, die nicht nur Glück bringen sollen, sondern auch..
…und dann kommt mir plötzlich ein Gedanke, während ich mein blaues Lieblingshandtuch bügele (ja, auch die sollten gebügelt werden!). Hatte ich es übertrieben mit den Glücksritualen an Silvester? Was, wenn ich jetzt zu viel Glück habe? Was, wenn mir 2016 alles gelingt? Was, wenn in diesem Jahr alles nur noch rund läuft? Worüber soll ich denn dann bitte noch schreiben?
Ich stelle mein Bügeleisen beiseite, nehme den Telefonhörer in die Hand und rufe meine Mutter an. „Johanna“ erklärt Sie mir „Auch Trauben und ein Walzertanz werden das Chaos in Deinem Leben sicher nicht komplett auslöschen. Man kann schließlich nicht einfach so aus seiner Haut.“
Ich kehre erleichtert zum Bügelbrett zurück.
„Meine Mama hat schließlich immer recht!“ strahle ich.
Und dann bemerke ich einen merkwürdigen Duft in der Wohnung. Aber gar nicht so nach Bordell, sondern eher nach etwas verschmorrtem.
Und ich erkenne, dass ich das Bügeleisen idealerweise auf meinem superflauschigen Lieblingsteppich abgestellt hatte.
Ich reiße das Bügeleisen von der Stelle des Teppichs, der inzwischen nur noch ein großes Loch aufweist.
„Oh ja“ seufze ich.
„Und wie meine Mama einfach immer recht hat!“


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/maikaefer/14841550899

 

Mit Geduld und Spucke…

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So. Schon wieder nähern wir uns dem Ende eines Jahres. Und schon wieder werden ringsherum Pläne für Silvester geschmiedet. Was zieht man an? Wo stößt man an? Wie feiert man? Und wie viel Aspirin wird vermutlich zur Bekämpfung des Folgekaters am 01.01. benötigt?
Fragen über Fragen…die ich mir schon gar nicht mehr stelle.
So wie bei den Italienern die rote Unterwäsche, bei den Chinesen das Ultra-Feuerwerk und bei den Spaniern die Trauben, so ist es bei mir Silvestertradition, dass alles – ja wirklich alles – schief läuft. Ganz egal, wie gut die Aussichten sind und wie detailliert die Pläne erfasst wurden.
Das begann bei mir schon ziemlich früh, denn jede Tradition braucht Ihren frühzeitigen Anfang. Der war bei mir, als ich – die 7-Jährige Johanna – an Silvester meine neue Lieblingsjacke anzog, um das tolle Feuerwerk anzuschauen, das mein Papa vorbereitet hatte. „Nimm‘ doch lieber eine alte Jacke, bei Dir weiß man nie Johanna!“ meinte Mama damals. Und nein, mit 7 Jahren wusste ich noch nicht, was für eine weise Frau Sie doch ist.
Also ging ich mit neuer Jacke nach draußen, half beim Anzünden des Feuerwerkskörpers, der in einer leeren Flasche senkrecht nach oben stand. Dann stieß ich beim Rückwärtslaufen die Flasche um, sodass der Feuerwerkskörper nun direkt auf mich zeigte. Und dann rannte ich. Um mein Leben. Leider nicht nach Links oder Rechts. Sondern schnurrschnacks geradeaus. Und da ich – unglaublicherweise – nicht schneller rennen als ein Feuerwerkskörper fliegen kann, zischte der Feuerwerkskörper auf mich zu. Meine neue Jacke wurde total verkokelt. Meine Begeisterung für Feuerwerk auch. Und ich habe bestimmt die erste Hälfte des neuen Jahres damit verbracht, über diesen Schock hinweg zu kommen.
Mit 16 dann, habe ich Silvester bei meiner besten Freundin Sophie in New York verbracht. DIE Traumstadt mit DER Traumfreundin in DEM Traumoutfit an DER Nacht überhaupt. Und wir feierten, wie es sich für einen Silvesterabend in New York gehört. Zunächst zuhause bei Raclette und Sekt, dann bei Freunden von Freunden, deren Freunde ein Appartement direkt an der Brooklinbridge besaßen, und dann wurden wir in einer Limousine durch die Straßen New Yorks gefahren. Und es hätte alles so schön sein können, wenn ich nicht – bei einem kurzen Halt – schnell und leise aus der Limousine herausgesprungen wäre, um nur kurz etwas frische Luft zu schnappen. Die frische Luft (sofern man in New York von frischer Luft sprechen kann) tat mir wirklich gut. Aber nur, bis ich merkte, dass ich leider etwas zu unauffällig ausgestiegen war. Die Limousine war weg. Meine Freundin Sophie auch. Mein Handy lag in Deutschland (und seien wir ehrlich – selbst wenn ich es mit in die USA genommen hätte, hätte ich es an diesem Abend sicherlich bereits verloren). Meine Vorahnung, nun das kommende Jahr auf New Yorks Straßen verbringen zu müssen, wurde immer klarer. Und als ich so im Nieselregen an einer unbekannten Straßenecke dastand und es genau Zwölf Uhr schlug, verfluchte ich Silvester erneut. Statt das neue Jahr ausgiebig zu begrüßen, stellte ich mir also vor, wie mein neues Leben in einer US-Straßengang wohl aussehen würde. Vielleicht lag es an meiner Glitzer-Tasche oder an meinem roten Nagellack. Aber irgendwie konnte ich es mir auch nach 10 Minuten nicht wirklich vorstellen. Das war aber nicht weiter schlimm, denn weitere 5 Minuten später fand mich meine Freundin Sophie wieder. Sie versprach: „Wir wollen uns nie, nie wieder verlieren!“.
Wir verloren und an diesem Abend noch ein paar mal, doch ich wurde nie Mitglied einer Straßengang und in Deutschland bin ich bekanntermaßen auch wieder angekommen.
Auf dieses Silvester folgten dann noch Neujahrsfeiereien, an denen ich Punkt Mitternacht vor einem überfüllten Club anstand. Und Feiern, an denen ich mich alleine Mitten in Kaiserslautern wiederfand, weil ich mich auf dem Weg von der einen zur anderen Party furchtbar verlaufen hatte. Dann gab es einen Silvesterabend, den ich gemütlich Zuhause verbrachte – und den Neujahrsbeginn einfach verschlief. Und dann gab es ein Silvester, den ich gezwungenermaßen mit meinem frischgebackenen Exfreund zwischen romantischem Kerzenlicht und leuchtend-buntem Feuerwerk verbringen musste. Zumindest mit dem Anzünden eines Feuerwerkskörpers wurde ich, seit dem 7. Lebensjahr, nicht mehr beauftragt.
Ja. Meine Silvester waren bisher eher wenig Vielversprechend und vielmehr chaotisch als elegant. Mein Freund Tobi behauptet sogar steif und fest: „So, wie man Silvesterabende verbringt, so erlebt man auch das kommende Jahr!“.
Wenn er damit recht hat, dann erklärt das zumindest, warum mir über’s Jahr verteilt so viel Chaos begegnet, warum bei mir so einiges schief läuft und warum ich von Januar bis Dezember nichts anderes tue, als durch Fettnäppfchen zu waten und Stolperfallen auszuweichen versuche.
„Johanna“, reißt mich meine Kollegin Corinna mitten in der Agentur aus meinen Gedanken. „Kannst Du Stefan mal einen Espresso in den Meetingraum bringen?“ „Bitte?“ denke ich nur empört. „Kann er seinen Espresso nicht selbst holen?“. Doch, weil ich eben ein herzensguter Mensch bin, drücke ich an der Kaffeemaschine auf „Espresso“ und transportiere das Getränk zum Meetingraum. Dort sitzt Stefan mit meiner Kollegin Sarah und scheint etwas zu besprechen. Ich reiche ihm den Espresso und rufe mit einem Grinsen in seine Richtung: „Ich hab‘ mal eben reingespuckt, ne!?“.
Im Meetingraum wird es still. Stefan grinst. Sarah reißt die Augen auf. Und Corinna – nun direkt hinter mir – flüstert mir zu: „Ähm, wir haben gerade Videokonferenz mit einem Kunden!“.
Ich drehe mich um und bemerke erst dann den großen Bildschirm mit Videoschaltung.
Okay.
Dieses Silvester.
Das muss jetzt wirklich mal gut werden!


Photo Credits: https://www.flickr.com/photos/maelick/22052630565

 

UND IMMER WIEDER HEITER SCHEITERN

Die Nacht der Nächte, in der sich alles ändern soll. Üppig bestückt sind sie ja meistens, diese Listen an Neujahrsvorsätzen. Und so sehr ich mich auch dafür schäme: Jedes Mal aufs Neue – sobald ich langsam die Aussicht auf ein neues Jahr erhalte – zücke ich meine To-Do – Liste und schreibe auf… naja… eigentlich alle Vorsätze, die es bereits im vergangenen Jahr auf die Liste geschafft haben. Und im Jahr davor. Und die aus dem Jahr davor auch.
Es scheint – auch wenn ich mir das nur schweren Herzens eingestehen kann – dass ich wohl noch nie einen Vorsatz voll und ganz in die Tat umgesetzt habe. Ich bin fast so kühn zu behaupten, dass bei mir die meisten Vorsätze bereits Ende Januar in die ewigen Jagdgründe verschwinden. Zusammen mit dem ein oder anderen Kleid, in das ich eigentlich – dank einiger kalorienreduzierenden Vorsätze – wieder hineinpassen wollte. Ich breche die Vorsätze immer wieder. Ich hab’s mir quasi einfach “johanngewöhnt”.

Aber so sind sie, diese mistigen Vorsätze: Elendige kleine Zukunftsfantasien, die bei mir den Eindruck erwecken, die Umsetzung sei ein Klacks. Wie üppige Anleitungen zu Hochsteckfrisuren. Und am Ende sieht’s doch nur aus, wie ein verwaistes Vogelnest!
Aber es sind nicht nur die Wiederholungstäter, die sich auf dieser Liste der unrealistischen Wahnvorstellungen wiederfinden. Denn auch wenn mein Geldbeutelinhalt sich scheinbar weigert dies zu glauben: Stetiges Wachstum ist das A und O. Deshalb kommt jedes Jahr ein Vorsatz hinzu, über den ich bereits bei der Formulierung weiß: “Hallo kleiner Vorsatz, auch Dich werde ich nun Jahr für Jahr wieder sehen.” Doch ich tu’ es trotzdem. Genau wie ich mir jeden Sommer mindestens eine Jodhpurhose zulege, obwohl mir doch schmerzlich bewusst ist, dass ich damit aussehe, wie eine Fünfjährige in einem zu großen Strampler. Ich habe bereits fünf (!) von dieser Hosensorte in meinem Schrank. Und genau wie die Ansammlung dieser zweifelhaften Sommerteile, vermehren sich auch meine Vorsätze.

Letztes Jahr hatte ich einen famosen Vorsatz, in dem sogar die minimale Hoffnung hatte, ihn durchzusetzen. Ich hatte mir fest vorgenommen, mir nur noch Kleidungsstücke zu leisten, von denen ich bereits wusste, dass sie mir ganz hervorragend standen. Eben alle Teile, die etwas “johannmutiges” an sich hatten. Mit Mitte zwanzig hat man ja so einiges durch und weiß zumindest, worin man nicht ärmer, ungelenkiger oder blasser wirkt, als man sowieso schon ist. Also habe ich mich ganz bewusst dazu entschlossen, Kleidern, High-Waist-Röcken und Wedges den Vorrang zu geben und meinen Schrank nur noch mit Dingen zu bestücken, die bereits als besonders kleidsam “johannerkannt” wurden. Doch der Sommer kam, mit ihm die 5. Jodhpurhose. Und damit war dann auch dieser Vorsatz dahin.
Und wenn auch der einzige Vorsatz, den ich scheinbar verinnerlicht habe, lautet, Vorsätze nie einzuhalten, so komme ich doch nicht darum herum, für 2014 ein neues Highlight an Unerreichbarkeit hinzuzufügen. Also werde ich auch diesmal einen Vorsatz aussuchen. Ich weiß auch schon, wie mein neuer Vorsatz lauten wird:
Nie wieder Mischwörter aus Adjektiv und meinem eigenen Namen.
Denn das klingt einfach lächerlich.

 


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MEHR PIRATEN BRAUCHT DAS LAND!

“Ooooch, wie ein Pralinée”, dies ist wohl der Lieblingsausruf meiner Mutter, wenn sie mich an Silvesterabenden sieht. Es ist einfach DER Abend im Jahr, an dem in Sachen Mode fast alles erlaubt ist. Übertreibungen? Gibt’s hier nicht. Die Kombination von Pink und rot? Silber zu Gold und dazu noch die ein oder anderen Glitzersteinchen? Extra-Mini-Kleid zu Extra-Maxi-High-Heels?
All diese “No-Gos”, die ich während des Jahres mit Müh’ und Not umschiffen will, habe ich bereits an den letzten Silvesterabenden komplett ausgeschöpft. Und auch meine Freundinnen zeigen sich an solch einem Abend stetig unerschrocken mutig. Ob Glitzerkleid mit Schimmer-Make-Up und Glitter-Clutch, oder Ledermini zu Overknees. Auf einer ordentlichen Silvesterparty findet wirklich alles zusammen. Man wird unbeschreiblich mutig und trägt das, wonach einem der Sinn steht. Im Alltag leider, wird’s dann schon nicht mehr ganz so mutig und selbstbewusst. So ist das Schicksal meiner tollen Schnürschuhe leider kein Einzelfall. Diese tollen und hinreißenden Budapester aus Leder, die ich bereits beim ersten Anblick in mein Herz geschlossen, gekauft und angezogen habe. Doch dann begegnete ich meiner Mutter. “Ahhh ja, DIE Schuhe findest Du an Dir gelungen?”. Seit diesem Tag befinden sich meine beiden Schmuckstücke in meinem virtuellen Kleiderschrank, frei zum Verkauf.
Lina, aus unserem Concierge Service, ist immer erstaunt, was für nahezu ungetragene Sachen ich da immer zum Verkauf anschleppe. “Warum verkaufst Du das bitte alles?”, fragt sie dann. Die Antwort ist ganz einfach: Ich lasse mich einfach zu schnell von anderen verunsichern. Leider. Und Lina akzeptiert das, stellt brav einen Artikel nach dem anderen online und schüttelt dabei stetig verwundert den Kopf.

Aber ist es nicht ein Trauerspiel, dass man sich meist nur an diesem einen Abend des Jahres von seinen eigenen modischen Gelüsten leiten lässt und man seinen stilistischen Instinkten nahezu nichts zutraut? Auch neben Silvester sollte man sein ganz eigenes Ding durchziehen. Deswegen rufe ich mich fortan selbst dazu auf: Mehr Mut, mehr Eigensinn, mehr Auffallen!
Um als gutes Beispiel voran zu gehen (mache ich ja sonst nie) habe ich mir nun auch einen lange gehegten Traum erfüllt. Ein – wie ich finde – wunderbar fabelhaftes Denim-Latzkleid hat meine Kleiderfamilie bereichert und wird von mir auch sogleich ins Office ausgeführt. Natürlich muss ich nicht lange auf Kommentare warten Ich bin etwas verwundert, von “wunderbar” bis “herzallerliebst” ist diesmal alles positive dabei, was der Wortschatz so hergibt. Da scheint man einmal andere Meinungen nicht mehr berücksichtigen zu wollen, schon wird der eigene Mut belohnt! Seht Ihr!?
Umso beschwingter tippele ich nach der Arbeit nachhause und tänzele entzückt durch meine WG.
Nie wieder werde ich auf eigenwillige modische Kreationen verzichten! Nie wieder lasse ich mir meinen Geschmack durch andere Meinungen verderben! Nie wieder warte ich bis Silvester, um neu zu kombinieren und gewagte Schnitte vorzuzeigen!
Ich fühle mich auf einmal so mutig, fast wie ein Pirat. Naja, ein modisch-fortschrittlicher Pirat. Und in meiner Piratenlaune hopse ich zur Küche. Dort steht Anne, die Freundin meines Mitbewohners: “Johanna, ein Latzkleid? SOWAS gefällt Dir?”

Lina, ich hab’ da wieder was für den Concierge Service!

 


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